Gesellschaft

Weiblich, jung, Bürgermeisterin

Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2008
Die junge spanische Bürgermeisterin Ángeles Férriz ist die Protagonistin eines schleichenden Generationenwechsels in der Politik.

Ángeles Férriz ist 29 Jahre alt und seit 2007 die neue Bürgermeisterin von La Carolina. La Carolina ist eine spanische Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern. Sie wurde vor 250 Jahren von deutschen und französischen Siedlern gegründet, die dazu beitragen sollten, Andalusien wieder zu bevölkern. Ángeles Férriz' politischer Gegner und Vorgänger im Bürgermeisteramt, Ramón Palacios, ist stattliche 87 Jahre alt. Bürgermeister wurde er noch zu Zeiten der Franco-Diktatur, seitdem hatte er niemals Wahlen verloren. Zwischen Ramón Palacios und Ángeles Férriz liegen 58 Jahre: mit dem Amtswechsel von ihm zu ihr vollzog sich damit der größte politische Generationswechsel in ganz Europa.

Kein Privatleben, aber glücklich

"Ich werde nicht mein ganzes Leben lang Bürgermeisterin sein. Aber bis jetzt ist es das, was mir Tag für Tag am meisten Spaß macht und mich zugleich am meisten verbittert", erzählt sie, kaum dass wir angekommen sind. Es ist halb neun, Ángela Férriz empfängt uns noch im Schlafanzug. Die älteste von drei Töchtern einer alleinerziehenden Mutter lebt in einem der bescheidenen Viertel von La Carolina. Lokalpolitik sei "Politik in Reinform", betont sie, "in der man erst gar keine Hirngespinste entwickeln kann: Jeden Tag kommen Leute zu mir, die wünschen, dass ich ihre Probleme sofort lösen kann."

Der Druck wirkt sich natürlich auch auf ihr Privatleben aus. "Ich habe gar kein richtiges", erklärt sie auf dem Weg zum Rathaus. "Weil ich es mit der Politik vermische. Selbst wenn ich bei meiner Mutter bin, die Kontrollinspekteurin beim Rathaus war, reden wir über die Arbeit. Selbst auf mein Liebesleben schlägt sich meine Arbeitsbelastung nieder!", bedauert sie, um gleich darauf wieder zu beteuern, dass sie die Politik glücklich macht.

Klar zum Gefecht!

Um fünf nach neun betreten wir das Rathaus. Ein glanzloses Gebäude, an dem sich der Verfall der Stadt abzeichnet - trotz industrieller Investitionen, die La Carolina dank der persönlichen Freundschaft des Ex-Bürgermeisters Palacios mit dem ehemaligen konservativen spanischen Ministerpräsidenten Aznar an sich ziehen konnte. "Palacios hatte den politischen Riecher, auf Aznar zu setzen, als noch niemand an ihn geglaubt hat", muss Férriz, überzeugte Sozialistin seit ihrem 16. Lebensjahr, ihrem Amtsvorgänger zugestehen. De facto ist Palacios sogar Taufpate von einem der Söhne Aznars.

In Férriz' Büro angekommen, ist Schluss mit der Ruhe der vergangenen Stunde: Fünfzehn Telefonanrufe, ständige Anfragen ihrer Stadträte, Weihnachtskarten, die abgeschickt werden müssen, aber gespickt mit Rechtschreibfehlern sind. "Die müssen nochmals neu gemacht werden", ordnet sie gereizt an. Mit der Haltung eines Feldwebels kündigt sie ihre Pläne im Amt der Bürgermeisterin an. "Ich werde die politische und unterwürfige Kultur in dieser Stadt ändern", proklamiert sie, während sie gleichzeitig einem schmächtigen Mitarbeiter nach einem schwerwiegenden Schnitzer einen Rüffel erteilt. "Mit Schulden von mehr als 48 Millionen Euro und einem Jahreshaushalt von 14 Millionen Euro muss man über jeden Cent, den man ausgibt, vorher lange nachdenken", schildert sie ein Hauptproblem von La Carolina. Und wie viel verdient sie selbst pro Monat? 2.500 Euro. Es entsteht der Eindruck eines Kriegsschauplatzes mit schlechter Ausrüstung: Aber Férriz gibt das Kommando nicht aus der Hand. Sie bewertet, berät, entscheidet, redet, redet, redet. Und meistert die Lage schließlich mit Küsschen links, Küsschen rechts und viel Lebensmut.

Wandel in der Wirtschaftsmentalität

Dann wiederum, in der Konferenz um 10 Uhr 15, lauscht Ángeles Férriz hochkonzentriert den fachmännischen Erklärungen der Städtebauer, um ihren ersten Stadtordnungsplan vorzubereiten. Von dem hängt die wirtschaftliche Belebung der Stadt ab, die auf Tourismus und industrielle Erholung aufbauen soll. "Stierkampfarena oder Einkaufszentrum?", wirft einer der Experten als Kernfrage auf. La Carolina hat 1.700 Arbeitslose. Férriz möchte im Jahr 2008 eintausend neue Stellen schaffen. "Die Schwierigkeit liegt darin, dass hier die Leute denken, der Bürgermeister sei derjenige, der über ihr Leben und über Begünstigungen entscheidet. Ich habe meinen Wahlkampf darauf aufgebaut, dass mein Bürgermeisteramt nicht die Arbeitsagentur ist."

"Wir haben ein Rathaus geerbt, das nicht wie eine öffentliche Verwaltung geführt worden ist, sondern wie ein Landgut", prangert sie an. "Vor den Wahlen hat der damalige Bürgermeister viele Gelegenheitsjobs geschaffen, um sich so die Stimme der Angestellten zu sichern." Erste Konsequenz: Der Anteil der Briefwähler liegt in La Carolina bei 10 Prozent, während der nationale Durchschnitt noch nicht einmal die Zweiprozentmarke erreicht. Zweite Konsequenz: Dem Rathaus fehlt qualifiziertes Personal: "Es gibt viele Hilfsarbeiter, viele Hausmeister und bis zu 48 Gärtner, aber keine Ökonomen, Architekten oder Juristen", fasst Ángeles Férriz, selbst studierte Juristin, die Lage zusammen. Dritte Konsequenz: es gibt keine Verwaltungseinheit, die die europäischen Finanzhilfen verwaltet. "Eine Sache haben wir gleich geändert: es gibt keine Politiker mehr auf den Posten, die für die Neueinstellungen des Rathauses zuständig sind", rühmt sie sich.

Spannung in Europa

"Erst jetzt fangen wir an, über die Fachleute der Handelskammer und die Provinzverwaltung nach europäischen Finanzhilfen zu greifen", erzählt Férriz im Auto auf der Rückfahrt von der Einweihung des ersten Parks der städtischen Feuerwehrmänner um 12 Uhr und dem Mittagessen von Amtsträgern der PSOE (Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens) mit der regionalen Presse um 14 Uhr 30. Auch wenn es in einem Land wie Spanien unglaubwürdig klingt, hat La Carolina immer abseits der europäischen Programme gelebt. Hier gab es keine Agrarhilfen oder Programme wie Equal. Férriz sieht in der Europapolitik viele Illusionen und die Notwendigkeit, "stärker Erfahrung mit jugendlicher Frische zu kombinieren." Was für sie das Beste an der EU sei? "Für Spanien ist es der Fall der Grenzen, kommen doch aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich die meisten Touristen."

Die Eroberung der Macht

Die Vorbereitung: Im Jahr 2003 verlor ihre Partei die Wahlen und Férriz wurde zur Vizepräsidentin der Provinzverwaltung beordert. "Ich war die Verantwortliche für die beste Abteilung, für die, die immer Quell positiver Nachrichten war: Europäische Finanzhilfen, Tourismusinitiativen, nachhaltige Entwicklungspläne. Damit war ich jeden Tag im Fernsehen und in der Presse."

Die Strategie: "Der vorherige Kandidat hatte zweimal verloren und wollte keinen Rückzieher machen. Aber um Ideen umsetzen zu können, muss man an die Macht kommen und sich nicht auf die Niederlage einstellen und auf Parteiversammlungen ziellos rumsinnieren. Es musste frischer Wind rein und ich habe mich unter zwei Bedingungen bereiterklärt: dass ich durch die Aktivisten gewählt werde und dass sie mich mein Wahlkampf- und Regierungsteam selbst aussuchen lassen."

Die Taktik: "Mit den Jüngeren, die sich nicht mehr in der Partei haben einschließen lassen, haben wir uns in Bars oder auf der Straße getroffen, damit sie uns von ihren Ideen erzählen. Den Älteren kannst du nicht sagen, dass sie nichts taugen, so dass du einen Ältestenrat bildest. Weil sie auch diejenigen sind, die das Dorf und seine Familien am besten kennen, zum Beispiel wissen, wer wählt und wer nicht wählt. Für jeden einzelnen muss eine Aufgabe gefunden werden, die zu seinen Fähigkeiten passt. Wenn nicht, schafft man Frustration. Jeder muss sich nützlich fühlen", erklärt Ángeles Férriz ihre Herangehensweise.

Eine sehr junge Regierung

Um 19 Uhr 15 versammelt sich die Führungsriege der Stadtverwaltung: acht Personen, paritätisch vier männlich, vier weiblich. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren. Jeder hat mehrere Ressorts übernommen. Nur die Hälfte von ihnen ist ungebunden. So arbeitet etwa die 30-jährige Verantwortliche für Wirtschaft und Kultur bis 17 Uhr bei Robert Bosch - das Unternehmen hat eine Fabrik in La Carolina. Danach kommt sie ins Rathaus, eigentlich, um die Konten abzurechnen. Aber keine Spur von Müdigkeit: Heute spielt sich hier, in einer Stunde und 45 Minuten, ein wahres Feuerwerk von Effektivität und Dynamik ab. Die Ressortleiter bereiten die Verhandlung über den Gesamthaushalt für 2008 vor, planen die traditionellen Glockenschläge zum Jahreswechsel auf dem Platz des Volkes, die Werbung für das städtische Theater, das Neujahrskonzert, den Reiterzug für den Tag der Heiligen Drei Könige, die Inbetriebnahme einer Schulwerkstatt, die Karnevalsfeierlichkeiten, ohne dabei zu vergessen, die organisatorischen und protokollarischen Problemen im Rathaus zu diskutieren. Um 21 Uhr gehen alle nach Hause. Wer kann das schon überbieten?