Kultur

3D aus der Trickkiste

Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2007
Zeitreisen und Begegnungen der dritten Art: mit Special Effects sind dem zeitgenössischen Kino nahezu keine Grenzen mehr gesetzt.

Nervös zuckt Davy Jones’ Bartzipfel, bevor der Pirat blitzschnell in die Luft emporschießt. "Dieses Detail ist mir besonders gelungen", erklärt Geoff Campbell von der berühmten Produktionsfirma für Special Effects Industrial Light & Magic (IL&M), die George Lucas 1975 gegründet hat. Der Techniker - oder besser 'Bildhauer', wie er sich selbst zu nennen pflegt - aus der Crew des amerikanischen Regisseurs, betrachtet stolz seine Kreatur: Davy Jones ist ein Pirat, halb Monster, halb Fisch, der Johnny Depp in den letzten beiden Folgen von Fluch der Karibik über die Ozeane jagt.

Maler und Pixelkünstler

Ein kurzer Anlauf, ein treffsicherer Schuss und Maradonas Ball lässt eine Glasflasche in Windeseile zersplittern. In der Realität war Diego Maradona, der "pibe de oro" (Goldjunge), unfehlbar, wenn wir uns an den letzten Film von Marco Risi halten. In La mano de Dios (Die Hand Gottes; 2006) zeichnet der Regisseur den privaten und sportlichen Werdegang des argentinischen Ausnahmetalents nach. Paolo Zaccara, von der italienischen Firma Proxima, die für die Special Effects des Films verantwortlich war, lüftet das Geheimnis. Die im Hintergrund laufenden Backstage-Aufnahmen sagen mehr als tausend Worte. "Der Schauspieler hat ins Leere geschossen und die Flasche wurde so platziert, dass der Ball sie nicht verfehlen konnte." Einen Einblick in die Trickkiste der Special Effects-Branche kann der Besucher jeden Winter auf dem Future Film Festival in Bologna erhalten.

Im Gegensatz zu seinem amerikanischen Kollegen versteht sich Zaccara als eine Art "Maler". "Das europäische Kino", erklärt er, "ist stilistisch ziemlich statisch. Es gibt wenig Action. Alles hängt am Detail, weil die Bilder lange auf dem Bildschirm zu sehen sind." Daher ist die Verwendung der digitalen Effekte meist auf die Bildbearbeitung sowie auf die Farb- beziehungsweise Lichteinstellung beschränkt. "Der Trick ist perfekt, wenn man ihn nicht sieht", fügt er hinzu. N (Io e Napoleone) (Napoleon & me; 2006), ein Film von Paolo Virzì, an dem die Firma 2006 gearbeitet hat, bietet sich als Beispiel an. Ein Griff in die digitale Trickkiste: Um einen öffentlichen Platz historisch einwandfrei erscheinen zu lassen, wurden aus dem Hintergrund Pixel für Pixel alle modernen Gebäude und Baustellen entfernt. Die Komparsen wurden vervielfältigt, das Abendrot etwas wärmer gestaltet, et voilà!

Große Träume und leere Taschen

Von Science-Fiction, Fantasy und Action ist in Europas Kino-Branche kaum die Rede. Dabei eignen sich gerade diese Genres am besten für spektakuläre 3D-Effekte. Dennoch gibt es für Paolo Scarpinato von der Ubik – der Firma, die in Roberto Benignis letztem Film La tigre e la neve (Der Tiger und der Schnee; 2005) für die Bildeffekte zuständig war – "Möglichkeiten, auch für diese Art von Produktionen ein Budget aufzutreiben". Scarpinatos heimlicher Traum heißt Jacob: ein komplett in 3D realisierter Kurzfilm für Erwachsene. Von Festival zu Festival hat er stets positives Feedback erhalten, jedoch bisher kein Geld für die Produktion.

Zaccara bestätigt Scarpinatos Erfahrungen: "Im Vergleich zur internationalen Konkurrenz tut sich Italien schwer, Fördermittel zu erlangen." Ein wahrhaftiger Teufelskreis: Wer nicht auf dem internationalen Kinomarkt mitmischt, muss Kürzungen im Budget in Kauf nehmen. Mit kleinerem Budget können aber keine wettbewerbsfähigen Filme produziert werden und ohne gute Filme - keine Förderung. Der Markt der digitalen Special Effects ist in Wahrheit nur wenig präsent in Europas Kinowelt. "In Frankreich ist kein Hereinkommen, in Deutschland und Großbritannien ist der Markt extrem geschlossen, auch in Spanien beginnt man ihn weiter zuzumachen, während Italien weder schützt noch exportiert", so Zaccara. "Als einzige Möglichkeit bleibt uns, kleinere Länder zu suchen, die sich auf internationale Koproduktionen einlassen."

Verstorbene zu neuem Leben erwecken

Selbst Geoff Campbell muss den Gürtel in der IL&M enger schnallen. Der amerikanische 'Bildhauer' ist spezialisiert auf Mimik und Mundbewegungen. Seine Arbeit an Davy Jones war eine regelrechte Geduldprobe. Die Bewegungen der Zunge, die Atmung: nichts hat er dem Zufall überlassen. Sogar die verschiedenen Akzente der Protagonisten hat er mit einbezogen, denn "ein Schotte bewegt den Mund anders als ein Australier".

Campbell wagt auch einen Blick in die Zukunft. Eine letzte Grenze hat er noch nicht überschritten: verstorbene Schauspieler mit Hilfe von digitaler Technik wieder auferstehen zu lassen, wie Marlon Brando in Superman returns (2006). In diesem Fall wurden jedoch Archivbilder verwendet. Werden wir in Zukunft aber einen komplett digital erstellten James Dean über die Leinwand flimmern sehen?

Für den amerikanischen Computerprofi ist eine derartige Wiederauferstehung ausgeschlossen. Nicht aus wirtschaftlichen oder technologischen Gründen. "Rein technisch wäre es kein Problem, allerdings hängt es vom Drehbuch, vom Ziel des Projekts und vom guten Geschmack des Regisseurs ab", erklärt Campbell. "Hinsichtlich der verstorbenen Schauspieler ist jedoch auf jeden Fall mit rechtlichen Schwierigkeiten seitens der Bildinhaber zu rechnen." Ersatzweise gibt es aber einen neuen Trend aus der Effekte-Trickkiste. Geoff Campbell räumt ein, bereits Anfragen von Schauspielern erhalten zu haben, die eine digitale Verjüngungskur auf dem Bildschirm in Auftrag geben wollten. Früher nannte man das Science-Fiction. Heute hat uns Hollywood an das Unmögliche gewöhnt.