Gesellschaft

Wie man Kinder mehrsprachig erzieht

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2015

Wien war eine multikulturelle Stadt schon lange bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde. Auch heute ist die österreichische Metropole das Zuhause dutzender Nationalitäten. Einige sind erst kürzlich dazugekommen, aber andere Gemeinschaften haben ihre Wurzeln in der Zeit der Habsburgermonarchie.

Die tschechischen und slowakischen Gemeinschaften in der österreichischen Hauptstadt haben viele Hochs und Tiefs erlebt. Heute bestehen die Kollektive aus „alten Siedlern“ und neu angekommenen Immigranten, die nach Wien gezogen sind, nachdem Österreich seinen Arbeitsmarkt für Bürger der neuen EU-Länder geöffnet hat. 

Obwohl diese Gruppierungen einen sehr unterschiedlichen Hintergrund haben, gibt es Dinge, die sie verbinden – wie zum Beispiel der Wunsch, ihre Kinder mit dem Bewusstsein für ihre Wurzeln großzuziehen. Eine Möglichkeit dies zu erreichen, ist sie auf eine vom Verein Komenský geführte tschechische oder slowakische Schule zu schicken. Der Schulverein wurde 1872 gegründet, um den ansässigen Tschechen die Möglichkeit zu geben in ihrer Muttersprache zu lernen. Damals lebten 200.000 tschechisch- und slowakischsprachige Menschen in Wien. 

Der Vorsitzende des Vereins, Karl Hanzl, sagt, dass das Hauptanliegen der Schule früher die Erhaltung der nationalen Identität war, während der Fokus heute darauf liege, Kinder mehrsprachig zu erziehen. „In unserer wirtschaftlich geprägten Welt ist es wertvoll und vorteilhaft Deutsch, Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch sprechen zu können und nicht nur das universale Englisch“, erklärt er einen weiteren wichtigen Aspekt der Kindererziehung in mehr als einer Sprache. 

Aktuell nehmen rund 500 Kinder Angebote verschiedener Bildungseinrichtungen unter dem Dach des Schulvereins Komenský wahr. Laut Hanzl sind davon ca. 80 Prozent Österreicher, zwei Drittel ethnische Tschechen und ein Drittel Slowaken. Es besteht die Möglichkeit, mit zwei Jahren im Kindergarten anzufangen und mit 18 die Schule zu verlassen, wenn man die Abschlussprüfung des Realgymnasiums bestanden hat. 

Als wir die Schule besuchten, wollten wir wissen wie diese Art der Erziehung innerhalb des österreichischen Schulsystems umgesetzt wird. Natürlich folgen die Schulen dem österreichischen Lehrplan und nutzen deutschsprachige Schulbücher. Ursprünglich waren die Lehrveranstaltungen zweisprachig – auf Tschechisch und Deutsch – und in den frühen 1990ern kam Slowakisch als dritte Sprache hinzu. „Wenn die Kinder mit ihrer Ausbildung anfangen, legen Eltern gemeinsam mit den Lehrern fest, in welcher Sprache das Kind alphabetisiert wird. Das bedeutet, dass sie Lesen und Schreiben in ihrer starken Sprache lernen. Während der ersten zwei Jahre der Ausbildung sollte die andere Sprache auf das gleiche Niveau gebracht werden“, sagt Karl Hanzl.

Die Direktorin der Grundschule, Marcela Ofner, erzählt uns, dass sie alle Fächer, mit Ausnahme des deutschen und englischen Sprachunterrichts, in zwei der drei Sprachen unterrichtet: „Die Lehrer, die zu 98 Prozent tschechisch oder slowakisch sind, schalten von Deutsch auf Tschechisch um. Wenn ein Kind etwas nicht auf Tschechisch versteht, wird es auf Deutsch erklärt. Alles ist vermischt. Die Kinder machen sich Notizen auf Tschechisch und Deutsch, die slowakischen Kinder auf Slowakisch und Deutsch.“ Ofner sagt, das System funktioniere gut und Schüler seien daran gewöhnt. Sie wechseln auch von einer Sprache in die andere, wenn sie miteinander sprechen, was bedeutet, dass es ihnen keine Probleme bereitet.

Ofner hebt hervor, dass slowakische Kinder schnell lernen und nach einem Jahr Slowakisch, Tschechisch und Deutsch beherrschen, während tschechische Kinder ein gutes passives Verständnis für Slowakisch haben, wobei die tschechische Sprache dominiert. Sie glaubt, dass Mehrsprachigkeit ein wertvolles Gut ist in der heutigen Welt, die sich immer weiter öffnet; deshalb ist es sehr wertvoll in einer solchen Umgebung aufzuwachsen. Die Schule bietet den Kindern viel mehr als nur zwei oder drei Sprachen; sie bringt ihnen auch etwas über die Kultur, Geschichte, Geografie und Traditionen der jeweiligen Länder bei. „Sie würden all das nicht lernen, wenn sie sich nur mit ihren Eltern zu Hause darüber unterhalten“, stellt die Direktorin der Komenský Grundschule fest.

Leider konnten wir während unseres Besuchs nicht an einem zweisprachigen Unterricht teilnehmen – nur an einer Deutschstunde. Es war wirklich erstaunlich, wie aktiv die Kinder waren. Ich vermutete, dass es an unserem Besuch lag, aber der Lehrer, einer der wenigen, die weder Tschechisch noch Slowakisch sprechen, versicherte uns, dass dies der Normalzustand sei.

Wir sprachen mit ein paar Drittklässlern. Peter erzählte uns, dass er keinerlei Deutsch sprach, als er vor vier Jahren mit seinen Eltern nach Wien zog: „Jetzt bin ich in der dritten Klasse und wir haben einen deutschsprachigen Lehrer, was mir dabei hilft, besser Deutsch zu sprechen.“ Die Kinder machten den Eindruck, als gingen sie wirklich gern zur Schule, auch wenn sie zugaben, dass sie die Tage ohne Hausaufgaben am liebsten mögen.

Die Komenský Schulen sind ein gutes Beispiel dafür, dass Institutionen für ethnische Minderheiten nicht zwingend zu kulturellen Ghettos führen, sondern im Gegenteil, das Leben der Kinder bereichern, die von den verschiedenen Kulturen profitieren können, in denen sie aufwachsen.