Kultur

Auf der anderen Seite: Warschau-Praga

Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2010
Kein Stadtviertel in Warschau verändert sich so rasant wie Praga. Künstler, Partygänger und Investoren zieht es ans rechte Weichselufer. Zwischen Alteingesessenen und Altbauten suchen sie vor allem eins: Authentizität.

Foto ©Mila SzołkowskaDa steht er in seiner dunkelgrüne Steppjacke, den abgewetzten Hosen und Stiefeln. Gebeugt, nachdenklich, die Hände in den Jackentaschen, an der Czynszowa Straße Ecke Stalowa, Praga-Nord. „Pan Guma“ haben ihn die Kinder des Viertels getauft - Herr Gummi. Die Skulptur aus Gummi und Kunststoff haben Sieben- bis Dreizehnjährige hergestellt, unter Leitung des Künstlers Paweł Althamer und einer pädagogischen Initiative, der GPiAS (Grupa Pedagogiki i Animacji Społecznej Praga Północ). Pan Guma ist der Held von Praga.

Wenn man die Innenstadt mit ihren sechsspurigen Alleen und Nachwende-Wolkenkratzern hinter sich lässt und die Weichsel überquert, beginnt ein anderes Warschau. Hier liegen das Wohnviertel Grochów, das bürgerliche Saska Kępa, Praga-Nord, Praga-Süd und das Viertel Szmulki, das an die Eisenbahntrasse Richtung Ostpolen grenzt. Für die Warschauer von der anderen Weichselseite ist all das „Praga“: Eine Gegend voller Gefahren und Trunkenbolde, die den größten Bazar Europas beherbergte und in der nun das Nationalstadion für die EM 2012 wächst.

„In Praga war es immer kleiner und gemütlicher als in Warschau. Sicher auch gefährlicher, aber mit Seele.“ Der 27-jährige Lech lebt seit seiner Geburt auf der rechten Weichselseite. Er kennt die Vorurteile gegenüber seinem Heimatviertel. Praga sei praktisch, hält er dagegen, mit der Straßenbahn sind es nur wenige Minuten ins Zentrum. Praga verändere sich. Künstler ziehen her, es gibt Galerien, Kneipen, Theater und das „Bermudadreieck“ aus Clubs in der Listopada. Und: Praga ist authentisch.

Praga-Nord

Insel der Einheimischen

Authentizität ist ein rares Gut in Warschau. Vor dem Krieg brodelte auf dem rechten Weichselufer ein Leben ganz eigener Art. Züge aus Russland hielten, es wurden Geschäfte gemacht, im späten 19. Jahrhundert entstanden neue Stadtviertel und Fabriken. 42 Prozent der Bewohner Pragas waren Juden. Die Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört. In Praga fiel nur ein Viertel der Häuser den Bomben zum Opfer. Als Warschau nach dem Krieg mit Menschen vom Land besiedelt wurde, blieb Praga eine Insel in der Welt der Zugezogenen. Viele Familien leben hier seit Generationen. Von den neuen Warschauern werden sie liebevoll-spöttisch die „Prażanie“ genannt. Man höre ihnen an der Aussprache einzelner Vokale an, dass sie aus Praga stammen.

Nach 1945 passten die alten Häuser nicht zur Idee des neuen Menschen. „Sie wollten, dass Praga verfällt“, beschreibt Izabella Tarwacka die Haltung der kommunistischen Stadtverwaltung gegenüber Praga. „Und das haben sie auch fast geschafft.“ Die junge Frau arbeitet für den Verein Totu, einem Teil der Dachorganisation Monopol Warszawski. Der Verein hat sich Pragas Revitalisierung auf die Fahnen geschrieben: „Wir wollen Praga lebens- und liebenswert machen. Die Leute von der anderen Weichselseite und die Touristen sollen sehen, was Praga wirklich ist.“ Totu bildet Stadtführer für Praga aus. Von den zehn bis zwölf Millionen Touristen, die es jährlich nach Warschau zieht, wagt bisher nur ein Prozent den Sprung über die Weichsel.

Kunst, Designer, Investoren

Die Zukunft kam nach Praga, als Roman Polanski nach Kulissen für seinen Pianist Ausschau hielt. Er suchte alte Häuser, alte Straßen - das alte Warschau. 2002 wurde gedreht.

Jetzt sprießen Galerien, Designs-Shops und Bars wie Pilze aus dem Boden. Jährlich gibt es mehrere Straßenfeste. Zur ersten „Noc Pragi“ (Praga-Nacht) am 12. Juni kamen auch bei strömendem Regen etwa 30.000 Menschen. 52 Kneipen, Clubs und Galerien beteiligten sich. Die Fabryka Trzciny in der Ulica Otwocka war die Avantgarde der Avantgarde: 2003 verwandelte der Warschauer Komponist und Produzent Wojciech Trzcinski das Fabrikgebäude in ein Kulturzentrum mit Theater, Bars, Konzerthalle und Nachtklub.

Janusz Owsiany ist einer von jenen, denen Praga am Herzen liegt. Der gemütliche Mittsechziger leitet den Verein Monopol Warszawski. Früher war er Angestellter der staatlichen Wodkafabrik Koneser. Nach der Wende ging es bergab. Doch Owsiany hatte eine Vision: „Ich besuchte die Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauerberg und dachte mir: So etwas können wir hier auch.“ Jetzt hat Koneser ein Theater, ein Kino, Ausstellungsräume, ein Antiquariat und das Restaurant Miotła. Vor vier Jahren kauften die Investoren Juvenes und BBI Development das Gelände. Wegen der Finanzkrise liegt der Bau von Lofts und Galerien derzeit auf Eis. Lange kann es aber nicht mehr dauern, bis es im Koneser so aussieht wie auf den Hochglanzbildern im Stadtmagazin.

Alternatives Restaurant Miodła (re)

„Evolution statt Revolution“

Die jahrzehntelange und gezielte Vernachlässigung des Stadtteils aber hinterlässt Spuren. Man sieht viel Bier und Wodka in Praga, viele verwahrloste Kinder und viele verhärmte Gesichter. Die Hinterhöfe sind auch deshalb so romantisch, weil sie so verfallen sind. „Es ist ein schwieriges Viertel, vor allem wegen des Alkoholismus und der Arbeitslosigkeit“, gesteht Marta Zawiła-Piłat von der Bezirksverwaltung. „Aber es sind die Bewohner, die Praga zu etwas Besonderem machen. Wir müssen sie einbeziehen. Wir wollen Evolution, nicht Revolution.“ Und auch Izabella Tarwacka will nichts von Gentrifizierung hören. Die Stadtführer, die Totu ausbildet, kommen selber aus Praga. Studenten und Künstler sind unter ihnen, aber auch Alteingesessene. „Wir machen gute Erfahrungen mit den Menschen hier. Sie wollen und sollen hierbleiben. Es ist ihr Viertel.“

Feiern jedenfalls lässt es sich in Praga, gern auch bis nach Sonnenaufgang. Erschöpft strecken sich die Nachtschwärmer auf Matratzen im Hof der alten Wodkafabrik aus. Hier soll schon bald eine Terrasse entstehen, mit Kunstrasen. Das Maskottchen des Restaurants Miotła, ein hellbraunes Kaninchen, hoppelt herum. Der alte Pete Seeger, der mit der Stimme Natalie Merchants in diesen frühen Morgenstunden aus den Boxen schallt, hatte schon alles verstanden: „Which side are you on, boys?“

Mit Dank an Marysia Amribd

Fotos: Pan Gum ©Mila Szołkowska; Alle anderen Fotos ©Ezequiel Scagnetti/ ezequiel-scagnetti.com