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Pause für die polnische Version von cafébabel

Artikel veröffentlicht am 1. September 2017
Artikel veröffentlicht am 1. September 2017

Keine Phrasendrescherei, einfach gerade raus damit - wir müssen cafébabel für die Zukunft fit machen. Deshalb werden wir neben vielen weiteren Veränderungen die polnische Version zunächst auf Eis legen. Wir blicken nostalgisch zurück und voller Tatendrang in die Zukunft.

Alles, was ich über Polen weiß, habe ich cafébabel zu verdanken. Zumindest habe ich dank cafébabel angefangen, mich tiefer durch die polnische Kultur und Gesellschaft zu graben. Alles fing am Chopin-Flughafen in Warschau an. Wieso hatten die ihren Flughafen bloß nach einem französischen Komponisten benannt? Kurz darauf fühlte ich mich schlecht, dass meine einzigen Kenntnisse über den Nachbarn sich auf Wodka und Woody Allen-Zitate beschränkte. Ich war noch nie in Polen gewesen. Aber mit dieser unglaublichen Ignoranz sollte nun  Schluss sein.

In den letzten zehn Jahren hat jeder polnische Editor sein ganz eigenes kulturelles Gepäck zu cafébabel mitgrbracht und einzigartige Inhalte mit uns geteilt. Die erste polnische Redakteurin, Natalia, machte uns nicht nur mit der kompletten polnischen Intelligentsia bekannt, sondern brachte uns außerdem kostbare polnische Kraftausdrücke bei. Mit Agata habe ich von meinem Namensvetter, Geheimagent Hans Kloss, dem polnischen James Bond, erfahren. Aleksandra hat uns kulinarisch in die Kunst von Zapiekanka eingeführt und wurde ziemlich wütend, sobald jemand behauptete, Polen läge in Osteuropa. „Es liegt verdammt nochmal in Mitteleuropa“, hatte sie dann meistens verlauten lassen, bevor sie sich zur nächsten Milonga aufmachte. Kurz darauf stürzte ein Flugzeug mit der fast kompletten polnischen Regierung an Bord in Smolensk ab.

Wir reagierten, als ein Softdrink-Gigant in Spanien mit polnischen Klempnern warb, aber auch, wenn Frauenrechte in Polen mit Füßen getreten wurden. Ich führte mich wie ein Groupie auf, als ich Adam Michnik zu einer Konferenz in Krakau traf, nachdem ich gerade für eine Recherche im Wald zum ersten Mal eine Waffe gehalten hatte.

Ich erinnere mich an lange Nächte in Wodka-Fabriken im Warschauer Viertel Praga (wir haben dort natürlich wichtigen Journalismus gemacht). Pia war Roman Polanski auf den Fersen, hat meine wahren polnischen Wurzeln aufgedeckt und uns alle für die Czarny-Protestwelle mitgerissen. Natalia war daran schuld, dass ich eine komplette Woche lang Brodka gehört habe. Und Pawel, unser erster männlicher Editor auf diesem Posten, hat uns nicht nur polnische Neopaganisten näher gebracht, sondern uns auch über den wichtigen Fakt aufgeklärt, dass Robert Pattinson den Satz 'Hebe dein Bein' auf Polnisch beherrscht.

Das sind nur einige der zahlreichen Zitate aus all jenen kuriosen und außergewöhnlichen Contents, die die polnische Community in den letzten Jahren für cafébabel produziert hat. Aber raus damit - die Wahrheit ist nicht immer rosig: Wir haben mit unseren Artikeln nicht immer so viele Leser und Mitstreiter erreicht, wie wir es uns gewünscht hätten. Lag es daran, dass viele polnische Expats die englische Version von cafébabel lesen? Oder daran, dass wir versucht haben, eine polnische Version von Paris aus zu machen? Oder waren unsere Contents einfach nicht attraktiv genug für unsere polnische Leserschaft? Wir müssen diese Fragen für uns und euch beantworten, um in Zukunft mit einer kohärenten und konstruktiven Lösung zurückzukommen.

Und das ist nur einer von vielen neuen Ansätzen in den kommenden Monaten und Jahren, um cafébabel für digitalen Europa-Journalismus fit zu machen. Aber bis dahin müssen wir den Pausenknopf für die polnische Version drücken, damit wir Zeit und Platz haben, um nachhaltigere Lösungen für die kommenden Jahre zu finden. Hoffentlich sind wir dann bereit für ein Comeback aus Polen.

In der Zwischenzeit sind wir auf jeden Fall weiterhin gespannt auf eure tollen Geschichten aus polnischem Lifestyle, Kultur und Gesellschaft. Schickt uns weiter eure Pitches, engagiert euch in eurer Stadt, schreibt, macht Fotos oder Filme aus dieser so spannenden Ecke Europas. Ihr könnt immer noch in einer der weiteren fünf Sprachen des Magazins schreiben. Hört nicht auf, uns zu inspirieren. Wir basteln unterdessen an einer besseren polnischen Version für die Zukunft.

Bis ganz bald, kurwa!

Katha