Kultur

'Adieu Berthe': Vom Lowcost-Tod auf dem Filmfest Hamburg

Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2012
Es geschah am hellerlichten Tag: Adieu Berthe, die Tragikomödie des Franzosen Bruno Podalydès, auf dem Filmfest Hamburg 2012.

Filme sind Kreaturen der Nacht. Klar, nichts hindert uns daran, eine Nachmittagsvorstellung zu besuchen. Ein entspannter Ausnüchterungssonntag, während Ralph Fiennes vom Balkon auf Menschen anlegt, Kaffee und Kuchen mit Julie Delpy und Ethan Hawke. Why not? Unser Gefühl weiß es besser, spätestens dann, wenn wir aus dem abgedunkelten Zuschauersaal treten - und es draußen noch hell ist! Das Tageslicht ist ein Spielverderber, bricht den Zauber des Kinos, katapultiert uns auf brutalste Weise zurück in die Realität, zurück in einen Tag, der irgendwo in der Mitte herum mäandert, noch nicht vorbei, aber auch nicht mehr taufrisch.

Jedes größere Filmfestival hat mit diesem Problem zu kämpfen. Im Grunde verdient jeder Beitrag das nächtliche Dunkel, diesen Moment, wenn wir noch ein wenig benommen Frischluft atmen und all die Gefühle, Gedanken und Ideen, mit denen uns die Leinwand bombardiert hat, in uns nachwirken. Denn ein guter Film endet eben nicht mit dem Abspann. Er bringt uns ins Grübeln, unter dem Sternenhimmel, wenn wir nach Hause schlendern, in unseren Träumen, in der Bar nebenan, wenn wir hitzig mit unseren Freunden diskutieren.

Adieu Berthe im Park

Aber manchmal hat man keine Wahl. Und so sitze ich jetzt hier, auf einer versteckt gelegenen Wiese am Dammtorkino, die Uhr zeigt zwei, der Himmel strahlt blau, und ich suche einen Moment der Einsamkeit, um den französischen Film Adieu Berthe nachwirken zu lassen.

Adieu Berthe - l'enterrement de mémé (Adieu Berthe - Die Beerdigung von Oma) gehört zu den Filmen, die definitiv nachwirken. Schließlich thematisiert das neuste Werk von BrunoPodalydè einen Moment im Leben, der uns alle irgendwann unweigerlich erreichen wird und vor dem wir doch bis ganz zum Schluss die Augen verschließen: der Tod eines nahestehenden Familienmitglieds. Die Großmutter des Kleinstadtapothekers Armand (Denis Podalydès) ist gestorben – und nun gilt es, die Beerdigung der alten Dame zu organisieren.

Für eine Produktionsfirma ist der Tod, zumindest, wenn er ernsthaft behandelt wird, aber erst einmal eins: Kassengift. Wer ins Kino geht, den treibt auch eine gehörige Portion Eskapismus - und wer möchte schon an seine eigene Sterblichkeit erinnert werden oder zurückdenken an den Tod eines nahen Verwandten? Und so nutzen viele Filme über den Tod einen Kunstgriff, der sie für das Publikum verdaulicher macht. Man nimmt den Umweg über die Komödie. Und jedesmal, wenn ein Filmemacher versucht, große Trauer mir großen Lachern auszubalancieren, stellt irgendjemand die unweigerliche Frage: Ist das noch angemessen?

Haltung, Angemessenheit, Pietät und Würde im Angesicht des Todes zu bewahren, gilt in unserer Gesellschaft als essentiell. Die Erwartungshaltung, der Druck der Gesellschaft, wie man sich im Angesicht des Todes verhalten soll, ist enorm. Als Hinterbliebene muss die Maske besonders fest sitzen: Schwarze Kleidung ist nicht mehr vonnöten, aber eine Träne hier und da sollte schon sein. Und für den Verstorbenen natürlich nur das Beste. Vor allem dann, wenn man ihm im Leben nicht die Beachtung geschenkt hat, von der einem dieses garstige Gefühl im Magen plötzlich sagt, dass er sie verdient hätte.

Adieu Berthe zieht diese überspannte Erwartungshaltung, diesen Zwang zur Pietät, dorthin, wohin sie gehört: ins Lächerliche. Beim Edelbestatter wandern Armand und seine Geliebte Alix (Valérie Lemercier) verloren durch eine Ausstellung von Designersärgen, für die Hinterbliebenen stehen gebrandete Taschentücher („Lacrimes“) und Myrrheschnaps bereit. Ein würdiger Tod kostet. Aber auch die Billiganbieter im Six-Feet-Under-Segment bekommen ihr Fett weg: In bester Ryanair-Manier hat das Schnäppchen seinen Preis: Sprachprobleme, weil die Telefonberatung ins Ausland ausgelagert wurde. Umgebaute Thermoskannen als Urnen.

Aber es ist nur die wirtschaftliche Ausbeutung von Trauer und Schuldgefühlen, die auf die Mütze bekommt. Kein Protagonist wird für die Art, wie er mit dem Tod eines Menschen und seinen Schuldgefühlen umgeht, ins Lächerliche gezogen. Das menschliche Leben ist nun mal voller Widersprüche und Brüche. Es gibt sie nicht die eine, die richtige Haltung. Armand hat eine Geliebte, mit der er glücklich ist. Was nicht heißt, dass zwischen ihm und seiner Ehefrau alles vorbei ist. Der Sohn der Verstorbenen salutiert still mit einem Glas Alkohol in der Hand, während sein Sohn eine berührende Abschiedsrede hält. Und Berthe selbst sehnte sich zeitlebens nach ihrer ersten großen Liebe zurück – und gründete trotzdem eine Familie. Widersprüche stehen in Adieu Berthe nebeneinander. Unauflösbar, schwierig auszuhalten. Es kann den Podalydès-Brüdern gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass sie in den letzten Minuten nicht doch der Versuchung erliegen, alles auf ein Happy End hinauslaufen zu lassen. Adieu Berthe endet offen, offen wie das Leben. Denn definitiv ist nur der Tod. 

Illustrationen: Teaserbild ©Filmfest HH; Video-Trailer (cc)lesCinemasGaumontPathe/YouTube