Kultur

An Pierlé: 'Alben sind wie Teddybären'

Artikel veröffentlicht am 10. März 2008
Artikel veröffentlicht am 10. März 2008
Die Belgierin An Pierlé (33) kann von französischen Pop- und Kitschsongs nicht genug bekommen. Wenn sie Klavier spielt, sitzt sie auf einem großen, durchsichtigen Gummiball. Porträt.

Ein großer Raum mit einer kleinen Bühne im hinteren Bereich, umgeben von einer Theke und einigen Barhockern: Jahrmarktsattraktionen und bizarre Antiquitäten überall. Hinter einer Zwischenwand befindet sich ein Automat, der mithilfe eines grünen Lichts die Augen scannt und die Zukunft vorhersagt. Mein Blick bleibt an einer Silhouette hängen, einer antik wirkenden Ankleidepuppe, die in einem Sessel auf dem Zwischengeschoss sitzt. Ein beunruhigender Anblick.

An Miel Mia Pierlé, 33 Jahre jung, taucht mit einem kleinen Mädchen im Schlepptau auf. Die beiden bleiben an einem Massage-Automaten stehen, das Kind macht es sich darauf bequem, und An wirft eine Münze ein. Der Automat gibt ein Geräusch von sich, das geeignet wäre, den Weltuntergang einzuläuten, fängt an, heftig zu zittern und zu wackeln und scheint dann ein verrücktes Lachen auszustoßen. An begleitet uns hinter die Kulissen. Zuerst jedoch durchqueren wir eine Art Requisitenraum voller ausrangiertem Trödel und Kuriositäten. Bei welchem Auftritt kam wohl dieses Fahrrad zum Einsatz, dessen Räder mit leuchtenden Girlanden geschmückt sind? Wer hat es sich wohl irgendwann einmal in diesen durchgesessenen Sesseln gemütlich gemacht? Schließlich haben wir es hinter die Kulissen geschafft, An macht es sich vor einem großen Tablett mit Gebäckstücken bequem und bietet uns etwas zum Trinken an. Sie besteht darauf, dass wir das hausgemachte Gebäck probieren. "Hausgemacht?", fragt Bandmitglied Koen Gisen, Ans Partner in Crime und Lebensgefährte, amüsiert. An lacht: "Für die Person, die das gebacken hat, ist es hausgemacht!"

Hören Sie An Pierlé live mit "C'est comme ça" der französischen Gruppe Les Rita Mitsouko. Für mehr Konzerteindrücke klicken Sie auf das Kreuz oben links.

Ganz nah dran im 'Le Zèbre'

Es ist sicherlich etwas ganz anderes, in einer kleinen Location wie dem 'Le Zèbre' aufzutreten, dessen Sammelsurium an Kuriositäten eine heimelige Atmosphäre verbreitet. "Es ist auf keinen Fall so, dass wir uns hier weniger Mühe geben als in einer großen Pariser Konzerthalle", beginnt Koen.

An fährt fort: "Nach den vielen großen Auftritten und den Festivals, bei denen wir mitgewirkt haben, wollten wir einfach wieder richtig nah an der Musik dran sein. Mit diesen kleinen Bühnen können wir uns eher identifizieren. Hier herrscht eine besondere Intimität, ein Sinn für Details. Wenn man sich diese Nähe zum Publikum und zur Musik nicht bewahrt, ist doch alles für die Katz." Koen Gisen pflichtet ihr bei: "Irgendwie bedeutet es auch, Widerstand zu leisten, wenn man vor einem kleinen Publikum spielt. Die Musikindustrie zwingt einen ja geradezu, in immer größeren Hallen aufzutreten. Diese Art Größenwahn passt überhaupt nicht zu uns."

Das Konzert beginnt. Zuerst eher langsam und behutsam, dann geben An und ihre Jungs ein Stück des französischen Popduos Les Rita Mitsouko zum Besten. Es wird rockiger. Anschließend überrascht die Belgierin das Publikum mit ihrer eigenen Interpretation des französischen Weihnachtsliedes Petit Papa Noël. Die Musiker verlassen die Bühne, An und ihr Schlagzeuger bleiben zurück und warten mit einem Lied über Leidenschaft und Liebe auf. Ans Schlagzeuger drischt mit seinem Stick ekstatisch auf einen Holzstuhl ein.

Etwas später beginnt die Sängerin mit einem Medley der kitschigsten französischen Klassiker, um den anhaltenden Applaus zum Verstummen zu bringen. Das Publikum scheint damit jedoch nicht viel anfangen zu können. An hält inne, nimmt einen Ausdruck an, der vermuten lässt, dass sie von Emotionen geradezu überwältigt wird und schnarrt schließlich: "Die frrranzösiche Trrradition!"

(Foto: Yonna Moreau

In Frankreich wurde An Pierlé durch das Fernsehen bekannt. Überschäumend vor Energie, mit einer Prise ausgelassener Verrücktheit und einem Mikro in der Hand gab sie in der Talk-Show Grand Journal ihre Interpretation von "Paris s'éveille" wieder. Die junge Frau, die mir jetzt gegenübersitzt, über meine Fragen nachdenkt und sie ruhig und gelassen beantwortet, scheint eine ganz andere Person zu sein. An erzählt, dass ihre Band zuvor an dem alljährlich stattfindenden Musikfestival Francofolies in La Rochelle teilgenommen hat. Das hieß also, Stücke in der Sprache Molières zu spielen. Cover-Songs von Stéphanie von Monaco, Michel Fugain und Jacques Dutronc haben sich somit langsam in das Repertoire der Sängerin geschlichen.

Die Sprache der Musik

"Das Englische ist die Sprache der Popmusik. Es hat etwas ganz Eigenes, in dieser Sprache zu singen", schwärmt An. "Das Französische erscheint da wie eine Herausforderung, eine Art Kampfansage. Es ist fast ein Genre für sich. Der Chanson ist eine Kategorie, die wieder wahrgenommen wird. Die Franzosen reagieren sofort, wenn ein französischer Text gesungen wird. Das spricht sie auf eine besondere Art und Weise an, und sie spitzen die Ohren."

An erklärt: "Bei unserer Musik ist das Verhältnis von Musik und Text ganz anders als beim französischen Chanson. Da geht es um rhythmisch rezitierte Poesie mit musikalischem Hintergrund. Wir machen Popmusik, und auch wenn wir viel Wert auf gute Texte legen, steht doch die Musik im Vordergrund. Erst kommt die Musik, dann der Text." An, die aus der Nähe von Antwerpen stammt, bezeichnet ihre Muttersprache, das Flämische, als eine "eingeschränkte" Sprache, die sich nicht zum Singen eignet. Und schon gibt sie uns eine Kostprobe einiger typischer Laute ihrer Muttersprache, grölt kurz, rollt das 'r' und 'vergisst' mal eben prononciert zu sprechen. "Siehst du, das passt eben einfach nicht zu unserer Musik!"

Radiohead im Web

An Pierlé hat sich schon Gedanken über ihr nächstes Album gemacht, es ist jedoch noch nichts Konkretes geplant. "Wir haben viele Ideen, aber um wirklich etwas Handfestes auf die Beine zu stellen, müssen wir erst mal unsere Tournee hinter uns bringen." Die Entwicklung der Musikbranche im Internet stößt bei An und Koen auf wenig Gegenliebe. "Heutzutage kann man Musik ganz einfach aus dem Netz ziehen. Der einzige Vorteil davon ist, dass man so entdeckt werden kann", sagt Koen. An fällt noch etwas anderes ein: "Es gibt noch einen entscheidenden Pluspunkt: Das macht die Musikindustrie kaputt!"

An fährt fort: "Es ist auf jeden Fall sehr demokratisch, zu Hause neue Stücke aufzunehmen. Ich spiele unheimlich gerne mit Software-Programmen herum, das macht richtig Spaß." Koen betont einen anderen Aspekt. Seiner Meinung nach kann es so nichts Neues mehr geben, da jedem die gleichen Mittel zur Verfügung stehen: "Man kann das auf jeden Fall als billige Demokratie bezeichnen. Jedenfalls läuft das auf eine musikalische Verarmung hinaus."

An spricht und knabbert dabei rohe Karotten. Sie fängt an zu sprechen, sobald ihr etwas in den Sinn kommt, hält sich dann wie ein kleines Mädchen die Hand vor den Mund, lächelt und entschuldigt sich. Was hält sie von der Initiative der englischen Rockband Radiohead, die ihr neues Album Anfang 2008 im Netz zu einem jeweils vom Käufer selbst bestimmten Preis angeboten hat? "Ja, das ist schon eine gute Sache, aber die sind ja auch schon Multimillionäre! Und außerdem habe ich gelesen, dass die Leute durchschnittlich 1,50 EUR gezahlt haben. Heißt das, dass Musik heute nicht mehr wert ist? In den Achtzigern war ein Album eine Kostbarkeit. Man hat es herbeigesehnt, wie einen Schatz gehütet und so behandelt, wie man als Kind seinen Teddy behandelt hat. Durch die Entwicklung der Musikindustrie im Internet ist das alles komplett verloren gegangen. Heutzutage werden die Musiker einfach auf die Bühne geschoben. Und in 10 Jahren wird man dann sehen, wer übrig geblieben ist. Talentierte und hartnäckige Künstler werden immer ihr Publikum haben. Man muss einfach geduldig warten, bis die richtige Zeit kommt."

Hören Sie andere Titel von An Pierlé:

Paris s'éveille:

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