Kultur

Baby-Rock für Europa: Tokio Hotel ansteckend

Artikel veröffentlicht am 28. März 2008
Artikel veröffentlicht am 28. März 2008
Sie sind jung, extrem erfolgreich - für Andere extrem nervig. Sie stürmen die Charts nicht nur im eigenen Land, sondern in ganz Europa. Teenagerbands boomen: Ist das Phänomen Tokio Hotel ansteckend?

Die Bandmitglieder werden immer jünger, die Fans erst recht. Jünger zu sein, als die Mitglieder der aktuellen Chartstürmer-Gruppen ist gar nicht so einfach, schließlich ist der Schlagzeuger Fabi der deutschen Punkpop-Band Killerpilze gerade zarte 14 Jahre alt. Benannt nach zu groß geratenen Pilzen auf einer Pizza, veröffentlicht die Band 2006 ihr Debütalbum Die Invasion der Killerpilze, 2007 folgte Album Nummer zwei Mit Pauken und Raketen - und schon wird das Punkpoptrio aus Bayern als Tokio Hotel-Erbe gehandelt.

Tokio Hotel - das ist die Band, die auf Deutsch singt und es schafft, nicht nur deutsche, sondern Teenager in ganz Europa zum Kreischen zu bringen. Für die englischen Fans singt Sänger Bill Kaulitz auf Englisch, für die französischen Konzertbesucher hat er ein "je m’appelle Bill" parat und selbst in New York sahen begeisterte US-Teenager die Band aus Magdeburg unlängst in einem ausverkauften Konzertsaal.

Bill, Tom, Georg und Gustav haben mit ihrem Clip "Spring nicht" gerade einen Echo in der Kategorie "bestes Video national" ergattert. Wie weggewischt scheinen Vorurteile und Ressentiments, die bis dato in Beton gegossen schienen: Am französischen Collège André Cotte in Saint Vallier sur Rhône, südlich von Lyon, bleiben Schüler am Freitagnachmittag sogar freiwillig länger in der Schule: "Die Schüler haben mich gefragt, ob ich mit ihnen Lieder von Tokio Hotel singe. Und wenn sie so begeistert dabei sind - das muss man doch fördern", sagt Deutschlehrerin Muriel Kemence.

Was an Tokio Hotel so fasziniert? "Es sind Jungen. Und sie sind schön", findet Sarah. "Besonders Bill." Florian (14) meint, "sie haben gute Stimmen". Und Pierre-Louis (14) sagt, "Tokio Hotel ist besonders, weil man sonst ja keine Musik mit deutschen Texten in Frankreich hört". Spätestens seit dem 14. Juli 2007 ist der Bekanntheitsgrad von Tokio Hotel in Frankreich gestiegen: Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte die Band zum französischen Nationalfeiertag unter den Eiffelturm bestellt. Seitdem lernen kleine Franzosen wieder bevorzugt Deutsch, eine Sprache die lange Zeit verpönt war. Goetheinstitute in ganz Frankreich sprechen von einer Einschreibewelle für Deutschkurse.

Windeln für Europas Rockszene

Aber Tokio Hotel ist nicht die einzige Band, die über die Grenzen des eigenen Landes Erfolg hat. In Frankreich boomen die so genannten Baby-Rocker wie Naast, Plastiscines oder BB Brunes. Die Bedwetters „Bettnässer“ aus Estland haben im Dezember in München den MTV Music Award gewonnen: In der Kategorie New Sound Of Europe hatten sie die Nase vorn, die Bandmitglieder zwischen 17 und 20 Jahre alt. Die offensichtlich in die Kinderwelt verweisenden Namen der Bands stehen für ein zielgerichtetes Marketing im Sinne der Tokio Hotel-Welle, die durch ganz Europa schlägt.

Vom Baltikum geht es weiter zu Dúné nach Dänemark, nominiert als Band des Jahres 2008 bei den dänischen Music Awards. Den „P3 Gold Award“, seines Zeichens wichtigster Musikpreis, den man in Dänemark ergattern kann, haben die sieben Jungs - Durchschnittsalter 20 - schon im Januar abgeräumt. Außerdem haben die Dúné-Dänen vor kurzem den European Border Breaker Award (EBBA) 2008 gewonnen, der jedes Jahr von der EU-Kommission auf der Musikmesse MIDEM in Cannes vergeben wird. Das Ziel: europäischen Nachwuchsbands zu helfen, über die Grenzen des eigenen Heimatlandes hinaus bekannt zu werden.

Dúné nach einem Konzert (Foto: Gregers Tycho/ myspace Dúné)

Soundtrack zum Erwachsenwerden

Was steckt hinter dem Erfolg, der Europas Schüler ausflippen lässt? Auf der Killerpilze-Homepage rühmt sich die Band, ihre Fans könnten sich mit ihrer Musik und ihren Texten identifizieren: „Es ist die Nähe zu den Themen, zum Leben, zum Erwachsenwerden, das eine große Authentizität erzeugt.“ Die drei Killerpilze aus Dillingen sind nicht zusammengecastet, sondern schlicht zur selben Schule gegangen. Seit fünf Jahren machen sie Musik, engagieren sich für die Initiative „Kein Bock auf Nazis“ und mit „Punk macht Schule“ haben sie eine eigene Initiative für den Bau einer Schule in Äthiopien ins Leben gerufen.

Tokio Hotel dagegen bekommen ihre Hits von Profi-Songwritern auf den Leib geschneidert: enttäuschte Liebe, Selbstmord, Scheidung sind Themen, die bei den jungen Hörern auf offene Ohren stoßen. Lackierte Fingernägel, Manga-Frisur, schwarz geschminkte Augen tun den Rest, um aus der Palette ‚Nachwuchsbands‘ hervorzustechen.

Orban wäre begeistert

Die riesige Fangemeinde erreichen die Bands nicht zuletzt über ihre mehrsprachigen Homepages. Die Killerpilze geben sich dreisprachig, Dúné ist bereits auf Deutsch vertreten, Tokio Hotel warten gleich mit neun verschiedenen Sprachfähnchen auf. Dazu gibt es noch Sonderseiten für kanadische oder amerikanische Fans.

In einem Interview mit dem Deutschland Online Magazin erklärt der Berliner Musikproduzent Patrik Majer einen möglichen und genauso platten Grund für den Erfolg deutscher Bands im Ausland: "Die sind einmalig in ihrem Auftreten, mit ihrer Musik, die in gewisser Weise sehr deutsch klingt, obwohl sie sich an amerikanischer Rockmusik orientiert. Das zeigt: Im Ausland haben deutsche Künstler mit einer besonderen Note Erfolg."

Wahrscheinlichere Erfolgsgründe sind aber Texte, die der Jugend aus der Seele sprechen und geschicktes Marketing: Titel reichen von "Ich glaub du stehst auf Blümchensex" (Killerpilze) bis zu "Schrei, bis du du selbst bist" (Tokio Hotel). Ob Ergebnis einer geschickten PR-Maschinerie oder Talent und harte Arbeit: Sicher ist, die Musikindustrie hat nach den Einbrüchen bei den CD-Verkäufen durch Downloaddienste und Musiktauschbörsen endlich wieder eine Kuh zum melken gefunden - dass die Zielgruppe dabei so jung sein muss, liegt auf der Hand.