Gesellschaft

Wer sorgt sich um Europas Nachwuchs?

Artikel veröffentlicht am 17. September 2007
Artikel veröffentlicht am 17. September 2007
Während Frankreich und Finnland in puncto Kinterbetreuung im europäischen Vergleich die Nase vorn haben, kämpft Deutschland noch gegen alte Rollenbilder.

Europa altert und die Welt wird jünger. Die Regierungen können diesen Trend nicht umkehren, aber abschwächen, wenn sie an drei Stellschrauben drehen: dem Rentenalter, der Zuwanderungspolitik und der Geburtenrate. Letztere ist eng verknüpft mit dem heimischen Betreuungsangebot für unsere Jüngsten. Immer mehr Frauen entscheiden sich spät für Kinder. Laut Eurostat gibt es im europäischen Vergleich deutliche Unterschiede in den Geburtsjahrgängen. Welche Möglichkeiten haben Eltern in Europa, die Job und Familie vereinbaren wollen?

Deutsche Mangelware: Krippenplätze für unter Dreijährige

In Deutschland gibt es für bis Dreijährige die Krippe und ab 3-6 Jahren den Kindergarten, bevor die Schule beginnt. Doch auch mit der Einschulung ist die Suche nach einem Betreuungsplatz für den Nachwuchs nicht vorbei. Meist ertönt für den frisch Eingeschulten bereits um 11:30 Uhr der Schulgong und nicht alle Eltern ergattern einen Hortplatz für eine anschlieende Betreuung. Oft entscheidet die geographische Lage des Elternhauses, ob der Sprössling in den Genuss einer Tagesbetreuung kommt. So kamen in Baden-Württemberg nur 23 Krippenplätze auf 1000 Kinder, in Sachsen-Anhalt immerhin 566. Die neuen Bundesländer zehren noch von einem gut ausgebauten Betreuungssystem in der ehemaligen DDR. Generell gilt, dass die Betreuung ab dem dritten Lebensjahr leichter zu finden ist, während es an Angeboten für unter Dreijährige mangelt. Allerdings lassen die jüngsten Gesetzesinitiativen von Familienministerin Ursula von der Leyen in Zukunft auf mehr staatliche Unterstützung hoffen. Laut der Anfang September beschlossenen Gesetzesinitiative, sollen bis 2013 Krippenplätze für ein Drittel der unter Dreijährigen zur Verfügung stehen.

Rundum-Service auf französisch

Frankreich gilt neben den skandinavischen Ländern als Musterknabe in puncto Kinderbetreuung. Charakteristisch sind die zahlreichen Akteure, die das System gestalten. So engagieren sich neben Städten, Gemeinden und der CAF (staatliche Familienbeihilfekasse) auch private Träger und Vereine. Insbesondere das Angebot für Kinder unter 3 Jahren ist breit gefächert. Es reicht von der ganztägigen Betreuung durch öffentliche Krippen (crèche collective) bis hin zur "halte garderie", in der die Kinder je nach Bedarf für ein paar Stunden versorgt werden. Später besuchen die Kleinen den Kindergarten (école maternelle), der in der Regel von 8:00 – 16:30 Uhr geöffnet hat (auch in der Ferienzeit). Das Angebot wird von jungen Eltern stark genutzt, nicht zuletzt, weil es weitgehend kostenlos ist und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt. Im europäischen Vergleich fällt auf, dass Frankreich eines der wenigen Länder mit steigender Bevölkerungszahl und hoher Geburtenrate ist. Ein Grund: werdende Eltern – oder vielmehr die werdende Mutter – muss sich hier nicht zwischen Halbtagsjob und Hausfrau am Herd entscheiden.

Finnische Gleichberechtigung

Arbeit und Nachwuchs miteinander zu kombinieren ist, vor dem Hintergrund der Gleichberechtigung von Mann und Frau, ein wichtiges Thema der finnischen Familienpolitik. Werdende Mütter und Väter haben im hohen Norden bereits einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Sie können dabei zwischen einem Platz in der Kindertagesstätte (päiväkoti) und der Betreuung durch eine Tagespflegeperson in einer Familientagesstätte (perhepäivähoito) wählen. Falls sich ein Elternteil entschliet, eine berufliche Pause einzulegen, um sich voll und ganz dem Nachwuchs zu widmen, greift der Staat finanziell unter die Arme.

Kinderbetreuung nach dem Leitbild der Gesellschaft

Ganz gleich welchem Leitbild Europa folgt: Politiker sollten sich darüber bewusst sein, dass ein gut ausgebautes Betreuungssystem eine glänzende Investition in die Zukunft ist. Spielt die Betreuungslage bei der ein oder anderen Frau das Zünglein an der Waage bei der Entscheidung für oder gegen eigene Kinder, so kann es für Sprösslinge aus sozial schwächer gestellten Familien die entscheidene Weiche für eine chancengleiche Zukunft bedeuten. Europa kann es sich nicht leisten, sorglos mit der Generation von morgen umzugehen.