Kultur

Anarchie oder die Dummheit der Zerstörungswütigen

Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2009
Anarchie hat der Öffentlichkeit heutzutage nichts mehr zu bieten. Selbst ein fünfjähriges Kind in einem McDonalds hätte bessere Vorschläge für Regierungsreformen.
Anarchisten - am medienwirksamsten als Protestanten auf Europas Straßen - sind lediglich egoistische Narren, die von einer Art verzerrten Fantasie eines idyllischen Lebens angetrieben werden und ignorieren, was die Demokratie für uns getan hat.

Zu den Europawahlen im Sommer erlebten unter anderem Österreich, Großbritannien und Deutschland einen generellen Rechtsruck. Hauptpunkte der Kampagne waren traditionelle nationalistische Abneigungen zum Beispiel gegen Immigranten, Muslime und Arbeitslosigkeit. Aber auch die Unternehmerelite war Zielscheibe für Frustrationen. Millionen waren wütend über die Rettungsaktionen für die Banken im Jahr 2008 und die Gerüchte über rekordverdächtige Profite und goldene Fallschirme. Die Banken haben sich als unantastbar erwiesen, fast als ob sie in einer Parallelwelt existierten. Doch Fenster einzuschlagen kann auch nicht die Lösung sein.

Stoff für Anarchie

Man muss kein Anarchist sein, um sich über die Finanzwelt aufzuregen. Aber es ist einfältig zu denken, dass das eigene Leben durch den Bankenschock greifbar betroffen wurde. Dieser hat genauso wenig Einfluss auf das eigene Leben, als wenn Fußballprofis mehr als 100.000 Euro pro Woche verdienen. Versucht den Zusammenbruch der Lehman Brothers mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, das ihr im letzten Jahr getan habt. Wenn dem durchschnittlichen Anarchisten eine Yacht in der Karibik und ein paar Luxusvillen winkten, würde er bald aufhören sich zu beschweren. Genau wie die Amerikaner damit aufhören würden, gegen die Gesundheitsreform zu wettern, wenn man ihnen ihren Reichtum wegnehmen würde. 

©Dan Egg/ Flickr/ daneaglesham.com/

Den Menschen fehlt der Weitblick. Sie zeigen mit dem Finger auf das Establishment, um ihm die Schuld zuzuweisen. Aber wenn Anarchisten tatsächlich irgendeine Regierung erfolgreich stürzen sollten, was genau würden sie danach machen? Glaubt ihr wirklich, dass all die Millionen weiterhin in den Fabriken, Produktionsanlagen, Bohrinseln, Elektrizitätswerken oder Reinigungsfirmen bleiben würden, wenn sie nicht müssten? Wenn Anarchisten ‘Geld abschaffen’ würden, wie es ein strohdummer, plakattragender Idiot bei den diesjährigen Protesten gegen den G20-Gipfel in London vorgeschlagen hatte, würde über Nacht das Chaos ausbrechen.

©John Kirriemuir/ http://www.silversprite.com/Wovon würde sich der Ottonormalverbraucher unter einer solch wunderbar staatsfreien dann ernähren? Werden Bauern sich aus reiner Gutmütigkeit und Gemeinschaftssinn damit abmühen, den Boden zu beackern, nur damit Leute wie ich essen können? Das System würde komplett zusammenbrechen. Nichts würde funktionieren. Und wenn es keinen Staat gibt, wäre Geld bald wertlos. Und wie sähe dann die Lösung aus? Glaubt nicht, dass ich konsumgeil bin und das neueste I-Phone in der Tasche habe. Ich denke einfach nur darüber nach, was für Fähigkeiten und Güter ich in einem Post-Staaten-Europa anbieten könnte. Die Antwort ist: nichts. Warenaustausch? Ich habe einen Abschluss in Literatur. Was bitte sollte ich eintauschen? Einen Aufsatz über die Entscheidung Levins in Anna Karenina?

Nutznießer

Anarchisten, genau wie religiöse Fanatiker, picken sich diejenigen Teile von Ideologien heraus, die für ihre Bedürfnisse nützlich sind.

Anarchie könnte in einem Dorf mit sechs Familien ganz einfach funktionieren. Die eine baut Feldfrüchte an, die andere hütet Schafe, eine baut Häuser, eine andere bewässert das Land, eine schippt den Müll weg und die letzte Familie kümmert sich um die medizinische Versorgung. Doch ein solches System ist in unserem Leben offensichtlich nicht der Fall. Anarchisten jedoch, genau wie religiöse Fanatiker, picken sich diejenigen Teile von Ideologien heraus, die für ihre Bedürfnisse nützlich sind. Sie zeigen nur allzu gerne mit dem Finger auf die Regierungen, während sie alle Vorteile, welche die Demokratie nach 1945 gebracht hat, ignorieren.

In Ordnung! Der Kapitalismus hat mit dem heutigen Banken- und Finanzsystem ein von Natur aus korruptes Monster geschaffen. Aber am 1. Mai Fenster einzuschlagen wird Regierungen nicht dazu bringen, damit aufzuhören, über ihre eigenen Interessen nachzudenken. Findet einen besseren Weg, damit eure Stimme gehört wird - Ich bin mir sicher, das bedeutet eifrig zu studieren, für politische Institutionen zu arbeiten und eine Hypothek abzuzahlen. Aber der Demokratie die Schuld für eine globale Niederlage in die Schuhe zu schieben scheint absurd. Demokratien können ermüdend sein, allerdings bedeutend weniger als ein Tyrann oder zerstörungswütige Aufständler.