Kultur

Arturo Ripstein: "Filme machen ist wie aus einem Albtraum aufzuwachen"

Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2011
Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein war der Ehrengast des internationalen Festivals der Filmhochschulen Rencontres Internationales Henri Langlois (RIHL), das im Dezember 2011 im französischen Poitiers stattfand.
Seit über vierzig Jahren ist er bereits im Geschäft, etwa 20 Filme hat er abgedreht, mehrere Male war er in Cannes dabei und dennoch ist er dem französischen Publikum fast unbekannt.

„Ich würde mich nicht als Meister des mexikanischen Kinos bezeichnen“, sagt der Regisseur gleich zu Beginn. „Das sagt man nur, weil ich schon 68 bin“. Beim Festival machten Gerüchte über sein potenziell maßloses Ego die Runde. Doch da ist nichts dran. Arturo Ripstein präsentiert sich wie ein „Arbeiter der Filmbranche“ und stellt seine Bescheidenheit heraus. Mit seiner runden Brille auf der Nase und dem schlichten Parka auf dem Rücken gewinnt man ihn beinahe lieb. „Es gibt die Liga der Amerikaner und es gibt den Rest. Dazu gehöre ich“, erzählt er weiter. Er ist ein Realist, daher gibt er auch zu, dass er seit den 1990er Jahren an Präsenz verloren hat. Damals entdeckte und verehrte ihn Frankreich. Es folgte ein lobender Beitrag auf den anderen über den Erben Luis Buñuels. Ebenso die Nominierungen in Cannes. Seitdem herrscht Funkstille. „Ist das meine Schuld?“ fragt er sich. „Ich habe doch meine Arbeit weiter gemacht.“

Dezember 2011

Der Sohn eines Produzenten hatte zunächst ein paar kommerzielle Abenteuer unternommen, bevor er sich dem Drehbuchschreiben zuwandte. Seine Geschichten sind keine seichten Liebesgeschichten. Las razones del corazón [„Die Gründe des Herzens“; 2011], sein letzter Film, wurde als Vorpremiere beim RIHL Festival in Frankreich gezeigt. Die Handlung? Émilia (Arcelia Ramirez), depressive Familienmutter, stellt lieber ihrem Liebhaber nach, als sich um ihre Familie zu kümmern. Als sie sitzen gelassen wird, erfährt sie, dass ihr Liebhaber ihr ganzes Geld verschleudert hat. Ihr ganzes Hab und Gut soll gepfändet werden. Verzweifelt irrt sie in ihrer heruntergekommenen Wohnung umher - der einzige Ausweg ist Selbstmord.

„Das Publikum ist der Feind, den es zu besiegen gilt“

Die Stimmung ist bedrückend, schwarz-weiß. Es steht dem Zuschauer frei, das Werk zu mögen. Frei… Wenn er es überhaupt sehen kann. Bisher hat noch kein französischer Filmverleiher Interesse angemeldet. Die Krise wütet überall. „Schuld ist der Geiz derjenigen, die das Geld in die Filme stecken“, schimpft der Regisseur. „Der Erfolg hängt vor allem vom Publikum ab“, unterbricht ihn Paz Alicia Garciadelo, seine Frau und Mitautorin, „das ist der Feind, den es zu besiegen gilt. Die Eintrittskarte ist das Stimmrecht der Zuschauer und sie sollten daher klug sein.“

„Man muss nicht krank sein, um von der Krankheit zu sprechen“

Paz zeigt sich anspruchsvoll, genau wie die Filme ihres Mannes. Einsamkeit, Gefangensein und wahnsinnige Liebe: drei unverhüllte Themen in jedem seiner Werke. „Man muss nicht krank sein, um von der Krankheit zu sprechen“, warnt Arturo Ripstein und erinnert auf diese Weise daran, dass er geistig fit ist. Genauer gesagt ist er geistig fit, weil er Filme macht: „Ich verspüre einen gewissen Groll gegen die Realität. Sie macht mir Angst und das schlägt sich auf meine Träume nieder. Wie soll man jeden Tag aufwachen, wenn man solche verrückten Träume hat? Filme machen, das ist wie aus einem Albtraum aufzuwachen.“

Tatsächlich steht Ripstein zu seinen wahnsinnigen Vorlieben für mordende Liebhaber, eifersüchtige Prostituierte und religiöse Fanatiker. Seine Figuren sind erbärmlich. „Es ist wunderbar, die Vorstellung des Wahnsinns in einem Labor zu untersuchen“, sagt er. „Nehmen Sie einmal die wahnsinnige Liebe. Sie ist kurz und intensiv. Sie kann nur durch eine Heirat gebändigt werden. Andernfalls stirbt man“, fährt der Regisseur fort, der alle seine Ängste in einem Format von ungefähr zwei Stunden einschließt.

„Wenn man Filme macht, zeigt man keinen Reisepass“

Über sein Herkunftsland spricht Arturo Ripstein nur wenig. „Mexiko ist ein Land der Überlebenden“. Über seine politischen Überzeugungen erfährt man nicht mehr, als dass sie „schwankend und privat“ sind. „Wenn man Filme macht, zeigt man keinen Reisepass. Ich kann es nicht vermeiden, dass ich Mexikaner bin, aber ich vermeide es, Politik, Soziologie oder Anthropologie zu machen“, fasst er zusammen. Seine Frau unterbricht ihn. Einige Minuten lang zanken sie sich wie kleine Kinder. Erst danach darf auch sie etwas sagen: „Jeder menschliche Akt ist Politik. Dagegen verkümmert unsere Aussage, wenn wir das, was wir filmen, auf diesen Raum reduzieren. Wir streben eine universelle Sprache an.“

Das Glück und dessen Unmöglichkeit münden bei Ripstein immer in Frustration. Das Eintauchen in das Ripstein’sche Universum ist schmerzhaft – was nicht sonderlich überraschend ist – aber faszinierend. Es ist wie eine Spielwiese, auf der man sich austoben kann. Der einzige Wermutstropfen: Nur ein einziger Film steht in den französischen Regalen. Profundo carmesí [„Tiefes Karmesin“; 1996] ist sicherlich eines seiner Meisterwerke. Doch die Lust, mehr davon zu sehen, sollte nicht gedämpft werden. „Go for pirates“ [sucht nach Raubkopien], erwidert Ripstein.

Illustrationen: Homepage und im Text ©Sébastien Laval außer Ripstein allein ©Laurène Daycard; Videos: Las razones del corazon (cc)YoSiVeo1/YouTube;  Profundo carmesí (cc)renzojuarez/YouTube