Kultur

Autonomes Multikulti-Theater von Dänemark nach Italien

Artikel veröffentlicht am 11. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 11. Oktober 2012
Die italienische Theaterkompanie Cantieri Teatrali Koreja lässt sich vom legendären Odin Teatret aus Dänemark inspirieren, der von Eugenio Barba geleiteten Kompanie der Exilanten. Es geht dabei um Schauspieler mit ganz unterschiedlichen Geschichten, aber alle mit dem Ziel "immer neue Leben zu leben und das nicht nur auf der Bühne."

Das diesjährige Teatro dei Luoghi Fest (Theater der Orte, A.d.Ü.) spielte sich am Stadtrand ab, im Stadtteil Borgo Pace, dem Sitz der Theaterkompanie Cantieri Teatrali Koreja. Es brachte ein Sammelsurium aus Sprachen und Theatertraditionen, von Mazedonien bis England, von Frankreich bis Slowenien auf die Bühne, mit dem Ziel die Stadt durch Mehrsprachigkeit und Theaterkunst wiederzubeleben.

Das Hauptstück des ersten Festivalteils war Hamlet in einer Fassung aus Mazedonien. Das mazedonische Drama Theatre zeigte das Werk des berühmten Barden Shakespeare in einer nationalen Uraufführung als postmoderne, fast apokalyptische Version, voller unruhiger Stimmungen, mit nackten Körpern unter Glas und Schauspielern in Smoking und Sonnenbrille. Eine makabere Metapher eines bulimischen Weltmarktes, der sich gefräßig auf Bilder, Töne und Informationen stürzt.

Die Cantieri, auch unter dem etwas sperrigen Namen Teatro Stabile d’Innovazione (Teatro stabile steht in Italien für autonom organisierte Theater, A.d.Ü.) bekannt, haben ihren Sitz seit 1999 in Lecce, wo sie in einer ehemaligen Ziegelfabrik arbeiten. Ihr Vorhang öffnete sich zum ersten Mal 1985 im nahegelegenen Aradeo, in einem zerfallenen Bauernhof, der zur Anlaufstelle für ihr Straßentheater wurde. Das war die erste Etappe einer internationalen Karriere, die heute mit Archeo.S, einer vom IPA-Entwicklungsprogramm für grenzübergreifende Zusammenarbeit im Adriaraum der EU unterstützte Initiative, andauert.

Die Initiative will Theater mit allen Ländern kreieren, die an der Adria liegen und gemeinsame kulturelle Ressourcen sowie unbekannte Bühnen miteinander teilen. Auch beim Festival zu sehen war das mithilfe von Archeo.S und Cantieri Koreja entstandene Stück La parola padre ("Das Wort Vater"). Darin spielen sechs Mädchen, die bei Seminaren in Mittel- und Osteuropa ausgewählt wurden und ihr Bühnenstück auch in Kroatien und Albanien gezeigt haben.

Von Dänemark nach Italien

Wie Nomaden aus Berufung lassen sich die Macher der Cantieri Koreja von der legendären Multikulti-Truppe des dänischen Odin Theater inspirieren. Es ist ein Theater von Exilanten, das von einem Italiener aus der gleichen Region, dem Salento (Halbinsel, Absatz des italienischen Stiefels, A.d.Ü.), konzipiert wurde. Das Motto? Aus Multikulturalität eine Regel und aus Sprachenmischmasch eine Kraft machen. Es war im Jahr 1964, als der ursprünglich aus Gallipoli (Stadt in der apulischen Provinz Lecce, A.d.Ü.) stammende und dem Theater von Jerzy Grotowski verschriebene Eugenio Barba in Oslo entscheidet, jener Splittergruppe von Zurückgewiesenen eine Form zu geben. Die Gruppe war aus der Nationalen Norwegischen Theaterschule wegen Unruhe und maßloser Exzentrizität ihres Talentes ausgeschlossen worden. So entstand eine Dramaturgie, die sich allein auf den Schauspieler stützt, um über sprachlichen Missverständnissen zu stehen und gemeinsam auf jener außergewöhnlichen Insel zu leben, die weder Grenzen noch Nationalitäten kennt: die Bühne.

Gegründet 1966 in Dänemark, ist das nordische Theaterlabor  "Odin Teatret" offiziell eine autonome Institution, erhält aber Subventionen vom norwegischen Kultusministerium und Geld von der Regionalregierung des dänischen Örtchens Holstebro, dessen weitsichtiger Bürgermeister verstanden hat, dass seiner Region die Industrie nicht ausreicht. Genau in dieser kleinen Stadt in Mitteljütland findet jedes Jahr im August das Odin Week Festival statt, zehn Tage voller Stücke und Diskussionen zum Theater auf Wanderschaft. Es zieht Theaterbegeisterte aus aller Welt an, die an den Hof von Odin kommen, um zu lernen, wie sie die Körperarbeit des Schauspielers Barba erlernen können.

Heute besteht das Odin Theater aus Schauspielern, die aus der ganzen Welt kommen. Sie zeigen ihre Stücke in 63 Ländern und den unterschiedlichsten sozialen Umfeldern. Eine Herangehensweise an Theater, die für viele überraschend war, die aber alle mit dem gleichen Ziel verfolgen. So zum Beispiel auch der Kritiker Franco Quadri in Barbas Buch Le Prediche dal Giardino ("Predigten aus dem Garten"): "das Leben komplett verändern und sich total dem Ruf des Studiums und der Kreativität hingeben, vom dänischen Sitz zu einem unendlichen Umherziehen zwischen den Kontinenten zu gelangen, ohne jemals weder mit dem Lernen noch mit dem Unterrichten aufzuhören, immer neue Leben lebend, nicht nur auf der Bühne."

Diese Form von Theater verlangt die komplette Autonomie des Geistes, die ganz der Fantasie zur Verfügung steht, für ein Theater, das von Nietzsches Prinzipien der Freiheit der Aktion und der Gedanken inspiriert wird und unabhängig von Politik und Institutionen ist. Es ist eine freie Kunst, die unkonventionelle Bühnen nutzt und der Faszination von Straßentheater unterliegt, genau wie eben jenes Theater, das Barba 1974 im Salento erfunden hatte. Wichtig ist und bleibt die Praxis des “Kulturaustauschs“, eine Schar aus Masken, Guitti (Komödianten niederen Ranges im 16. Jahrhundert, A.d.Ü.) und Tänzer - gemischt mit einer Handvoll lokaler Kulturtraditionen.

Macht und Ausgrenzung

Als Erben von Barbas Theater, das mittlerweile nur noch manchmal ins Salento zurückkehrt, haben Cantieri Koreja von den Theaterspielern aus Holstebro die Neugier nach fernen Kulturen aufgegriffen, die sie schon in den Iran, nach Brasilien, Bolivien und auf den Balkan geführt hat. Ausgerechnet auf der anderen Seite der Adria, ist Brat ("Bruder") entstanden, eins der stärksten Stücke und kennzeichnend für Koreja. In Brat haben professionelle Schauspieler und junge Roma in einer Neufassung der Bettleroper von John Gay zusammengespielt. Es war ein metaphorisches Aufeinandertreffen von Macht und Ausgrenzung, wobei die größte Zufriedenheit, so Ungaro, ein Kunstdirektor der Kompanie, gewesen sei, die Herausforderung der Verbote der diskriminierten und in jede Richtung verfolgten Jugendlichen zu gewinnen. Man wollte die jungen Menschen davon überzeugen, sich vor einen Spiegel zu stellen, um sich ihrer eigenen kontroversen Identität mit Leichtigkeit und unter den Bedingungen der Bühne zu stellen.

Mit dem Studium der europäischen Tradition beschäftigt und bei der Entdeckung gemeinsamer Wurzeln sowie einer gemeinsamen Zukunft, hat Koreja im vergangenen Jahr gemeinsam mit Theatern in England, Mazedonien, Bulgarien und Polen das Projekt P.L.O.T.S. gestartet, um ein Zentrum euro-mediterraner Forschung für die Mobilität von Schauspielern in ganz Europa einzurichten und dem Anspruch des internationalen Publikums zu genügen, sich Teil einer gemeinsamen Geschichte zu fühlen. Aber vor allem, um der puren Magie des Theaters die Aufgabe zu geben, sprachliche und soziale Barrieren zu überwinden.

Foto: ©Teatro Koreja; Video: (cc)Odin Teatret/YouTube