Kultur

Barbarossa: Depristimmung in East London

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2013
In einer Welt, die nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden kann, hat ein englischer Musiker beschlossen, radikal ehrlich zu sein. Auf seinem neuesten Album nuschelt Barbarossa viel in seinen Bart über Sterblichkeit, Unglück und Fluchtreflexe. Immer mit dem gleichen Ziel: "to be true". Begegnung mit einer soul machine mit Tiefgang.

„Ich war in Italien in einem Duty free-Laden am Flughafen und hatte plötzlich eine Flasche Rotwein in der Hand. Auf dem Flaschenetikett war das Bild eines Typen mit einem langen, roten Bart zu sehen. Barbarossa, der Name des Weins, hat mir sofort gefallen. Ich habe erst hinterher herausgefunden, was er überhaupt bedeutet.“ Wie schon so viele Musiker vor ihm hat James Mathé seinen Künstlernamen aus einer Laune heraus gewählt. Seine Liebe zum Wein, zu seiner halb-italienischen Frau und zu seinem mächtigen roten Bart, der sein Gesicht beinahe zweiteilt, haben den 32-jährigen englischen Künstler in seiner Entscheidung bestätigt. Mittlerweile gibt James einen ganz passablen Barbarossa ab. Noch bärtiger als sonst lächelt er ein wenig, wenn man anmerkt, dass sein Künstlername doch eigentlich recht offensichtlich sei. In Wirklichkeit entscheidet sich Barbarossa nämlich nie für die Dinge, die sich wie selbstverständlich aufdrängen. Er denkt nach, reflektiert, nimmt sich Zeit. Damit alles zusammen passt, bis ins Detail.

Die Farbe der Gefühle

Zwischen seinem ersten Album Chemical Campfire und seinem zweiten Bloodlines, das seit 16. September in den Plattenläden ist, liegen fünf Jahre. Eine lange Zeit, in der er die perfekte musikalische Mischung gesucht und gefunden hat. Um sie dann auch wirklich zu verinnerlichen: „Es war mir wichtig, dass meine Musik meine ganze Persönlichkeit darstellt. Mich selbst als Musiker und als Mensch", erklärt er im Café Les Ondes, das ganz in der Nähe des Pariser Maison de la Radio liegt. 

Wenn er spricht, kratzt sich James Mathé oft an der Schulter, unter dem Ärmel seines Matrosenhemds; sucht nach Antworten, während er sich mit den Ellenbogen auf seinen übereinander geschlagenen Beinen abstützt. Wenn er sie dann findet, die Antwort, schaut er einem direkt in die Augen. Dann sprudeln die Worte hervor und tragen plötzlich all die menschlichen Züge und Tugenden, die James auch in der Musik und im Leben verteidigt sehen will. Er nennt das „high feelings“ und führt nach 30 Sekunden Überlegzeit weiter aus: Das seien „die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit des Musikers. Ganz tief drinnen spürt man doch, wenn man im Gespräch nicht ganz ehrlich ist. Und wenn man Musik macht, ist es das gleiche. Ich weiß ganz genau, wenn ich komplett mit dem Sound und mit den Worten harmoniere. Ich spüre es hier, in meinem Herzen“, bekräftigt er ohne es nötig zu haben, sich mit der Hand auf die Brust zu klopfen.

Wenn er fühlen will, dann erzählt James einfach von sich. Daher sollte Bloodlines auch als eine Art Lebenskonzentrat gehört werden. Die Grundidee war es, „sich nicht zu verstellen oder zu verstecken.“ Die 10 Titel des Albums verdankten sich recht „rohen Erlebnissen“. Ein Songbeispiel unter vielen: Butterfly Plague erzählt vom plötzlichen Tod eines langjährigen Freundes. Der Künstler zieht es aber vor, den Song als „Antwort auf eine Herausforderung, der ich mich stellen musste“ zu beschreiben. Barbarossa stimmt nur selten den ihm gestellten Fragen zu. Er verdaut sie, wägt ab, um dann fortzufahren, während er weiter nachdenkt: „In diesem Song wollte ich meine Gefühle verstehen. Das ganze Album ist so gemacht. Was ich fühle, entspricht dem Embryo eines Songs. Es geht dabei um alles: Verlust, Realität, Sterblichkeit, Flucht.“

Barbarossa - The Load

Depristimmung in East London

Man muss nicht eben musikalisch bewandert sein, um zu verstehen, dass man mit Barbarossa wohl eher nicht seine verlorengegangene Lebensfreude wiederfinden wird. Unter grauen Himmeln komponiert könnte Bloodlines jeden Optimisten ins Grab bringen. Aber das sei nun mal so, dafür könne er auch nichts. „Ich lache auch gerne“, gibt James nachsichtig lächelnd zu. „Aber wenn ich wirklich inspiriert bin und Songs schreibe, bin ich einfach immer melancholisch. Ich finde nicht, dass meine Lyrics depressiv sind. Ich bin nur Realist. Ich halte die Augen offen und erkenne, dass unsere Gesellschaft nicht perfekt ist, dass Menschen nicht perfekt sind, dass ich nicht perfekt bin. Das ist eben die conditio humana. Ich tue nur mein Bestes, um das zu verstehen.“

James Mathé versteht vor allem das, was er sieht. Aufgewachsen ist er in einem Vorort von London, lebt aber seit Längerem in Shoreditch, dem momentan hippsten Viertel der Stadt, wo sich „jenseits der Kreativität vor allem Armut und Unsicherheit verstecken.“ Umgeben von der Misere Londons arbeitete der Rotschopf an seinem ersten Album Chemical Campfire, das 2008 vom schottischen Label Fence Records produziert wurde. Eines nachts, als James in einem Pub im Zentrum von London Trübsal blies, traf er José Gonzales, der vorschlug, doch zusammen mit seiner erfolgreichen Band Junip auf Tour zu gehen. „José habe ich das erste mal vor acht Jahren getroffen, als er noch sein Soloding machte. Da sind wir Freunde geworden. Später ist er dann nach Schweden gegangen, um eine Band zu gründen. Als er nach England zurück kam, hat er mich eingeladen, mit ihm und seiner Band auf Tour zu gehen", erzählt James. Barbarossa nutzt die Gelegenheit, um als Soloact im Vorprogramm von Junip aufzutreten. Damals stellt sich der Künstler mit der falschen Piratenaura zum ersten Mal dem argentinischen, chilenischen und amerikanischen Publikum.

Mittlerweile hat James Erfolg: Er lebt endlich von seiner Musik, nachdem er vier Jahre lang als Wächter in Kunstgalerien gearbeitet hatte. Auch da hat sich der vermeintliche Sträfling seines Unglücks bedient, um ehrlich zu sein und niemanden etwas vorzumachen: „Ich habe alle Songs auf dem Album geschrieben, als ich gar kein Geld hatte. Das hat mir wirkliche Denkanstöße gegeben und mir geholfen, mich auf einen grundlegenden Aspekt des Künstlerdaseins zu konzentrieren: Die Realität ist hart. Ich will nicht lügen.“ Plötzlich verstummt Barbarossa, schaut weg, als ob er etwas suche, während er sich die Finger reibt. Ganz plötzlich ist sein Blick aber wieder da: „Ich will mich auch nicht verleugnen müssen.