Gesellschaft

Willkommen im Pentagon - Bratislavas Mythischer Junkie-Höhle

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014

Die Schön­heit einer Stadt lässt sich nicht nur an ihren tou­ris­ti­schen At­trak­tio­nen mes­sen, son­dern auch an jenen Orten, die man bes­ser nicht ohne Mes­ser besuchen soll­te. Viele Jahre lang war das Pen­ta­gon, die my­thi­sche Jun­kie-Höh­le der Stadt, eine ent­stel­len­de Narbe in Bra­tis­la­vas Ge­sicht. Wie sieht der Dro­gen­su­per­markt der slo­wa­ki­schen Haupt­stadt heute aus?

Vor mei­ner Ab­rei­se habe ich zwei zu­sätz­li­che Pa­ckun­gen Camel in meine Ta­sche ge­packt- damit plan­te ich, Dro­gen­ab­hän­gi­gen eine Freu­de zu ma­chen, wenn sie mir ihre Le­bens­ge­schich­ten an­ver­trau­en wür­den. Junge Jour­na­lis­ten ten­die­ren dazu, ro­man­tisch zu sein, und ich wuss­te noch nicht, dass die He­ro­in­süch­ti­gen vom Pen­ta­gon nicht so freund­lich sein wür­den wie die Haus­be­set­zer von War­schau, mit denen sich der pol­ni­sche Jour­na­list Ce­za­ry Cis­zew­ski fatal ver­brü­dert hatte. Cezary hatte Ende der 90ger Jahre das Experiment gamacht ein halbes Jahr unter Junkies zu leben, um schließlich selbst einer zu werden. 

Tomáš, ein Mit­glied un­se­res lo­ka­len Teams, der mir ver­spro­chen hatte, mich bei der Ex­pe­di­ti­on zu be­glei­ten, hoffte bis zum letz­ten Mo­ment, dass ich meine Mei­nung än­de­rn und den Be­such im berühmt berüchtigten Pen­ta­gon in Vrakuňa (einem Be­zirk von Bra­tis­la­va - Anm. d. Re­dak­ti­on) ab­bla­sen würde. Als ich ihn am Mor­gen an­ru­fe, höre ich am an­de­ren Ende der Lei­tung: „Willst du also noch immer dort­hin gehen? Stört dich der Regen nicht?" Nichts stört mich.

Bra­tis­la­va ist eine klei­ne Stadt; ob­wohl Vrakuňa mit dem Bus nur 20 Mi­nu­ten vom Zen­trum ent­fernt liegt, fühlt es sich an, als ob ich in die Tiefe der Vor­städ­te fahre. Die Land­schaft ver­än­dert sich all­mäh­lich - die schö­nen slo­wa­ki­schen Ge­bäu­de wei­chen rie­si­gen Park­häu­sern, Ga­ra­gen und Su­per­märk­ten. Den­noch finde ich dort, ent­ge­gen mei­ner Er­war­tun­gen, keine Slums, son­dern eine post-kom­mu­nis­ti­sche und ziem­lich sau­be­re Wohn­ge­gend. Ich stei­ge an der Hal­te­stel­le To­ryská aus, wo Tomáš mich be­reits er­war­tet. Als er mich sieht, zeigt er so­fort mit dem Fin­ger auf ein Ge­bäu­de, dass sich deut­lich von den an­de­ren un­ter­schei­det. Das ist also das Pen­ta­gon - ein grau­er Schrei in­mit­ten der far­bi­gen Sied­lun­gen, wie ein Tat­too mit einem Schreib­feh­ler auf Vrakuňas Arm. Die Masse des grau­en Be­tons er­drückt mich und die Flü­gel­struk­tur des Ge­bäu­des scheint mich wie eine in­sek­ten­fres­sen­de Blume zu ver­schlin­gen. Die Haus­wän­de sind mit wei­ßen Sa­tel­li­ten­schüs­seln be­deckt - ein Hauch von il­lu­so­ri­schem Wohl­stand nach der Wende. Sperr­holz und Kar­ton star­ren aus ei­ni­gen lee­ren Au­gen­höh­len der Fens­ter. In an­de­ren trock­nen Kin­der­klei­der. Man hat uns be­reits be­merkt. Die Haut an un­se­rem Rü­cken glüht vor den tau­sen­den Bli­cken wach­sa­mer Augen - sie sind un­sicht­bar, aber scharf wie Na­del­sti­che.

„He­ro­in? Vier­ter STock, auf der rech­ten Seite"

Die Pro­ble­me im Pen­ta­gon be­gan­nen nach dem Fall des Kom­mu­nis­mus, als die Woh­nun­gen im Ge­bäu­de in die Hände pri­va­ter Be­sit­zer kamen. Da eine be­trächt­li­che An­zahl der neuen Be­sit­zer Dro­gen­dea­ler waren, ver­wan­del­te sich mit der Zeit das ehe­ma­li­ge Stu­den­ten­heim in den größ­ten Su­per­markt für harte Dro­gen in Bra­tis­la­va. Ge­mäß einem 2010 in Prav­da er­schie­nen Ar­ti­kel von Milan Čupka über das Pen­ta­gon, gab es in dem Ge­bäu­de Stock­wer­ke, wo von acht Woh­nun­gen drei Dro­gen­shops mit einer Ka­pa­zi­tät von über 50 Kun­den pro Tag waren. Die Kun­den lassen sich in die­je­ni­gen, die die Ware zum Mit­neh­men kau­fen, und denje­ni­gen, die die Dro­gen vor Ort kon­su­mie­ren und zum Schre­cken der Be­woh­ner für Stun­den auf den Treppen her­um­lun­gern, un­ter­schei­den. Die Dro­gen­höh­len des Pen­ta­gons sind an­geb­lich Fa­mi­li­en­ge­schäf­te. Selbst wenn eine Per­son ins Ge­fäng­nis geht, stel­len die üb­ri­gen Fa­mi­li­en­mit­glie­der si­cher, dass das An­ge­bot nicht un­ter­bro­chen wird. Ei­ni­ge der lo­ka­len Händ­ler leben mit be­hin­der­ten Per­so­nen, die das Stadt­haus nicht zur Räu­mung zwin­gen kann, zu­sam­men, um ihr Ge­schäft zu si­chern.

Auf den ers­ten Blick wirkt es, als ob auf dem Rasen im brei­ten Hof vor dem Pen­ta­gon ein gro­ßes Pick­nick unter der Nach­bar­schaft ver­an­stal­tet würde. Als wir uns je­doch nä­hern, stel­len wir fest, dass die Leute, die auf den Tü­chern lie­gen, be­wusst­los sind und die­je­ni­gen, die sit­zen, nach einer Vene für eine In­jek­ti­on su­chen. Neben dem einen Baum steht ein präch­ti­ger, blü­hen­der Ro­sen­strauch, in des­sen Schat­ten eine etwa 40-jäh­ri­ge Frau sitzt, die durch das He­ro­in in tie­fer Le­thar­gie ver­sun­ken ist.

Der Ge­stank einer Urin-Ni­tro­gen-Wol­ke, der in der Luft liegt, um­gibt das Ge­bäu­de. In der einen Ecke be­mer­ke ich eine Ni­sche. So­fort packt mich die Neu­gier, zu sehen, was sie ver­birgt, und bevor Tomáš mich stop­pen kann, drin­ge ich in den Ab­grund der Hölle, vol­ler In­jek­ti­ons­sprit­zen und mensch­li­cher Ex­kre­men­te, ein.

Na­deln und ar­gen­ti­ni­sche Tan­gos

Neben den Dro­gen­süch­ti­gen und Dea­lern ist das Pen­ta­gon, die Schan­de von Vrakuňa, auch das Zu­hau­se von ge­wöhn­li­che­ren Be­woh­nern. Auf dem Park­platz im Hof sehen wir eine Fa­mi­lie, die ihre Ein­käu­fe aus dem Auto packt, und eine alte Frau, die ihren Müll weg­wirft. In einem der Fens­ter sitzt ein Vater mit sei­nem un­ge­fähr zwei­jäh­ri­gen Kind. Aus einem an­de­ren er­klingt Musik, viel­leicht sogar ein ar­gen­ti­ni­scher Tango. Den­noch sind diese Be­woh­ner nicht die auf­fäl­ligs­ten Ver­tre­ter der Pen­ta­go­ner Ge­sell­schaft. In der einen Ecke un­ter­su­chen Jun­kies Möbel, die vor dem Ge­bäu­de ab­ge­stellt wur­den. Das Wasch­be­cken wird auf dem Schrott­platz lan­den. Die Bret­ter wer­den ver­kauft. Einer der Män­ner zieht ner­vös an Schrank­tü­ren, die sich nicht öff­nen las­sen. Als ich ihn ge­nau­er an­se­he, be­mer­ke ich einen schmut­zi­gen BH-Trä­ger, der aus sei­nem T-Shirt her­vor­schaut. Ich rea­li­sie­re, dass die­ser Mann eine Frau ist. Alle drei Mit­glie­der die­ser Trup­pe sind of­fen­sicht­lich über etwas ver­är­gert, und wir be­schlie­ßen, sie nicht wei­ter an­zu­star­ren und weg­zu­ge­hen. Die Dro­gen­ab­hän­gi­gen vom Pen­ta­gon sind so an­ge­zo­gen, als ob sie in einer frü­he­ren Zeit leben wür­den. Base­ball-Müt­zen, um die Hüf­ten ge­bun­de­ne Sweat­shirts, T-Shirts mit Auf­dru­cken von Rambo, Mi­chey Mouse, der Uni­ver­si­ty of Okla­ho­ma und Hello Kitty. Ich werde für einen Mo­ment sen­ti­men­tal.

Wir möch­ten mit den Be­woh­nern des Pen­ta­gons reden, aber an­schei­nend wer­den sie von un­se­rem Ma­gnet­feld ab­ge­stoßen. Nach einer lan­gen Suche tref­fen wir auf zwei junge Män­ner. Ich bitte Tomáš, sie auf slo­wa­kisch über die mit dem Pen­ta­gon as­so­zi­ier­ten My­then zu be­fra­gen. Sie sagen, dass der Ort einst schreck­lich und ge­fähr­lich ge­we­sen sei, aber heute habe sich die Si­tua­ti­on deut­lich ver­bes­sert. Kämp­fe auf of­fe­ner Stra­ße seien das Schlimms­te ge­we­sen. Wir fra­gen sie über den Ruf von einem Dro­gen­su­per­mark­tes. Sie ant­wor­ten, dass wir am rich­ti­gen Ort seien, falls wir harte Dro­gen kau­fen wol­len. „Stimmt es, dass die Ge­bäu­de fast nur von Dro­gen­dea­lern und Jun­kies be­wohnt wer­den? Wir haben auch ei­ni­ge Fa­mi­li­en ge­se­hen", fra­gen wir. „Halb-halb", sagen sie. Die eine Hälf­te des Ge­bäu­des wird von Fa­mi­lien, die Miete zah­len, be­wohnt, die an­de­re wird von Jun­kies be­setzt, die nicht nur keine Miete zah­len, son­dern auf die Geh­stei­ge schei­ßen", ant­wor­ten sie. Und wieso un­ter­nimmt die Stadt nichts? Die beiden können es nicht sagen.

Die slo­wa­ki­sche In­ter­net­sei­te in­for­miert, dass die Be­hör­den von Vrakuňa ei­ni­ge In­itia­ti­ven un­ter­nom­men haben, um die Si­tua­ti­on im und ums Pen­ta­gon zu ver­bes­sern. In deren Rah­men sam­meln So­zi­al­ar­bei­ter Na­deln und Sprit­zen, um Kin­der, die dort spie­len, vor Krank­hei­ten zu schüt­zen. All dies hat die Si­cher­heit au­ßer­halb des Ge­bäu­des ver­bes­sert und die An­zahl der Kämp­fe und Schie­ße­rei­en re­du­ziert, nicht aber die fürch­ter­li­chen In­ne­rei­en des Pen­ta­gons be­kämpft. Auf slo­wa­ki­schen Foren lese ich, dass Leute davon ab­ra­ten, Woh­nun­gen in die­sem Be­zirk zu kau­fen, und geben dafür als Haupt­grund die Prä­senz von „so­zi­al Rand­stän­di­gen" an. Diese War­nun­gen sind wahr­schein­lich ef­fek­tiv, da die Miete im Pen­ta­gon und auf der ge­sam­ten Stavbárs­ka-Stra­ße nur die Hälf­te von den in Bra­tis­la­va üb­li­chen Miet­prei­sen be­trägt.

Wir kön­nen nicht mehr Zeit im Pen­ta­gon ver­brin­gen, da un­se­re An­we­sen­heit, und ins­be­son­de­re die un­se­rer Ka­me­ra, die Be­woh­ner des Ge­bäu­des stört. Mehr als das Tageslicht hassen die Menschen hier Neugier und Be­su­cher aus der rea­len Welt. Als ein Mann mit Tri­bal-Tat­toos auf Schul­ter und Wade auf uns zu­kommt und droht, dass er „un­se­re ver­damm­te Ka­me­ra in Stü­cke" zer­schmet­tere, so­bald er uns schnappt, rea­li­sie­ren wir, dass es Zeit ist, schleu­nigst zu gehen. Und nicht eine ein­zi­ge Camel habe ich je­man­dem an­ge­bo­ten.