Gesellschaft

Zagrebs 'Miss Independents'

Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2011
Zagrebs Frauen mit Hochschulausbildung nähern sich dem 'westlichen Modell' weiblicher Unabhängigkeit. In der kroatischen Hauptstadt traf eine serbische Journalistin Feministinnen, Studentinnen, Musikerinnen und Schauspielerinnen, die – zumindest aus balkanischer Perspektive – die 'Tradition' ablegen.

Aktuellen Informationen des kroatischen Statistikinstituts CBS zufolge streben Frauenin Zagreb nach Bildung und Unabhängigkeit, wobei mehr Frauen als Männer ein Studium absolvieren oder einen Master of Arts (MA) oder Master of Science (MoS) erwerben. Es überrascht also, dass Kroatien und Albanien die einzigen europäischen Länder sind, deren staatliche Universitäten noch immer keinen Gender-Studiengang anbieten.

Diese Tatsache konnte Rada Boric, die einen beeindruckenden Lebenslauf vorweist, nicht aufhalten. Als eine der sieben vom Forbes-Magazin gekrönten „weltweit einflussreichsten Feministinnen“ ist Boric für ihre regionale Adaptation von Eve Enslers Theaterstück Vagina Monologues im Jahr 2003 bekannt und arbeitet derzeit am ersten geschlechtsneutralen Kroatisch-Finnisch-Wörterbuch.

Zagreb-Monologe

“Heute ist ein Mann nicht weniger maskulin, weil er den Abwasch macht.”

Zwischen ihrer Zeit an den Universitäten von Zagreb und Helsinki arbeitete Boric in den USA (an der Universität von Indiana), wo sie eine ähnliche Einstellung wie auf dem Balkan vorfand. „Bei großen öffentlichen Veranstaltungen würde der Moderator fragen, ob jemand Fragen hat“, sagt sie. „Als Frau würde man sich dann immer denken: Oh je, wenn ich jetzt etwas frage, dreht sich jeder um, um zu schauen, wer da spricht und ob meine Strümpfe sitzen. Mein Gesicht würde rot anlaufen, meine Stimme zittern und es käme eine bescheuerte Frage heraus. Doch dann würde vor mir ein Mann mit offenem Hemd aufstehen und die vielleicht dümmste Frage der Welt stellen. Diese Unterdrückung und dieses Schweigen sind stärker in der balkanischen Kultur verankert; wenn ein Mann spricht, sollte die Frau schweigen. Doch dann fragt man sich, wer einen eigentlich davon abhält, sich genauso auszudrücken, wie man ist. Und an diesem Punkt beginnt man, daran zu arbeiten.“

Boric arbeitet als Programmkoordinatorin im Zentrum für Frauenforschung in Zagreb. Das Zentrum ist in der ehemaligen Wohnung von Marija Jurić Zagorka (1873-1957), Kroatiens erster professioneller weiblicher Journalistin, untergebracht. „Wir wollten, dass die Wohnung mehr ist als nur ein 'lebloser Raum'. Wir wollten eine lebendige Dynamik schaffen, um Zagorkas Leben und Werk bekannt zu machen, ebenso wie generell weibliche Kreativität und die Arbeit moderner Frauen“, sagt Boric.

Damit bezieht sie sich auf junge Frauen von heute wie Dunja Kobas. Die dreißigjährige Violinistin spielt im symphonischen Orchester der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft Kroatiens (Hrvatska Radiotelevizija, HRT) und schafft es, von ihrem Beruf zu leben und ihre Schulden abzuzahlen. Kobas‘ Situation repräsentiert jedoch keine generelle Tendenz in Ländern im Umbruch, in denen kulturelle Entwicklung nur einen geringen Stellenwert besitzt.

“Musiker spielen meistens in den besten Orchestern für 10 Jahre, und dann können sie einfach nicht mehr…“„Immer mehr Frauen spielen ein Instrument; noch vor dreißig Jahren waren es hauptsächlich Männer. Unser Orchester zählt heute sogar mehr Mädels“, erklärt Dunja in der Lisinski, der bekanntesten Konzerthalle Kroatiens. Nachdem sie sich mehrere Jahre lang mit Teilzeitjobs in Theatern durchschlagen musste, gelang es ihr, eine dauerhafte Stelle zu ergattern. Kroatien ist mit seinem durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommen von 708 Euro (330 Euro in Mazedonien, 357 Euro in Serbien, 400 Euro in Bosnien und Herzegowina und 518 Euro in Montenegro) laut CBS regional führend. Doch laut Dunja sei diese Angabe nur bedingt richtig, denn „wir haben alle Schulden. Wir sind eins der wenigen Länder, in denen nach wie vor unbefristete Arbeitsverträge ausgestellt werden.“ Dennoch machen immer mehr Frauen die Musik zu ihrem Beruf. In Zagreb gibt es sogar ein Festival namens Jazzerela - speziell für Frauen in der Jazzbranche. Frauen bahnen sich ihren Weg, selbst in traditionell 'unsicheren' Berufszweigen. Dennoch teilt Kroatien die Probleme der EU eines geschlechterspezifischen Lohngefälles und einer hohen weiblichen Arbeitslosigkeit.

Neue Rollenverteilung

Die Balkan-Länder werden oft als ländlich, unentwickelt und konservativ - mit barbarischen Anführern, die Völkermorde verüben - angesehen. Die interviewten Frauen hingegen schaffen das Bild einer balkanischen Stadt mit kreativen, unabhängigen, intelligenten und gut ausgebildeten Individuen, die ihr Schicksal frei wählen. Ana Borac beispielsweise ist Tänzerin, Psychologiestudentin und Kind bosnischer Eltern aus Zagreb. Die protestantische Kirche ist ein wichtiger Teil ihres Lebens, obwohl fast 90 % der Bevölkerung ihres Landes katholisch sind. 

und dem Herrn in der Kirche und in einer Gegend dienen, in der ich wirklich meinen Beitrag leisten kann” – Ana Borac

Und dann ist da noch Sanja Milardović, mit der ich ein hausgemachtes Risotto mit Garnelen und ein allseits bekanntes kroatisches Weizenbier, Ožujsko, genoss. Das zeigt mir, dass die 23-jährige nicht nur Schauspielerin in einem Wandertheater ist, sondern auch eine hervorragende Köchin – wobei Kochen Teil des 'Standardpakets' weiblicher Fähigkeiten überall auf dem Balkan ist. So glauben einer Umfrage der Croatian Times zufolge 36 % der kroatischen Männer, dass die wichtigste Aufgabe von Frauen - neben der Mutterschaft - das Kochen ist.

“Ich habe mich in Antics Poesie verliebt. Er schreibt in einem simplen, nicht überheblichen Stil“ - Sanja Milardović

Die Frauen, die ich in Zagreb traf, haben alles andere als traditionelle Entscheidungen getroffen. Wenn du eine sichere Zukunft und ein Einkommen willst, aber in einem Nachkriegsland lebst, in dem große Bevölkerungsteile nicht arbeiten oder nicht genug verdienen, um sich überhaupt zu ernähren; oder wenn deine Familie übermäßig katholisch ist; oder wenn du monatelang arbeitslos sein könntest: Dann würdest du nicht Musikerin oder Schauspielerin werden. Tatsache ist: Frauen auf der ganzen Welt kämpfen für die gleichen Dinge. Der Unterschied ist, dass einige von ihnen unglücklicherweise in einem Land leben, in dem der Krieg die Entwicklung weitestgehend verhindert hat. Doch zumindest die kroatischen Frauen nähern sich dem westlichen Vorbild.

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Illustrationen: Homepage (cc)black stena/flickr; Im Text ©Milena Stosic @Rada Boric ©Ana Borac