Gesellschaft

YouthCan: Tunesiens Jugend ist am Zug

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014

Drei Jahre nach dem Sturz des Regimes von Ben Ali befindet sich Tunesiens Jugend in einem Zustand der beruflichen Aussichtslosigkeit und der politischen Ohnmacht. Die neu gegründete Organisation YouthCan versucht jungen Tunesiern zu helfen, ihre Kräfte zu vereinen. Gemeinsam wollen sie sich gegen eines der schwerwiegendsten Probleme des Landes stellen: der perspektivlosen Jugend.

„Zur Cité Ettad­ha­men?“ - „Nein“. Der Ta­xi­fah­rer wei­gert sich bis zu die­ser Stadt zu fah­ren, die nicht nur am Rande von Tunis liegt, son­dern auch in deren so­zia­lem Ab­seits. Der Ort ist von Armut ge­prägt und wurde ver­gan­ge­nen Ja­nu­ar zum Schau­platz schwe­rer Un­ru­hen. De­mons­tran­ten blo­ckier­ten den Zu­gang zu ihren Stra­ßen mit bren­nen­den Au­to­rei­fen - die Po­li­zei ant­wor­te­te mit Trä­nen­gas.

Ein zwei­tes Taxi ist etwas mu­ti­ger. Es fährt uns in die Vor­stadt. Dort­hin, wo die Stra­ßen schlam­mig sind und in den Schau­fens­tern der Metz­ge­rei­en ganze Tiere hän­gen. In den Gas­sen wim­melt es, hun­der­te Men­schen sind un­ter­wegs und be­völ­kern die zahl­rei­chen Cafés und Tee­sa­lons.

Ha­fedh Ou­e­led Saad war­tet an einer Kreu­zung. Er ist 23 Jahre jung und ar­beits­los seit­dem er aus Eu­ro­pa zu­rück­ge­kehrt ist. 2011 hatte er sich dazu ent­schie­den Tu­ne­si­en zu ver­las­sen und il­le­gal nach Ita­li­en aus­zu­wan­dern. 

„Wenn du in das Café da drü­ben gehst, wirst du 20 bis 25 Leute tref­fen, die auch ver­su­chen ir­gend­wie nach Ita­li­en zu kom­men“, er­klärt Ha­fedh als wir es uns in einem Laden auf weiß­gol­de­nen Sofas ge­müt­lich ge­macht haben. Nach­dem er zu­nächst auf Lam­pe­du­sa ankam führ­te ihn sein Weg wei­ter in die Schweiz, wo sein Traum von Eu­ro­pa je­doch ein jähes Ende nahm. Sein Asyl­an­trag wurde ab­ge­lehnt und Ha­fedh ab­ge­scho­ben. Die Re­vo­lu­ti­on in Tu­ne­si­en vor drei Jah­ren hat in vie­len Men­schen Hoff­nung er­weckt, für Ha­fedh je­doch liegt diese Hoff­nung schon längst in wei­ter Ferne. „Den Po­li­ti­kern bin ich doch egal. Also sind sie mir auch egal.“, er­zählt er. „Ich würde nicht sagen, dass die Si­tua­ti­on nach der Re­vo­lu­ti­on bes­ser ist.“ Ob­wohl er ge­zwun­gen wurde nach Tu­ne­si­en zu­rück­zu­keh­ren, hat Ha­fedh vor, Ita­lie­nisch zu ler­nen um in einem Call­cen­ter ar­bei­ten zu kön­nen. Dass er dort gut be­zahlt würde, be­zwei­felt er al­ler­dings. Als er das erste Mal aus Tu­ne­si­en floh zahl­te er 1.500 Dinar (in etwa 725 Euro). „Ich würde es wie­der tun, hätte ich heute die Mög­lich­keit.“

Drei Jahre sind nun ver­gan­gen seit­dem Ben Ali nach Sau­di-Ara­bi­en flüch­te­te. Auf dem Weg Tu­ne­si­ens in die De­mo­kra­tie stel­len vor allem die hin­ken­de Wirt­schaft und die feh­len­den Zu­kunfts­aus­sich­ten für die Ju­gend immer noch eine große Ge­fahr dar. Der neuen Re­gie­rung ist es bis­lang nicht ge­lun­gen eine Lö­sung zu die­sem Pro­blem zu fin­den. Die ak­tu­el­len Po­li­ti­ker seien zu alt und könn­ten sich nicht mit den Pro­ble­men der Jun­gen iden­ti­fi­zie­ren - so zu­min­dest sehen das die Leute von You­th­Can. Diese neue Or­ga­ni­sa­ti­on – hoch­po­li­tisch aber de­zi­diert par­tei­los – hat ein kla­res Ziel: sie will junge Tu­ne­si­er zwi­schen 20 und 35 Jah­ren dabei un­ter­stüt­zen in die Ent­schei­dungs­ebe­nen po­li­ti­scher In­sti­tu­tio­nen zu kom­men. Wel­che Par­tei oder Ideo­lo­gie sie dabei ver­tre­ten, ist we­ni­ger wich­tig. In etwas mehr als einem Monat ist es der jun­gen Or­ga­ni­sa­ti­on ge­lun­gen 25.000 Un­ter­schrif­ten von Un­ter­stüt­zern zu sam­meln.

Un­ge­wis­se Zu­kunft

„Junge Tu­ne­si­er sehen ein­fach keine Zu­kunft hier in ihrem Land. Sie stu­die­ren und stu­die­ren, aber was dann? Diese aus­sichts­lo­se Si­tua­ti­on macht sie oft sehr emp­fäng­lich für ex­tre­me Ideen und für Leute die sie leicht ma­ni­pu­lie­ren kön­nen. You­th­Can möch­te jun­gen Leu­ten dabei hel­fen sich ihres ei­ge­nen Po­ten­ti­als be­wusst zu wer­den und will ihnen zei­gen, dass es wich­tig ist selbst zu han­deln“, er­zählt Mehdi Gueb­zi­li, Grün­dungs­mit­glied der Or­ga­ni­sa­ti­on. Er und die Prä­si­den­tin von You­th­Can Besma Mhad­mi sitz­ten im Étoile Du Nord, einer mo­der­nen Ca­fe­te­ria-Bar-Buch­hand­lung im Zen­trum von Tunis. Hier fand da­mals die erste Sit­zung der Or­ga­ni­sa­ti­on statt. 70 Mit­glie­der hatte da­mals ihre Face­book­grup­pe, heute sind es mehr als 4.500, mit­un­ter Leute aus Ita­li­en, Frank­reich, Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en.

„Der Zeit­punkt an dem You­th­Can ge­grün­det wurde war per­fekt“, er­klärt Prä­si­den­tin Besma. „Das war zur Zeit des ‚Na­tio­na­len Dia­logs‘ - als der da­ma­li­ge Pre­mier, Ali Laar­ay­edh, ab­ge­setzt wurde und die Po­li­ti­ker sich nicht dar­auf ei­ni­gen konn­ten wen sie als sei­nen Nach­fol­ger no­mi­nie­ren wür­den. Viele Leute waren sehr frus­triert. Wir konn­ten da­mals - in einem Mo­ment des po­li­ti­schen Chaos, in dem alles fehl­zu­schla­gen schien - ein Ge­fühl von Hoff­nung und Op­ti­mis­mus ver­mit­teln.“

Die Tu­ne­si­er sind ein jun­ges Volk. Laut UNO sind 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung jün­ger als 24 Jahre. Es waren genau diese jun­gen Leute, die den Ara­bi­schen Früh­ling ent­facht haben: sie waren es, die in den vor­ders­ten Rei­hen pro­tes­tier­ten, selbst als Ben Ali He­cken­schüt­zen ein­setz­te. Heute durch­le­ben sie un­si­che­re Zei­ten. Sie sehen sich mit einer Ar­beits­lo­sen­quo­te kon­fron­tiert die bei 30 Pro­zent liegt. Dabei spielt der Bil­dungs­stand oft eine ge­rin­ge Rolle (laut World Eco­no­mic Forum sind 40 Pro­zent Tu­ne­si­ens Uni­ver­si­täts­ab­gän­ger ar­beits­los und von jenen ohne Uni­ver­si­täts­ab­schluss sind es 24 Pro­zent). Dar­über hin­aus sind sie von jeg­li­chen po­li­ti­schen In­sti­tu­tio­nen kom­plett aus­ge­schlos­sen. Medhi be­tont: „Die ver­fas­sungs­ge­ben­de Na­tio­nal­ver­samm­lung war eine Ent­täu­schung, vor allem für uns junge Leute. Dort wurde nichts ge­spro­chen was für junge Leute re­le­vant ist. Die wis­sen nicht ein­mal wel­che Pro­ble­me wir haben.“

Die Or­ga­ni­sa­ti­on You­th­Can steckt noch in ihren Kin­der­schu­hen. Sie hat kein ei­ge­nes Büro und ein Groß­teil der Ar­beit wird on­line er­le­digt. Trotz der Zwei­fel, die die Grün­der an­fangs hat­ten, ist ihr Ziel nun sehr klar: junge Men­schen sol­len mit der Po­li­tik ver­söhnt wer­den und im Ide­al­fall sol­len neue Po­li­ti­ker her­vor­ge­bracht wer­den.  „Im De­zem­ber 2013 stell­ten zwei junge Tu­ne­si­er (Bas­sem Bou­gu­er­ra y Tarek Che­niti) spon­tan ihren Le­bens­lauf ins Netz mit dem An­ge­bot „ohne jeg­li­che Ver­gü­tung“ der Re­gie­rung (die der Pre­mier­mi­nis­ter Medhi Jomaa ge­ra­de dabei war zu for­men) zu die­nen. Ihnen folg­ten hun­der­te Ju­gend­li­che. Sie pos­te­ten ihre po­li­ti­schen Mo­ti­va­tio­nen in di­ver­sen so­zia­len Netz­wer­ken und wur­den so, in­ner­halb von 24 Stun­den, zur Ziel­grup­pe von You­th­Can. „Bas­sem Bouger­ra teil­te sei­nen Le­bens­lauf auf Face­book und bot dem In­nen­mi­nis­te­ri­um seine Hilfe an. Als ich das ge­se­hen habe, habe ich mich mit ihm in Kon­takt ge­setzt“, er­in­nert er sich Besma. „Wir wuss­ten, dass wir keine po­li­ti­sche Par­tei im tra­di­tio­nel­len Sinn sein woll­ten“, fügt sie hinzu. Die Ziele der Or­ga­ni­sa­ti­on sind lang­fris­tig aus­ge­rich­tet, den­noch gilt es, keine Zeit zu ver­lie­ren. Das erste kon­kre­te Pro­jekt von You­th­Can kon­zen­triert sich auf die nächs­ten Wah­len, die Ende 2014 statt­fin­den sol­len. Ins­ge­samt sol­len dafür 200 Kan­di­da­ten aus­ge­bil­det wer­den. „Dabei ler­nen junge Leute von­ein­an­der Dinge, die für eine po­li­ti­sche Kar­rie­re wich­tig sind. Sie ler­nen vor Pu­bli­kum zu spre­chen, sich zu prä­sen­tie­ren, Wege der fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung zu fin­den...“

You­th­Can hat Mit­glie­der im gan­zen Land. Eines von ihnen ist Ya­zi­di Boul­be­ba. Er lebt in Si­lia­na, einer klei­nen Stadt im länd­li­chen Ge­biet Tu­ne­si­ens. Ein Ab­schluss in Phy­sik und Che­mie hat für den 28-jäh­ri­gen Mann nicht ge­reicht um Ar­beit zu fin­den. Boul­be­ba ge­hört zwar schon einer po­li­ti­schen Par­tei an, doch als er die Mög­lich­kei­ten hatte, sich You­th­Can an­zu­schlie­ßen, zö­ger­te er nicht. „Die Ju­gend Tu­ne­si­ens hatte drei Grün­de für die Re­vo­lu­ti­on“, er­zählt er. „Würde, Frei­heit und Ar­beit. Die Frei­heit in Tu­ne­si­en ist grö­ßer ge­wor­den. Je­doch kön­nen wir nicht in Würde leben, so­lan­ge wir keine Ar­beit haben.“ Boul­be­ba ge­fällt You­th­Cans Kon­zept junge Leute und somit fri­schen Wind in die Po­li­tik zu brin­gen. Er glaubt, dass es mit Hilfe die­ser Platt­form ge­lin­gen könn­te, Ju­gend und Po­li­tik zu ver­ei­nen. „Ich hoffe es zu­min­dest, denn heute wird die Po­li­tik von der Ju­gend ge­ra­de­zu boy­kot­tiert.“

In sei­ner Stadt Si­lia­na brei­tet sich die Armut wei­ter aus. „Wir haben nur eine ein­zi­ge Fa­brik hier in der Pro­vinz. Agrar­pro­duk­te die wir hier an­bau­en, wer­den aus­schließ­lich in an­de­ren Städ­ten wei­ter­ver­ar­bei­tet.“ Die Kon­se­quenz ist die Land­flucht. Viele Men­schen zieht es von den är­me­ren Tei­len des Lan­des in Re­gio­nen die wirt­schaft­lich er­folg­rei­cher sind. „Die zwei­te Kon­se­quenz“ fährt Boul­be­ba fort, „ist oft der Ex­tre­mis­mus und der Ter­ro­ris­mus. Bei­na­he alle Ter­ro­ris­ten kom­men aus den ärms­ten Re­gio­nen des Lan­des.“

DIE­SER AR­TI­KEL IST TEIL DER SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE « EU­RO­MED RE­POR­TER » IN TUNIS. CAFÉBABEL AR­BEI­TET HIER IN KO­OPE­RA­TI­ON MIT IWATCH, SE­ARCH FOR COM­MON GROUND UND DER STIF­TUNG ANNA LINDH. BALD FIN­DET IHR ALLE AR­TI­KEL DER «EU­RO­MED RE­POR­TER » AUF SEITE EINS DES MA­GA­ZINS.