Kultur

Alessandro Mannarino: "Egal welcher Song, was zählt ist der Rausch"

Artikel veröffentlicht am 25. März 2010
Artikel veröffentlicht am 25. März 2010
Mit 30 Jahren hat Alessandro Mannarino - waschechter Römer und aufsteigender Stern am Himmel der italienischen Musikszene - das Rezept eines musikalischen Zaubertranks entdeckt, welcher poetische Texte mit Klängen aus der ganzen Welt vermischt. Und das Wunderelixier zeigt Wirkung.

Nachmittags um vier in San Lorenzo, Roms alternativem Viertel, zwischen dem Bahnhof Roma Termini und dem Friedhof Campo Verano. Am Ende der Straße erscheint er - wohlbekannt für jeden, der ihn schon auf der Bühne gesehen hat. Die dunklen Augen blinzeln neugierig und ein bisschen staunend zwischen Hut und Oberlippenbärtchen hervor - den unverkennbaren Merkmalen seines Stils.

"Bar della Rabbia", Mannarinos erstes Album erschien 2009Was seine physische Größe betrifft, ist Alessandro Mannarino eher ein Dreikäsehoch und doch ruft man ihm von überall her « Grande Ale’! » zu. Ein Jahr nach Erscheinen seines ersten Albums Bar della Rabbia ('Bar des Zorns'), ist Mannarino ein Star. Allerdings macht er den Eindruck, als wüsste er das nicht. Das persönliche Gespräch wird rasch zur Unterhaltung über Gott und die Welt. Auch das ist Teil seiner Phantasiewelt: die Figuren, die er auf der Bühne verkörpert und von denen seine Lieder erzählen. Prostituierte, Alkoholiker, traurige Clowns, Scharlatane, unglücklich Verliebte: Alle landen sie in der Bar della Rabbia, wo der Wein reichlich fließt.

«Ein Glas Wein liefert häufig auch einen Vorwand, um sich gehen zu lassen, um einmal die Maske fallenzulassen, die man tagtäglich trägt… », sagt er mit dem Glas in der Hand « nach einer langen durchzechten Nacht ist es leichter, seine Geschichte zu erzählen und vielleicht ein anderes Bild von sich zu zeichnen.» Vor einigen hundert Jahren, einige hundert Meter von hier, verleitete Bacchus - der Gott des Festes und des Weines - die Römer zu ausgelassenen Orgien, um aus dem oft tristen Alltag auszubrechen. Zu Cäsars Zeiten wäre Mannarino der DJ der Trinkgelage gewesen und hätte die Straßen von Rom mit Liedern aus allen Teilen des Reiches erfreut. «Mit 20 bin ich nachts aus dem Haus gegangen und am Bahnhof Termini herumspaziert. Ich wurde der DJ für World Music in den Multi-Kulti-Kneipen. Dadurch habe ich entdeckt, dass man Musik auch ganz anders machen kann, als ich es im hiesigen Radio hörte.»

Ein Lied, eine Erschütterung, ein Funke

Mannarinos Musik und seine Melodien sind stark beeinflusst vom «ursprünglichen Blues aus Mali und Mississippi, von Klezmer, Balkanmusik und Bossa Nova». Auch auf die französischen Chansonniers und die italienischen Cantautori beruft sich der Sänger. Und in all diesen Einflüssen hat er ein gemeinsames Gebot ausgemacht: «Ein Gebot, das es in jeder traditionellen Musik und Volksmusik gibt. Jedem Lied muss eine Art Erschütterung, ein einzigartiger Funke innewohnen, der einen bestimmten Eindruck, eine Idee hinterlässt.»

Seine wichtigste Inspirationsquelle aber ist die Kindheit. Auf einmal funkeln seine dunklen Augen und sein Schnurrbart zittert. Unter dem Hut, die Hand in den Haaren, schwelgt der Sänger in Erinnerungen. Er denkt an die Nachmittage bei den Großeltern, als man gemeinsam traditionellen, römischen Liedern lauschte: « Man kann sagen, Alvaro Amici oder Gabriella Ferri sind für mich ein bisschen das, was der Gospel für Ray Charles war.»

Mannarino gab all dies in einen Kessel, vermengte es mit Gedichten von Trilussa, würzte es mit dem römischen Dialekt und vergoss das Elixier in die Straßen Roms. «Das Rom, von dem ich erzähle, ist das Rom der Träume, die Stadt, wie ich sie tagsüber erlebe, und welche sich abends - gleichsam gekeltert - völlig verwandelt.» Die sublimierte Vision einer ewigen Stadt mit zwei Gesichtern. Für manche die Tür zum Paradies, für andere die Hölle auf Erden. Ein Januskopf, dessen Stigma lange Jahre das Casilino 900 war. In diesem Roma-Lager, dem größten Europas, hat Alessandro Mannarino seinen ersten Videoclip, Tevere Grand Hotel gedreht. « Die Roma vom Casilino 900 haben niemandem etwas getan, höchstens die Italiener ein bisschen bereichert,, die an den roten Ampeln haltend andere Kleider, anderen Schmuck, andere Augen gesehen haben.»

Seine Träume auf die Bühne bringen

Mehr und mehr Auftritte des Sängers in den Clubs von RomAlessandro möchte sich nicht den Stempel des engagierten Sängers aufdrücken lassen und lehnt es ab, aktiv Politik zu machen. Bevor er den anderen helfen könne, müsse er sich erst einmal selbst helfen, was «schon gar nicht so leicht ist». Ganz oben auf der Liste seiner Lieblingsbeschäftigungen: jedes neue Lied wiederholen - kaum dass es geschrieben ist «zwanzig-, dreißigmal hintereinande», da es ihn berührt und träumen lässt. Gleich darauf folgt das Glück, dass er auf der Bühne empfindet: «Auf der Bühne zu stehen, ist ein bisschen so, als würde man einen Traum darstellen. Die Lichter gehen aus, so als würde man die Augen schließen und eine andere Wirklichkeit betreten. Wenn ein Lied mich zum Träumen bringen konnte, kann es das sicher auch bei jemand anderem.»

Ist er dann wieder in der Realität angekommen, versucht Alessandro Mannarino die Klippen zu umschiffen, die so ein rascher Erfolg mit sich bringt. Sorgen ums Geld macht er sich nicht. « Ich kann mit nur einem Euro in der Tasche auskommen, und habe ich auch den nicht, erfinde ich ihn eben.» Seiner Einschätzung nach ist Geld auch für Italien nicht das eigentliche Problem. «Das große Problem Italiens ist ein Problem der Einstellung. In den letzten zehn Jahren hat man mithilfe des Fernsehens einen Angriff auf die Gehirne der Italiener gestartet,, man hat sie verdummt, durch sterile Programme abgestumpft, hat ihnen vermittelt, das Leben sei so etwas wie ein Konsumgut , wo alles möglich ist und keiner sich wehtut. » Er leert sein Glas. « Aber so ist es nicht. So ist es einfach nicht! Und das wissen wir alle nur zu gut.»

Nach Bar della Rabbia aus dem Jahr 2009 wird der Finalist des italienischen Musikpreises Premio Tenco 2009 (Kategorie Newcomer) 2010 ein neues Album herausbringen.

Fotos: ©Sonia Maccari; ©Simona Mizzoni; ©Mathilde Auvillain