Gesellschaft

WikiLeaks: Hat Julien Assange 'über die Stränge geschlagen'?

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2010
Julian Assange „hat über den Beckenrand gepinkelt“ (ha fatto la pipì fuori dal vaso), würde der Italiener sagen. Der Wikileaks-Gründer sei quasi zu weit gegangen. Ist das tatsächlich die Meinung der europäischen Staatschefs nach der Lawine an Enthüllungen der Infoplattform WikiLeaks? Und wenn sie so denken würden, wie würden sie es ausdrücken?

Die Jagd auf Julien Assange hat am 7. Dezember vorerst ein Ende genommen: Seit einigen Tagen bereits fahndete Interpol wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden nach dem australischen Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Nun wurde Julian Assange gestern in London festgenommen. Assange war für kurze Zeit der wohl meistgesuchte Mann der Welt, die Anschuldigungen gegen ihn hat er aber immer verneint. Das Ganze sei eine Schmutzkampagne, die ihm die USA anhängen wolle, um die Internetplattform WikiLeaks, deren Enthüllungen die Zeitungen, Webseiten und Fernsehstationen weltweit täglich mit neuen Informationen überschwemmt, aus dem Weg zu schaffen. Unterdessen verspricht Julien Assange im Namen der Informationsfreiheit immer wieder neue Enthüllungen für die nächsten Wochen.

„Schon wieder? Il ragazzo sta davvero pisciando fuori dal vaso ('der Typ hat doch wirklich über den Beckenrand gepinkelt'), muss Silvio Berlusconi wohl gedacht haben, als diplomatische Notizen der USA den italienischen Premier als „aufgeblasen, inkompetent und ineffizient“ bezeichneten und seine „Vorliebe für Partys“ nochmals auf den Punkt brachten.

In der Zwischenzeit in den Gemächern des französischen Elysée-Palasts: Ein bitterer Präsident Sarkozy hält das Glas Champagner in der einen Hand, die Augen hat er auf die neuesten Depeschen internationaler Agenturen gerichtet. Als „autoritärer“, „empfindlicher“ „Kaiser ohne Kleider“ wurde er von den amerikanischen Diplomaten betitelt! Der zähneknirschende französische Präsident wird in diesem Moment wohl gedacht haben: "Tu pousses le bouchon un peu trop loin ('Du drückst den Korken ein wenig zu weit in die Flasche'), Julian".

Kanzlerin Angela Merkel studiert indessen den Lageplan im Berliner Kanzleramt, um den schnellstmöglichen Weg zu den Toiletten zu finden und nicht allzu viel Zeit zu vergeuden, als die amerikanischen Berichte ihr den Stempel „wenig kreativ“ verpassen und ihr eine „Aversion zum Risiko“ bescheinigen. «Er hat über die Stränge geschlagen», denkt sie sich und fühlt sich in ihren Schwächen bestätigt. Schnurstracks ruft sie daraufhin in England an, wo Gordon Brown ähnliche 'Qualitäten' bescheinigt bekam: „Ja, ich weiß Angela“, erwidert der Ex-Premier. „Herr Assange crossed the line (hat die Linie überschritten), wir müssen etwas tun.“

Auch Zapatero kam in den US-Diplomatenschreiben nicht besonders glimpflich davon. Der spanische Regierungschef sei ein Opportunist, der sich eher um die nächsten Wahlen als um die Geschicke seines Landes kümmere. Te has pasado tres pueblos (Du bist durch drei Dörfer gegangen), soll seine Reaktion auf die Enthüllungen von Julian Assange gewesen sein…

Der polnische Premierminister Donald Tusk hat sich bisher mit seinen Kommentaren bezüglich der WikiLeaks-Enthüllungen noch zurückgehalten. Aber er hätte beispielsweise sagen können: „Zagalopować sięulian” (er ist zu weit galoppiert), ein Ausdruck, den man normalerweise für Zuchtpferde verwendet. Und Assange sei eines davon!

Wenn die ganze Welt tatsächlich so denkt, dann mal viel Glück, cher Julian!

Illustration: ©Henning Studte/ studte-cartoon.de