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Wunderwaffe Web

Artikel veröffentlicht am 7. November 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 7. November 2006
Immer mehr Politiker in den USA werden von ihren Beratern zum Online-Wahlkampf gedrängt.

Bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen war Howard Dean sehr präsent. Und das dank der Hilfe des Internets, das sein Berater Joe Trippi in Deans Wahlkampf eingeführt hatte. Doch es nützte ihm wenig, denn die Demokraten wählten nicht ihn zu ihrem Kandidaten, sondern seinen Konkurrenten Joe Kerry.

Lange Zeit spielte das Internets keine Rolle in der US-Politik. Doch nun haben viele Kandidaten im Vorfeld der Kongresswahlen, die am 7. November stattfinden, Blogs verwendet. Sie wollen so ihrer Kampagne zu frischem Wind verhelfen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Wahlkampfdebatten bald auch im Netz geführt werden.

Barack Obama: Auf dem neuesten Stand

Die Internet-Präsenz des neuen Stars der Demokraten, Barack Obama, fällt aus der Reihe. Statt eines gewöhnlichen Blogs findet der Leser ein Podcast. Der Leser soll zuhören, nicht nur lesen.

Natürlich verfolgt auch Obamas Blog das Ziel seine Ideen und Vorschläge zu verbreiten. Nur verwendet er dazu seine Stimme. Daneben findet sich eine Agenda mit bevorstehenden Auftritten des Kandidaten und ein Spendenaufruf.

Joe Lieberman: Kommentare unerwünscht

Seine Förderer zahlen, ein Mitarbeiter schreibt. Durch sein Design und seinen Inhalt ist Liebermanns Blog eines der interessantesten Politiker-Blogs in den USA. Der Leser findet ein Einführungsvideo, eine Fotosammlung auf der beliebten Foto-Website „Flickr“ und zahlreiche Links.

Und das Beste: Das Blog ist ein wesentlicher Bestandteil von Liebermanns Homepage. Kommentare der Leser hingegen sind nicht zugelassen. Ein Fehler, denn eine der wichtigsten Aufgabe des politischen Blogs ist es, eine Gemeinschaft zu schaffen. Sie bieten nicht nur die Möglichkeit, die Standpunkte des Politikers zu präsentieren, sondern erlauben auch Diskussionen der Leser untereinander.

Ein Blog kann jedoch auch finanzielle Unterstützung mobilisieren. Auf Liebermanns Homepage findet der Leser ständig ein Banner, der ihn zu einer Spende für Liebermanns Kampagne aufruft.

Rick Santorum: Gemeinschaftsgefühl

Rick Santorum, republikanischer Senator von Pennsylvania, ist eines der Bollwerke seiner Partei. Am 7. November kämpft er um seine Wiederwahl. Unter dem Motto Running with Rick („Wettlauf mit Rick“) erscheint sein Blog in Spanisch und Englisch.

Santorums erklärtes Ziel ist es, auf seinem Blog eine Gemeinschaft zu schaffen. Der Besucher des Blogs kann sich registrieren lassen und online Fanartikel aus Santorums Wahlkampf kaufen. Es gibt Links zu befreundeten Blogs, Kommentare von registrierten Lesern sind erlaubt. So vermeiden die Macher des Blogs unangenehme Kritik an Santorums Beiträgen.

Dennis Hastert: Der eigene Standpunkt zählt

Sonderbar ist der Fall des Republikaners Dennis Hastert. Er ist Präsident des Repräsentantenhauses und ist mitten in einen Skandal verwickelt. Dennoch ist ihm der Sieg im Distrikt 14 von Illinois so gut wie sicher.

Hastert betreibt einen sehr persönlichen Blog, auf dem er in erster Linie seine eigenen Standpunkte zu aktuellen Ereignissen niederschreibt. Die Leser können sich kaum beteiligen.

Es gibt auch keine Möglichkeit, die Kampagne finanziell zu unterstützen – eigentlich ist Hasterts Blog kein richtiger Wahlblog. Für einen amerikanischen Politiker durchaus ungewöhnlich.

Europa: Nachdenklich bis verkrampft

In Europa zieren sich die Politiker, zum Blog zu greifen. Zwar haben einige Spitzenpolitiker ihren eigenen Online-Auftritt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ein Podcast, David Cameron, Chef der britischen Konservativen, betreibt ein Blog. Doch nur wenige setzen Blogs im Wahlkampf ein und noch weniger tippen ihre Ansichten selbst in die Tastatur. Für sie ist es wichtiger, vor die Kameras zu treten.

Eine Ausnahme ist das Blog der EU-Kommissarin Margot Wallström. Die für die Kommunikationsstrategie der Kommission beauftragte Wallström hat ihre Vorbehalte gegen Blogs aufgegeben. Auch wenn ihre Homepage nicht auf dem neuesten Stand ist, enthält sie Kommentare in einem eloquenten, blogtypischen Stil. Das Blog ist seit fast zwei Jahren im Netz und lässt kein aktuelles Thema aus. Leider folgen nur wenige EU-Politiker seinem Beispiel.

In Spanien gibt es über eine Million Blogs. Kein Wunder, dass auch immer mehr Parlamentarier zur neuen Web-Wunderwaffe greifen. Oft dienen die Blogs aber eher der politischen Propaganda als dass sie zur Kommunikation anregen würden.

Fotos: Farlane/Flickr (Homepage); Nick Davis/Flickr (Howard Dean); Dbking/Flickr (Joe Liebermann); Michael Righi/Flickr (Rick Santorum); Bistrosavage/Flickr (Dennis Hastert); Sister72/Flickr (Barack Obama); Cafebabel.com (Margot Wallström)