Kultur

Attentate in Frankreich: Schluss mit lustig

Artikel veröffentlicht am 14. August 2015
Artikel veröffentlicht am 14. August 2015

Am 11. Januar wurde weltweit für die Meinungsfreiheit und das freie Recht auf Humor demonstriert. Neue Karikaturen über Mohamed sind allerdings keine mehr erschienen, neue Attentate gab es schon. Doch auch der stark umstrittene Komiker Dieudonné muss um das Weiterleben seines Witzes kämpfen: Ist jetzt Schluss mit lustig?

Die Fernsehbilder vom 11. Januar waren emotionsgeladen: nicht nur war Angela Merkel Hand in Hand mit François Hollande zu sehen. Nein, da waren doch auch der israelische Premierminister und der jordanische König. Und es liefen auch Repräsentanten der drei großen monotheistischen Religionen gemeinsam durch die Pariser Straßen, um der Welt, und vor allem den Attentätern, die sich auf den Islamischen Staat oder Al Quaida beriefen, zu zeigen, dass sie nicht gewonnen hatten; dass wir, aller Differenzen zum Trotz, zusammenstehen. Heute, mehr als ein halbes Jahr nach den Attentaten, wie sieht es aus mit den Witzen, können wir noch frei lachen?

In der Redaktion von Charlie Hebdo jedenfalls wird nicht mehr sonderlich viel über die unterschiedlichen Religionen gelacht. Seit der „grünen Nummer“, in welcher der Prophet eine Woche nach dem Attentat seine Vergebung aussprach, sind die Religiösen vom Witz verschont geblieben. Bis auf die Ausgabe vom 10. Juni: Da wurden die orthodoxen Juden in „Mea Shearim“ auf die Schippe genommen und Jesus outete sich als Fußballfan, um die so umstrittene FIFA zu unterstützen. Von Mohammed allerdings keine Spur. Das Satiremagazin selbst hat aufgegeben ihn zu zeichnen. Luz, der auch den Titel kurz nach dem Attentat gezeichnet hatte, sagte dem Magazin Les Inrocks im Interview, „die Figur interessiere ihn nicht mehr“. Nicht ganz, aber immerhin fast die Hälfte der französischen Bevölkerung findet zudem, dass über Mohamed nicht mehr gelacht werden sollte.

„Ich finde, mit den Karikaturen wird meine Religion nicht respektiert. Das verletzt mich“, erklärt Mehdi, 18-jähriger Gymnasialschüler in Saint Maur des Fosses, einem Pariser Vorort, während sein Mitschüler Louis, 17 Jahre, für die Veröffentlichung der „grünen Nummer“ in der Schülerzeitung Morddrohungen erhielt. Louis wollte sich mit den Opfern des Attentats auf Charlie Hebdo solidarisch erklären. Auch Mehdi ist für Solidarität, aber das mit den Witzen über den Propheten, das geht ihm persönlich dann doch „zu weit“.

Der religiöse Humor hat es an sich, Gläubigen auf die Füße zu treten. Dies zeigte sich einem Extremfall 2005, als die dänische Tageszeitung Jyllandsposten 12 Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, darunter Mohammed mit einer Bombe als Turban. Diese Bilder gingen um die Welt und lösten heftige Kritik bei gläubigen Muslimen aus – in nachfolgenden Unruhen starben weltweit mehr als 150 Menschen. Der damalige Chef des Feuilleton-Ressorts Flemming Rose und der Zeichner der Karikaturen Kurt Westergaard stehen immer noch unter Polizeischutz.

Im „deutschen Fall“ stand die katholische Konfession im Vordergrund: Leo Fischer, damaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, wurde 2012 stark für seine Papst-Karikaturen kritisiert. Das Hamburger Landesgericht hatte eine einstweilige Verfügung (die dann allerdings wieder aufgehoben wurde) gegen diese Ausgabe erlassen, da der Papst sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt gesehen hatte.

Die Attentate in Frankreich im Januar 2015 waren sicherlich ein Höhepunkt des nun schon zehn Jahre währenden Karikaturenstreits. Und es ist sicherlich als eine Ironie des Schicksals zu werten, dass der Meinungsfreiheit genau in dem Land ins Gesicht geschossen wurde, das sie als erstes in seiner Menschenrechtserklärung verankerte. Auf dieses Recht beruft sich auch Dieudonné M’bala M‘bala, der für Verherrlichung von Terrorismus angeklagt wurde, weil er nach den Anschlägen im Januar auf Facebook schrieb, er sei „Charlie Coulibaly“ [Coulibaly war einer der Attentäter bei den Anschlägen, Red.].

Aber sogar der umstrittene Komiker scheint sich nicht mehr so viel zu trauen wie noch im Januar: Allein der Name seines aktuellen Programms „Dieudonné en paix“ („Dieudonné in Frieden“) lässt darauf schließen. Allerdings lässt er selbst jetzt nicht die von ihm selbst geprägte Geste – die „Quenelle“ - fallen. Die mit beiden Armen ausgeführte Geste, die ein wenig wie ein „umgekehrter Hitlergruß“ anmutet, bringt sein Publikum immer noch regelmäßig zum Grölen. Deren eigentliche Bedeutung ist dabei schwer festzumachen, hängt aber mit der politischen Einstellung Dieudonnés zusammen, die allgemein als rechtsextrem eingeordnet wird. Wie weit also darf der Witz gehen? Sind mit Komikern wie Dieudonné die Grenzen der Meinungsfreiheit erreicht, mit den Mohammed-Karikaturen aber noch nicht?

Das ist eine Frage, zu der jeder sicherlich seine persönliche Meinung haben und sie auch äußern darf. Urteilen dürfen darüber aber nur Gerichte in einem demokratischen Staat. Die Meinungsfreiheit muss auf jeder Seite des Humors respektiert werden, ob sie uns nun zum Lachen bringt, oder nicht. Nur so kann garantiert werden, dass wir trotzdem noch weiter lachen können.