Gesellschaft

Wikinger vs. Walküre: Geschlechterkampf in Finnland

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2013

Irgendwo zwischen Krise, Alkoholismus und Emanzipierung bleibt finnischen Männern nur noch eins: das nostalgische Schwelgen in einer legendären Vergangenheit - bevölkert von unbesiegbaren Helden in Waldeinsamkeit. Doch Finnland, das sich auf Arbeit, Stolz und wirtschaftliche Unabhängigkeit beruft, könnte der Sprung auf den Zug der Modernität teuer zu stehen kommen.

Man can go even through the grey stone“ (Der Mann kann selbst durch graue Steine gehen). So lautet der hypnotische Refrain des gleichnamigen Stücks der finnischen Metal-Band Korpiklaani. Vielleicht stimmt das so. Aber nachdem ich diese berühmt-berüchtigten Wikinger einen kleinen Bio-Salat habe essen und sich in Clubecken besaufen sehen, in der Hoffnung, dass sich eine der Damen erbarmt, sie anzusprechen, habe ich mir gedacht: Die sind ja wohl nicht einmal mehr im Stande, noch die Klotür zu finden. Geschweige denn graue Steine. Doch was tun? Ich habe kapiert, dass die Finnen ganz einfach so ticken. Sie sind eben ein wenig nostalgisch.

Vor der städtisch-kapitalistischen Revolution samt technologischer Exzellenz und noch sehr lange vor dem lutherischen Glaubenscredo, gab es hier nur eine wahrhaftige Religion: das so genannte Kalevala. Diese Volkslied- und Spruchsammlung ruft eine mythologische Lebenswelt legendärer Helden in Erinnerung, die meilenweit entfernt von Smartphone-Geeks, den Büros der City von Helsinki und den Fastfood-Sushi in der Mittagspause ist. Der Weise Väinämöinen, der Schmied Ilmarinen und der verfühereische Krieger Lemminkäinen, allesamt Protagonisten des Kalevala, bleiben bis heute die nicht kaputtbaren Embleme des finnischen Mannes und seiner Eigenschaften: handwerkliches Geschick, Kraft, Mut und Verführungskraft. Der Einfluss von Game of Thrones, wollt ihr mir jetzt vielleicht unterjubeln. Aber nicht doch: In Finnland handelt es sich nicht um den letzten Schrei, Männlichkeit ist hier Schnee von gestern.

Männerdomäne Folkmetal

Das perfekte Beispiel ist Metal, eine in Finnland äußerst beliebte Musikrichtung, und im Speziellen die Folk-Variante, deren Texte sich aus Legenden und einer Prise vergangenen Machotums speisen. Für Jonne Järvelä, den Fronstänger der Band Korpiklaani, ist das Kalevala so etwas wie die Bibel der Nostalgie: „Ich denke, die Welt läuft nicht in die richtige Richtung“, erzählt er und schüttet sich dabei literweise Kaffee in den Rachen. Er ist gerade erst von einem Konzert in Turku zurück.

„Wir Jungs verlieren unsere Bindung zur Natur und die Wertschätzung von Arbeit.“ Wie ich ihn doch verstehe. Ich beobachte ihn, während er mit seinen blonden, unendlich langen Dreadlocks und seinem Look eines nächtlichen Rächers argumentiert. Ich frage mich, wie Menschen wie er hinter einem Schreibtisch arbeiten können. „Harte Arbeit ist ein dem finnischen Volk schon in der Milch mitgegebenes Konzept", sagt er. „Unser Land ist komplett mit Wäldern bedeckt, in denen wir uns daran gewöhnt haben, Blut und Wasser zu schwitzen und uns die Hände schmutzig zu machen. Es ist heute sehr schwer, sich daran zu gewöhnen, dass Maschinen die Arbeit des Menschen abgelöst haben. Ich schwöre dir, wenn es richtig kalt wird, hast du ein Interesse daran, den Hintern zu bewegen.“

Auch Mathias Nygard, Frontmann einer weiteren berühmten finnischen Rockband, Turisas, haut in die gleiche Kerbe. „Wenn die Winter kalt und lang sind, kann man sich schlecht entspannen. Auch im Sommer ist das recht schwierig. Wir müssen planen, Vorräte anlegen, hart arbeiten - ansonsten können wir nicht überleben“, erzählt er mir in einer kleinen Bar gleich neben dem Tavastiaeinem berühmten Rock-Konzertsaal in Helsinki. Aber dies sei auch nicht nur eine Frage des Klimas: „In Finnland, welches sicherlich das am wenigsten religiöse Land Europas ist, gibt es nur zwei Gebote: Arbeite hart und gehorche dem Gesetz. Für die Protestanten ist das Wichtigste nicht der Gang zur Kirche, sondern die Nützlichkeit für den Staat.“

Eines der Rettungsboote, um sich nicht in einem Niemandsland zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu verirren, zwischen Subsistenzwirtschaft (in der sich jeder nützlich fand) und globalem Kapitalismus (in dessen Namen nationale Firmen verscherbelt und deren Mitarbeiter entlassen werden, wie im Fall von Nokia), heißt Alkohol. Jonne ist sich darüber bewusst, dass in Finnland zu viel getrunken wird. „Auch ich habe manchmal so meine Probleme damit“, scherzt er. Und trotzdem, seine Songs verherrlichen nicht selten den Genuss überschwänglichen Alkoholkonsums, als handle es sich um einen Zaubertrunk, der es den Jungs ermöglicht, ihren früheren Status zurückzuerlangen. Sein Lied « Vodka » ist dafür das beste Beispiel.

Frauen, Kinder und Freitod zuerst

Und so kam es wie es kommen musste. Während sich die Männer in Metal-Musik und Bars zurückzogen, setzen die finnischen Frauen, die Jonne als „natürliche Feministinnen, die es nicht benötigen, sich als solche zu etikettieren“, ihren stolzen Marsch gen Zukunft fort. Die Rekordwahl von 86 Frauen (von insgesamt 200) ins finnische Parlament 2011, der Fakt, dass Finnland der beste Ort weltweit zum Kinderkriegen sei, oder das Bewusstsein über die Freiheit von Frau im Norden im Gegensatz zum Süden von Europa stehen dafür stellvertretend. Den Feministen des Landes scheint das jedoch noch nicht genug. „Manchmal erniedrigen sie sogar die eigenen Ehemänner“,  so Jonne.

Auch Tetti Vähämaa, Generalsekretärin des Vereins Vereinter Feministen, gibt gern zu, dass „die Unabhängigkeit der Frauen dem ein oder anderen Mann Angst machen kann“, und das vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise: „Seinen Job zu verlieren“, so Tetti in einem wunderbaren 1920er-Jahre Gebäude im Stadtzentrum von Helsinki, „vor allem in einer Gesellschaft wie der unseren, kann beim Mann ein großes Frustrationsgefühl auslösen, das zu Gewalt an sich selbst oder gegenüber anderen führen kann. Fälle von Männern, die zunächst Frau und Kinder und anschließend sich selbst töten, sind nicht unbedingt eine Seltenheit.“

Häusliche Gewalt und Männerfrust

Glaubt man der Europäischen Kommission, sei Finnland nach Estland das europäische Land mit den meisten Fällen von häuslicher Gewalt. Kostas Tassopoulos, Chefberater bei Lyömätön Linja, einem Verein, der sich seit 1993 auch um männliche Opfer häuslicher Gewalt kümmert, kann das nur bestätigen. „Hier geht es nicht um gewalttätige Personen, sondern gewalttätige Situationen“, erklärt er. „Meist sind es die Männer selbst, die uns mit enormem Schuldgefühl anrufen, weil es sie nicht mehr loslässt.“ Kostas deutet auf einen Stapel Papiertaschentücher auf seinem Schreibtisch: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele davon meine Patienten verbrauchen.“

Neben Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit gibt es aber auch noch eine weitere Erklärung für die hohe häusliche Gewalt gegen Frauen: „Hier gibt es so eine Art negative Solidarität. Die protestantische Religion lehrt, dass man seine eigenen Probleme auch persönlich regeln soll. Deshalb ziehen sich die Männer, die sowieso häufiger Probleme im Kommunizieren haben, oft ins Private zurück und der Gewaltakt wird unvermeidlich.“

Eine neue Tendenz seien ebenfalls Gewaltakte von Frauen gegenüber Männern, auch das bestätigt Kostas: „Heute wird die Frau von der Gesellschaft weniger für das, was sie macht, schräg angeschaut oder verurteilt“, ruft uns Tetti in Erinnerung. „Deshalb fühlen sie sich dann auch irgendwann legitimiert, so zu reagieren wie sie wollen.“ Bleibt den finnischen Männern eigentlich nur noch, sich wieder in Schwert und Rüstung zu werfen.

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel-Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.