Kultur

1968 - Revolte in Europa

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2008
Nach Jahren starken Wirtschaftswachstums schwelt eine Rebellion in den Fabriken Westeuropas. Arbeitsrecht, Lohnsteigerungen, aber auch Meinungsfreiheit und sexuelle Befreiung: das sind die Forderungen, die die Alte Welt erzittern lassen. Erinnerungen.

Streikende Studenten am Place de la Bastille 1968 (Jean-Claude Seine/DR) 

Osterunruhen in Deutschland

©///Sarah/flickrJoschka Fischer in Turnschuhen, Studenten-WGs in Anklang an die Kommune 1 oder die Rudi-Dutschke Straße in Berlin: Reliquien der Achtundsechziger in Deutschland. '68 brachte laut Habermas die 'Fundamentalliberalisierung' sowie den Bruch mit dem elterlichen Schweigen der Nachkriegszeit. Die deutschen Studenten sind solidarisch mit ihren Pariser Kommilitonen und mobilisieren sich mit einem kräftigen Ho ho ho Chi Minh gegen den Vietnamkrieg. Die Ermordung Benno Ohnesorgs 1967, während der Demo gegen den Besuch des iranischen Schahs in Berlin, gießt weiterhin Öl in das Feuer der politischen Unzufriedenheit. Mitglieder des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenverbund) gründen daraufhin die APO, eine neue außerparlamentarische Opposition. Die Presse erhitzt sich bis zum Attentat 1968 gegen Rudi Dutschke, einem der Anführer der wütenden Studenten. Die so genannten "Osterunruhen" sind der deutsche Beitrag zum allgemeinen Chaos in Europa. Doch beruhigen sich die Gemüter in Deutschland schneller als in den anderen Ländern. Ein großer Teil der Bewegung wendet sich der SPD zu. Einige Aktivisten dagegen beteiligen sich am Terror linksextremistischer Gruppen wie der RAF (Rote Armee Fraktion) oder der Roten Zora.

Unter Franco haben nur verheiratete Frauen Bürgerrechte

Die Echos aus Prag und Paris klingen auch in den spanischen Universitäten wider. Die Studenten demonstrieren gegen die "Grauen", die 'politische und soziale Polizei'. Die Fakultäten sind geschlossen. Die demonstrierenden Arbeitermassen in den Straßen fordern ihre Bürger- und sozialen Rechte ein. 5000 Minenarbeiter aus dem Norden Spaniens beginnen zu streiken, obwohl ihnen dies eigentlich verboten ist. Francos Regime wird zur Modernisierung gezwungen. Ergebnis: Auch Frauen können Gemeinderätinnen werden - allerdings nur, wenn sie verheiratet sind. 1968 ist ebenfalls das Jahr, in dem der Kronprinz das Licht der Welt erblickt, während auf den Terrassen der Cafés La, la, la von Massiel gesummt wird, erste spanische Gewinnerin des Eurovision Song Contest.

Im Namen der Freiheit: Der Prager Frühling

Während die Studenten der anderen Länder gegen Materialismus und Wohlstandsgesellschaft rebellieren, kämpfen die tschechischen Bürger für ihre Grundrechte: von Meinungsfreiheit bis zu sozialen Ansprüchen. Der Prager Frühling ist eine demokratische Bewegung, die das Ziel hat, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen. Doch noch während über Änderungen in der kommunistischen Wirtschaftsordnung und über Menschenrechte diskutiert wird, greifen sowjetische Truppen ein und bringen das Land wieder zurück auf den 'rechten Weg'. Noch wird in Tschechien des Prager Frühlings gedacht, in der Presse, auf den Plätzen, im Fernsehen. Die Bürger erinnern sich an die unermessliche Hoffnung, die dieser Moment der politischen Erschütterung mit sich brachte. , Gegner des Kommunismus, Autor und ehemaliger tschechischer Präsident, wird bis heute von der Öffentlichkeit sehr geschätzt.

heuteVaclav Havel

Chaos in Frankreich

In Frankreich schließen sich 1968 zwei völlig unterschiedliche Teile der Gesellschaft bei Großdemonstrationen zusammen. Auf der einen Seite die Studenten, die mit Sprüchen und Pflastersteinen gegen die Polizei vorgehen. Auf der anderen die Arbeiter, von denen Millionen zu streiken beginnen. Der Streik breitet sich aus und legt das Land schließlich komplett lahm. "1966 waren die Gehälter der französischen Arbeiter die niedrigsten in der ganzen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die Arbeitswochen die längsten und die Steuern am höchsten", erinnern sich die Mitglieder der Liga für eine internationale kommunistische Revolution. Auch die Gesellschaft verändert sich: es kann jetzt offen diskutiert werden. Auf der Straße, in den Cafés, in den Firmen streiten sich die Generationen. Sitten werden komplett umgekrempelt. Charles de Gaulle, der französische Präsident, bezeichnet die Aufstände als "Chienlit" ('Chaos'), löst die Nationalversammlung auf und organisiert Neuwahlen, um die Krise zu beenden. Ein Jahr später gibt er nach einer bewegten Volksabstimmung sein Amt ab.

In Italien ist Gott tot

Ein Hit der Gruppe Nomadi aus dem Jahr 1967 ist tonangebend für den Anfang des Studienjahres in Italien. Gott ist tot und die Gesellschaft müde. Wie in Frankreich sind es die Studenten, die den Aufstand gegen die alte, strenge Gesellschaftsordnung initiieren. Die Studenten engagieren sich plötzlich politisch: das hatte er vorher noch nie gegeben. Sie kritisieren vor allem das kapitalistische Wirtschaftssystem, aber auch die linkspolitischen Parteien, denen sie vorwerfen, dass sie ihre Ideale aufgegeben hätten. Die Protestwelle erreicht bald die großen Industrien des italienischen Nordens. Auch in Italien wird ein Generalstreik ausgerufen, mit der Besonderheit, dass die Arbeiter von Fiat, dem größten Arbeitgeber des Landes, sich daran beteiligen. Der Widerstand verhärtet sich. Die so genannten "bleiernen Jahre" werden durch die Gewalt linker und neofaschistischer Splittergruppen geprägt.

In Polen gegen Antisemitismus

In Polen ist es ein Theaterstück, durch das die Ereignisse von März 1968 ausgelöst werden. Das Stück Dziady von Adam Mickiewicz sei zu anti-russisch und antikommunistisch und wird daraufhin verboten. In zahlreichen polnischen Städten werden Protestmärsche organisiert. Künstler, Studenten und Intellektuelle mobilisieren sich für ihre Redefreiheit. Die Blicke der Demonstranten richten sich auf die benachbarte Tschechoslowakei und die dortige Hoffnung auf Demokratie. Der Krieg in Israel spaltet die kommunistische Partei. Die UdSSR unterstützt die arabischen Länder. Die jüdischen Mitglieder der Partei werden nach und nach verfolgt und vertrieben. Einige von ihnen wandern in die USA oder nach Frankreich aus.

Danke an Katharina Kloss, Fernando Navarro Sordo, Vitek Nedjelo und Natalia Sosin.

Eurovision 1968: Spanien triumphiert mit Massiel und La, la, la