Kultur

Belleville Park Pages: Print für weniger als ein Pint

Artikel veröffentlicht am 28. November 2013
Artikel veröffentlicht am 28. November 2013

Die Literaturfans James Bird und Will Cox sind in Paris gestrandet. Bei einem Picknick entsteht dann zufällig die Idee zu Belleville Park Pages, einem Literatur-Magazin in Taschenbuchformat, das jungen zeitgenössischen Autoren eine neue Ausdrucksmöglichkeit bieten soll. Die Geschichte einer Zeitschrift, die zwischen einer Parkbank und einer Mansarde über den Dächern von Paris entstand.

James und Will sind zwei ju­gend­li­che Träu­mer, die den Spuren von Hem­ming­way und Pi­cas­so bis nach Paris ge­folgt sind. Sie beschließen eine Literaturzeit­schrift zu grün­den. Und dann auch noch handgemacht! Sie schei­nen aus einer an­de­ren Zeit zu kom­men. Aus einer Epo­che, die nach ver­gilb­ten Bü­chern und Tinte riecht. Eine Epoche, die knarzt wie die alten Man­sar­den der Buch­hand­lun­gen im Her­zen der französischen Haupt­stadt. Eine Zeit, die von träu­me­ri­schen Fens­tern weiß, die über die grau­en Dä­cher von Paris bli­cken.

Genau wie das Fens­ter, das sich in der Decke des sechs­ten Stocks eines ele­gan­ten Miets­hau­ses in der Ave­nue de la Répu­bli­que öff­net. Wir befinden uns in einer kleinen Einzimmerwohnung unter dem Dach im 11. Arondissement von Paris. Genau hier befindet sich die Re­dak­ti­on von Bel­le­vil­le Park Pages, einer klei­nen li­te­ra­ri­schen Bro­schü­re - für und von zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­lern. Sie erscheint alle 2 Wochen und wird zum be­schei­de­nen Preis von 2 Euro ver­kauft. Die Idee zur Zeitschrift, die im Juni 2013 zum ersten Mal erschien, entstammt den Köp­fen von James Bird, 22, Eng­län­der, und Will Cox, 23, Ame­ri­ka­ner.

Wie aus einem Picknick eine Zeitschrift wurde

"Wir haben einen Com­pu­ter und einen Dru­cker", er­zählt Will, "das ist alles, was wir brau­chen". Die Bel­le­vil­le Park Pages sind ganz ein­fach ein DIN-A3-Blatt, das kunst­voll ge­fal­tet 20 Sei­ten Zei­tung er­gibt und be­quem in jede Ta­sche passt.  "Wir wol­len den zahl­rei­chen, jun­gen Au­to­ren un­se­rer Zeit Raum und eine Stim­me geben", er­klä­ren sie. "Uns ge­fällt es nicht nur den Le­sern, son­dern vor allem den Schrift­stel­lern etwas Kon­kre­tes an­bie­ten zu kön­nen." Sie sagen: "Jeder kann im Grunde genommen heute einen Blog schreiben, aber Print ist für viele Autoren  immer noch wich­tig. Etwas Ge­schrie­be­nes, das man in sei­nem Bü­cher­re­gal auf­he­ben kann, auf dem Nacht­tisch - das ist un­sterb­lich", sagt Will.

Die Idee, eine Zeit­schrift zu grün­den, in der sich Fe­dern aus aller Welt aus­drü­cken kön­nen - bis­lang in eng­li­scher Spra­che - ent­stand wäh­rend eines Pick­nicks im Pariser Park von Bel­le­vil­le. "James und ich haben ein bisschen geblödelt", er­zählt Will. "Aber wir haben so­fort ge­merkt, dass wir schon viele Leser hät­ten, vor­ al­lem Schrift­stel­ler. Und dass wir nur dar­auf war­te­ten, dass je­mand den Mut hätte, ein Ma­ga­zin zu grün­den, um darin zu ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen." Gesagt - getan! Bel­le­vil­le Park Pages startete zunächst mit einer Fanpage auf Face­book  und dank Freunden von Feunden von Freunden er­hiel­ten die bei­den Her­aus­ge­ber be­reits in we­ni­ger als einem Monat Bei­trä­ge aus aller Welt: aus Japan und Paris, aus Ams­ter­dam und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten.

Als die Zeitschrift irgendwann auch in den Re­ga­len von Shake­speare and Co., dem wohl be­kann­testen englischsprachigen Pa­ri­ser Buch­la­den, landete, hat­ten James und Will die halbe Miete rein. Ziemlich schnell stiegen die Zahlen der Online-Ab­bon­nen­ten­. Der Groß­teil der Au­to­ren ist zwi­schen 18 und 25 Jahre alt. Ihre Bei­trä­ge sind, wenn­gleich un­ter­schied­lich in Stil und In­halt, in Ver­sen oder in Prosa, oft ähnlichen Ansätzen treu. "Viele von ihnen er­zäh­len Ge­schich­ten aus dem All­tag, von All­täg­lich­keit, aber sie sind mit einer ziem­lich star­ken, erfinderischen Kraft ge­schrie­ben, einem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ge­misch aus rhe­to­ri­schen Fi­gu­ren und Bil­dern", er­zählt Will. "Nimm zum Bei­spiel ein Abend­es­sen mit der Fa­mi­lie oder Si­tua­tio­nen, über die wir gar nicht mehr nachdenken würden, die aber aus un­ter­schied­lichs­ten Ecken und Blick­win­keln be­schrie­ben wer­den." 

"Die Blät­ter zu fal­ten ge­hört dabei zu den lang­wei­ligs­ten Mo­men­ten", sind sich beide einig. "Immer wie­der fra­gen wir Freun­de, ob sie uns dabei hel­fen können." James und Will haben sogar eine spe­zi­el­le ‘fol­ding play­list’ erstellt. Wenn bei der rechten Musik dann endlich fertig gefaltet wurde, wird die je­wei­li­ge Aus­ga­be bes­tem­pelt und in eine Plas­tik­hül­le ge­steckt. Die Aus­lie­fe­rung er­folgt wie im letz­ten Jahr­hun­dert: In einem kleinen Karton und per Fahrrad. Und für alle, die bereits ein Abo abgeschlossen haben, klop­fen die Lieferanten der Bel­le­vil­le Park Pages sogar an die Haus­tür. Das Heft wird dann in einem Brief­um­schlag mit hand­ge­schrie­ben­der Adres­se überreicht.

Neue tote Dichter

"Wir haben schon neue Pläne ausgeheckt", sagen Will und James und er­zäh­len von ihrer jüngs­ten Idee: Bel­le­vil­le Park Play­ers, eine Vi­deo­se­rie, in der die Au­to­ren ihre Ge­dich­te auch vor­tra­gen. Die bei­den sind zudem Stamm­gäste der Mon­tags­le­sung des Chat Noir, einem Pa­ri­ser Café in der Rue Jean-Pier­re Tim­baud. Für den reservierten James, mit blau­en Augen und tie­fer Stim­me, rei­chen Bühne und Pu­bli­kum, um den verkappten Dich­ter in ihm zum Vor­schein zu bringen. Ge­nau­er ge­sagt, im Kel­ler­ge­schoß des Cafés, wo sich re­gel­mä­ßig eine klei­ne Schar an­glo­pho­ner Li­te­ra­ten trifft, um ihre Verse zu rezitieren - wie ein frisch ge­ba­cke­ner Club der toten Dich­ter.

Aus einem Spaß ist mittlerweile die Haupt­be­schäf­ti­gung der bei­den Gründer ge­wor­den. Will hat sei­nen Job beim Abbey Book­shop an den Nagel gehängt, um sich voll und ganz dem li­te­ra­ri­schen Pro­jekt wid­men zu kön­nen. Und James er­zählt davon, dass sie sich teil­wei­se dazu zwin­gen müss­ten, hin und wie­der ein­fach nur ein wenig Sonne am Ufer des Canal Saint-Mar­tin zu ge­nie­ßen - ohne Ar­beit. "Als Her­aus­ge­ber und Ur­he­ber haben wir ein kleines An­fangs­ka­pi­tal in das Projekt gesteckt", er­klä­ren sie. "Und jetzt fi­nan­zie­ren wir mit dem Er­trag der vor­her­ge­hen­den Aus­ga­be je­weils die nächs­te." Die Mög­lich­keit, Geld über Crowd­fun­ding zu sam­meln, scheint bei­den keine ver­lo­cken­de Al­ter­na­ti­ve. "Wir wol­len un­se­re Ent­schei­dun­gen selbst kon­trol­lie­ren kön­nen", sagt Will, "ohne Kom­pro­mis­se."

Des­halb haben die bei­den Quer­köp­fe ein­stim­mig be­schlos­sen, die ein­zi­gen Ver­wal­ter des Pro­jek­ts zu bleiben. Ohne de­tail­lier­te Pro­gram­me und Ar­beits­plä­ne. Nach dem Motto: Mal schau­en, was pas­siert. In Erwartng der nächsten Ausgabe bleiben zunächst die Crois­sants ihres Lieblingsbäckers und eine La­wi­ne un­ver­öf­fent­lich­ter Autoren im Brief­kas­ten. Auch der Som­mer steht vor der Tür. Er ist end­lich auch am Pariser Canal Saint Martin angekommen. Und mit ihm eine gewisse Sorglosigkeit. Wie einer der Belleville-Au­to­ren schreibt: "Sum­mer in town breaks it down". In der kleinen Man­sar­de im sechs­ten Stock scheint das auf jeden Fall Programm zu sein.