Kultur

Belarus: Untergrund-Theater mit Hindernissen

Artikel veröffentlicht am 26. September 2014
Artikel veröffentlicht am 26. September 2014

Im Rahmen der Bulli-Tour hat es unsere beiden abenteuerlustigen Reporter nach Weißrussland verschlagen, in die 'letzte Diktatur Europas'. Auf ihrer Reise entdecken sie Widerstandsbühnen, die neben den regimeunkritischen Staatsbühnen zu bestehen versuchen.

Seit 20 Jahren klebt Alexander Lukaschenko, der weißrussische Präsident, förmlich an seinem Amt. Und seit fast genauso langer Zeit versuchen Künstler Front gegen die diktatorischen Facetten des Landes Belarus zu machen. Das Freie Weißrussische Theater ist eine illegale Organisation, die versucht in einem Land zu bestehen, das häufig als 'letzte Diktatur Europas' bezeichnet wird.

Lukaschenko und Sohn                            

Belarus erlangt 1990, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, die Unabhängigkeit. Seit 1994 kennt das Land nur einen einzigen Präsidenten: Alexander Lukaschenko, der bei jeder Wahl ohne große Überraschung wiedergewählt wird. Offiziell gibt es auch eine weißrussische Opposition: Politische Parteien sind registriert. Aber sobald sie zu viel Druck ausüben, kommen sie in 'Schwierigkeiten'. Schließungen, Zensur, temporäres Verschwinden und Exil bestimmen in Belarus nicht selten den Rhythmus des politischen Lebens.

Lukaschenko wurde zunächst 1994 gewählt und 2001, 2006 sowie 2010 immer wieder ins Amt gehoben. Seine Präsidentschaft ist vielumstritten, vor allem aufgrund eingeschränkter Personenrechte und Freiheiten, denen Bürgen und insbesondere Journalisten, laut der NGO Reporter ohne Grenzen, zum Opfer fallen.

Der weißrussische Präsident denkt aber schon an die nächste Wahl, die im Dezember 2015 stattfinden wird, und bei der er - man wird es kaum glauben - erneut gewählt werden möchte. Dafür verpasst er keine Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, in Begleitung… seines Sohnes! Die Lukaschenko-Dynastie könnte also in die nächste Runde gehen.

Minsker Untergrund

Victoria Biran ist Verwalterin am illegalen BFT (Belarus Free Theatre), das im Internet als „die einzige illegale Theatertruppe in Europas letzter Diktatur“ vorgestellt wird. In Minsk zählt man nicht weniger als fünf offizielle Bühnen: die Staatstheater. Wenn sie von den offiziell genehmigten Aufführungen spricht, macht Victoria keinen Hehl aus ihrer Verachtung: „Die Aufführungen der Staatstheatertruppen sind total altmodisch: Old-School-Style in Sowjet-Manier. Alles ist staubig, langweilig und vor allem sehr klassisch. Kein Platz für Kreativität und Neuheiten, und noch weniger für Engagement oder Reflexion über die aktuelle Gesellschaft. Dort will man die Leute unterhalten, um sie davon abzuhalten über die Realität nachzudenken. Die Bühne ist der verlängerte Arm der Diktatur.“

Eigentlich gibt es zwei Untergrund-Theater, die nebeneinander existieren, ohne starke Kontakte oder Verbindungen zueinander: der BFT und das 'Theater der Sklavenflügel' (Theatr Kryly Halopa), das sich in Brest, einer östlich gelegenen weißrussischen Stadt niedergelassen hat und 2001 gegründet wurde. Victoria Biran engagiert sich seit mehreren Jahren für das BFT und hofft in der Zukunft beide Widerstandsstrukturen näher aneinander bringen zu können. Das BFT hat, trotz Spannungen mit der Regierung, 2005 die Arbeit an mehreren Orten im Lande aufgenommen. Das Team wurde 2013 ausquartiert, obwohl weder Mietrückstände noch irgendwelche Beschwerden von Nachbarn vorlagen. Doch BFT stört durch seine bloße Existenz. Seine Shows und Aufführungen thematisieren Gender-Fragen, Selbstmord, die Diktatur... allesamt Themen, die nicht zum klassischen Repertoire der belarussischen Staatsbühnen zählen.

„Alles begann 2005, als das BFT ein Schreibwettbewerb in Dramatik ausgeschrieben hat. Dieses Ereignis hat größere Dimensionen angenommen und wurde von der Oppositionspresse verfolgt. Die letzte illegale Theatertruppe, Die Freie Bühne, war gerade von der Regierung liquidiert worden.  Die Künstler, die in der Opposition aktiv waren, wollten darauf reagieren. So wurde unser BFT geboren. In neun Jahren hat die Truppe schon zwei Dutzend Bühnenprojekte auf die Beine gestellt. Und jedes Mal beobachtet uns die Polizei, nimmt in ziviler Tarnung an unseren Vorstellungen teil. Wir müssen Tricks anwenden, um spielen zu können.“

Katz und Maus

An einer Vorstellung vom BFT teilzunehmen ist eine Herausforderung. Offiziell wird das Theaterensemble vom Regime geduldet. Lukaschenko versucht vor Europa eine gute Figur zu machen: Man möge sich nicht irren, sein Land sei gar keine Diktatur. Der Beweis? Es gibt sogar nicht-staatliche Theaterkollektive. Aber, wie durch Pech und Unglück, gibt es bei jeder Vorführung des BFT ein Problem, technischer oder administrativer Natur. Victoria lächelt, als sie die tausend und eine Gründe der Polizei auflistet, die es den Schauspielern verbietet, die Aufführungen stattfinden zu lassen. „Am 14. Februar 2014 sollte das BFT ein Stück im Rahmen eines Theaterfestivals spielen. Natürlich haben wir unsere Teilnahme nicht offiziell unter dem Namen des BFT angekündigt. Doch als die Behörden es begriffen haben, haben sie am Morgen der Vorstellung noch den Saal schließen lassen, wegen 'Leitungsreparaturen'. Wir haben nichts unversucht gelassen, um trotzdem spielen zu können. Wir sind alle möglichen Wege gegangen, haben sogar versucht das Stück auf der Straße zu spielen, gratis. Die Geheimdienste haben uns zurückgerufen, um uns daran zu erinnern, dass es verboten ist, zu spielen, ohne zuvor den Staat  in Kenntnis gesetzt zu haben.“

Seitdem kommuniziert das BFT über die sozialen Netzwerke (wenn diese denn nicht vom einzigen Internetanbieter auf Veranlassung des Regimes gesperrt werden) und über Newsletter: Sie teilen dem interessierten Publikum ein Datum, eine Uhrzeit und einen Ort mit, und führen dann erst die Gruppe in den Saal, in dem die Vorstellung stattfindet. Es ist eine Art und Weise, Rückschläge zu verhindern, aber sie birgt ein Risiko: Jede öffentliche Versammlung von mehr als fünf Menschen ist offiziell verboten.

„Unsere Stücke stören, weil sie dokumentarisch sind; sie haben keine Angst davor, die Wahrheit zu sprechen. Jeder gibt seine eigenen Erfahrungen preis und vertraut sich dem Publikum an. Die Leiter des BFT leben in London. Sie sind emigriert, weil sie hier in Belarus große Probleme bekommen haben. Sie hätten ins Gefängnis gesollt und sind geflohen. Sie setzen sich aber weiterhin ein, von England aus. Aber ich, ich bin noch nicht bekannt genug, um ins Gefängnis zu kommen. Deswegen bleibe ich hier und versuche dieser Opposition Leben zu geben. Hier, in Weißrussland, wenn du einen Fehler machst, kann alles zusammenbrechen.“

Den Rauch der Propaganda auflösen

Außer den Theaterstücken, die für die Regierung unbequem sind, bietet das BFT auch Theaterkurse an. Loha Chicanos, Autor von zwei Theaterstücken in Minsk, hat zwei Jahre lang an den Workhops teilgenommen. Als Schriftsteller verspürte er das Bedürfnis der Bühne und den Schauspielern näher zu sein: "Die Leute hier haben Angst, einige sagen, dass alles gut ist, aber das stimmt nicht. Ich will dagegen kämpfen. Ich kämpfe gegen das Feuer, das in mir brennt, gegen meine eigenen Ängste, und nicht gegen Menschen. Ich versuche mein Leben durch Kunst und vor allem durch das Theater zu ändern. Meine Stücke sprechen von unserer Welt, ohne Zensur.“

Das weißrussische System ist nicht totalitär. Dennoch weiß es das Regime mit den Ängsten derjenigen, die ihre eigene Wege gehen wollen, zu spielen. Wenn auch offiziell nicht alles verboten ist, weiß jeder, was es ihn kosten kann. Der KGB ist in diesem Teil Europas nach wie vor aktiv und hat mitten in Minsk Quartier bezogen. Loha lässt seine Stücke im Ausland leben:  „Weil man hier weder frei demonstrieren kann, noch frei eine Vorstellung geben kann. Ich schreibe meine Stücke, und sie werden woanders aufgeführt, in anderen Ländern. Zur Zeit sammle ich Aussagen ukrainischer Bürger, die ich im nächsten dokumentarischen Stück präsentieren werde. Die Regimepropaganda muss konterkariert und die wahre Stimme der Menschen zu Gehör gebracht werden.“

Dieser Artikel ist Teil der "Bulli Tour Eu­ropa", deren Partner Ca­fe­ba­bel Stras­bourg ist. Alle weiteren Artikel auf www.bullitour.eu.