Kultur

Auf dem Schulhof von Babel

Artikel veröffentlicht am 21. März 2014
Artikel veröffentlicht am 21. März 2014

24 Schü­ler un­ter­schied­lichs­ter Her­kunft ver­fol­gen ein ge­mein­sa­mes Ziel: in einer Klas­se des Collège de la Gran­ge aux Bel­les in Paris ler­nen sie Fran­zö­sisch. Die Fil­me­ma­che­rin Julie Ber­tuc­cel­li hat sie ein Jahr lang be­glei­tet. Das Er­geb­nis ist ein wun­der­schö­ner Film über To­le­ranz und Ge­mein­schaft mit dem TitelLa Cour de Babe. 

In der Ober­schu­le La-Gran­ge-aux-Bel­les im 10. Arrondissement in Paris gibt es eine Klas­se, die nicht ist, wie die anderen. Man nennt sie die "Gast­klas­se". Die 24 Schü­ler un­ter­schied­lichs­ter Her­kunft sind nach Frank­reich ge­kom­men, um die Spra­che zu ler­nen. Die Fil­me­ma­che­rin Julie Per­tuc­cel­li hat diese Klas­se ein Jahr lang be­glei­tet. Aus 100 Stun­den Material ist der wun­der­ba­re Do­ku­men­tar­film La Cour de Babel (Der Schulhof von Babel, Anm. der Red.) ent­stan­den.

In­te­gra­ti­on durch Spra­che

Die Schüler kom­men aus Ve­ne­zue­la, Li­byen, Weiß­russ­land und Ghana. Sie suchen po­li­ti­sches Asyl, sind zu einem nahen Ver­wand­ten ge­zo­gen, oder sind Kin­der von Di­plo­ma­ten. Jeder hat eine an­de­re Ge­schich­te, aber alle haben das glei­che Ziel: die Spra­che des Lan­des ler­nen, um sich im Gast­land Frank­reich zu in­te­grie­ren. Mit der Hilfe ihrer Leh­re­rin Bri­git­te Cer­vo­ni, ler­nen sie ge­mein­sam, tei­len ihr "An­ders­sein" und die Fra­gen, die ihnen durch den Kopf gehen. "Ist Gott weiß?", "Warum gibt es so viele Spra­chen?" oder "Warum gibt es Re­li­gio­nen?"

Als jedes Kind einen Ge­gen­stand mit­brin­gen soll, an dem es sehr hängt, lösen die Bibel und der Koran Re­li­gi­ons­de­bat­ten aus. "Wenn ihr Mos­lems seid und eine Bibel an­greift, wird euch das nicht die Hände ver­bren­nen", sagt ein Schü­ler und fährt dann fort: "Weil wir die an­de­ren Re­li­gio­nen nicht ver­ste­hen, sind so viele Län­der un­ter­ein­an­der zer­strit­ten." Er­zäh­len, seine Mei­nung sagen, Vor­ur­tei­le über den Hau­fen wer­fen -  in die­ser Klas­se ist Viel­falt ein Lern­mo­tor.

La Cour de Babel - Film­vor­schau

Ein­ein­halb Stun­den Schu­le

Die Idee ent­stand bei einem Tref­fen zwi­schen Julie Ber­tuc­celli und Bri­gitte Cer­voni bei einem Schul­film­fes­ti­val. Die Fil­me­ma­che­rin war Ju­ry­mit­glied und bekam Lust, mit den Schü­lern mehr Zeit zu ver­brin­gen, sie in ihrem All­tag zu be­glei­ten, "sie ler­nen und sich ent­wi­ckeln sehen". Und so hat sie ein gan­zes Jahr lang zwei bis drei Tage pro Woche den Schul­all­tag ge­filmt. "Manch­mal war­te­te ich dar­auf, dass sie mich an­rie­fen", scherzt die Re­gis­seu­rin. Sie hat sich dafür ent­schie­den, die Kin­der nur in der Schu­le zu fil­men. Es gibt keine Sze­nen mit an­de­ren Mit­schü­lern oder mit der Fa­mi­lie zu Hau­se. "Es ist wich­tig, eine ge­wis­se In­ti­mi­tät zu wah­ren", sagt sie. Man hat sehr schnell das Ge­fühl, dass sich die Schü­ler in ihrer Klas­se, wie zu Hause füh­len. Sie sagen sogar, dass sie sich an die Ka­me­ra ge­wöhnt hät­ten. Ma­ryam, eine Schü­le­rin aus Li­by­en, sagt dass sie bei der Film­vor­füh­rung herz­lich ge­lacht hat. "Wir haben viel über uns selbst ge­lacht, und wir haben ge­merkt, dass wir große Fort­schrit­te ge­macht haben."

hoff­nung und viele emo­tio­nen

Der Film ist des­halb so aus­sa­ge­kräf­tig, weil es ge­lun­gen ist, den All­tag die­ser Schü­ler, die sich in Frank­reich in­te­grie­ren wol­len, auf ein­fa­che Art, ohne In­sze­nie­rung oder Kunst­grif­fe zu zei­gen. Na­tür­lich denkt man an die po­li­ti­sche Trag­wei­te des Films. Es ist nicht zu über­se­hen, dass er wie Bal­sam auf der Seele ist, und das in einer Zeit, wo viele Po­li­ti­ker - und nicht nur aus dem rechts­ex­tre­men Lager - mit dem Fin­ger auf Im­mi­gra­ti­on zei­gen.

Am Ende des Films blei­ben vor allem die Groß­auf­nah­men der Schü­ler­ge­sich­ter im Ge­dächt­nis. Manch­mal la­chen sie, manch­mal wei­nen sie. Die Hoff­nung strahlt aus ihren Augen. "Ich möch­te eine freie Frau wer­den", sagt Rama, die aus dem Se­ne­gal kommt. Sie will Ärz­tin wer­den. Yous­sef kommt aus Ma­rok­ko und möchte Ar­chi­tekt wer­den.  Er wirkt ziel­stre­big. Und als Bri­gitte Cer­voni ihn fragt, ob er Angst hätte, die "Gast­klas­se" zu ver­las­sen, ant­wor­tet er so­fort mit "nein!" Aber wie alle an­de­ren Schü­ler weint auch er heiße Trä­nen, als zu Schul­schluss das letz­te Mal die Glo­cke am "Schul­hof von Babel" läu­tet, an die sie sich so ge­wöhnt hat­ten. Die über­wie­gen­de Mehr­heit von ihnen wech­selt nun in den ganz nor­ma­len Schul­un­ter­richt, ob­wohl so man­cher zu Be­ginn nicht ein­mal "Bon­jour" sagen konnte. Sie nen­nen es den "ge­wöhn­li­chen" Un­ter­richt. Aber alle diese Kin­der haben etwas Au­ßer­ge­wöhn­li­ches an sich.

IM KINO : La Cour de Babel