Gesellschaft

Weg aus Europa und den USA: "Hier seid ihr willkommen"

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
Eine wachsende Zahl junger Menschen zwischen 25 und 35 Jahren begibt sich auf die Suche nach ihrem Glück – und wandert aus. Doch nicht Amerika ist ihr Ziel. Sondern Australien, Lateinamerika und Asien. Es scheint, als habe der Amerikanische Traum anderen Sehnsuchtsorten Platz gemacht.
Selbst die amerikanische Jugend findet Gefallen daran in die Fremde hinauszuziehen, um sich irgendwo anders zu erproben und den eigenen Horizont zu erweitern.

Das amerikanische Institut America Wave, das erfasst, wie viele Amerikaner auswandern und wohin, veröffentlichte kürzlich besorgniserregende Zahlen: Im Jahr 2011 entschlossen sich rund 2,5% der US-Bürger dazu, den amerikanischen Kontinent zu verlassen. 2009 waren es gerade einmal 0,8%. Es handelt sich vor allem um junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren, die plötzlichen vom Fernweh gepackt werden und in die Welt hinausziehen, um sich neuen Herausforderungen zu stellen.

"Ich habe einfach Lust, mal in einem anderen Land zu leben" – diese Antwort hat Bob Adams oft gehört. Doch der Geschäftsführer von America Wave kann diese Erklärung nicht recht glauben. Hat der Sinneswandel der patriotischen Amerikaner nicht vielmehr damit zu tun, dass die Jugend für sich keine „unbegrenzten Möglichkeiten“ mehr sieht, sondern auf einen großen Schuldenberg blickt?

Europa: neue Ziele und alte Häfen

Politische Umwälzungen und wirtschaftliche Stagnation in Europa und dem Mittelmeerraum sorgen dafür, dass sich die dortige Jugend vermehrt auf den Weg macht. Sie nimmt die aktuelle Krise zum Anlass, sich andernorts neu zu erfinden. Auch innerhalb Europas wandern sie umher, von einem Ort zum anderen, nicht selten auf gut Glück.

Deutschland hat sich zum beliebten Ziel vieler Südeuropäer gemausert. Obwohl Litauen die Statistik als Land mit der höchsten Jugendemigration anführt, sind die Migrationsflüsse aus Spanien und Griechenland noch lange nicht versiegt. Selbiges gilt für Italien. Eine Region ist besonders betroffen: Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen mit Universitätsabschluss verlässt Ligurien, eine Region im Norden Italiens, so das offizielle Landesamt für Statistik Istat.

Tatsächlich ist es nicht selten, dass Europäer sich als Wahlheimat für einen anderen Kontinent entscheiden. Doch statt der traditionellen Auswanderungsziele peilen sie nun neue Häfen an. Viele Portugiesen wandern derzeit beispielsweise in ihre Ex-Kolonien Brasilien und Angola aus. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat mit einer „Rückwanderungswelle“ zu kämpfen: Junge Türken der zweiten Generation verlassen die deutschen Gefilde, um in die Türkei zurückzukehren, die seit der Krise 2009 als „neuer asiatischer Tiger“ gilt.

Zukunftsklima?

Und auch Argentinien, eigentlich ein klassisches Auswanderungsland, wird zehn Jahre nach seiner wirtschaftlichen Talfahrt immer öfter zur neuen Heimat für junge Europäer.

Die Krise: Fluch oder Chance?

Trotz der Sorgen von America Wave, alarmierenden Statistiken, trotz aller Bestrebungen, die jungen Leute im Land zu halten, scheint die Zeit noch nicht gekommen zu sein, um die Migration als etwas Selbstverständliches anzunehmen. Schuld daran sind auch die Medien, die immer wieder vom Braindrain - dem Auswandern der klugen Köpfe - schreiben. Einzig eine intelligente und witzige Parodie im Beiblatt der italienischen Wochenzeitschrift Internationale versuchte dem Vorurteil entgegenzuwirken, das Verlassen der Heimat sei mit einer Niederlage zu vergleichen.

Die jungen Europäer haben andere Vorstellungen vom Leben, als die ältere Generation. Trotz Krise, trotz Arbeitslosigkeit und erhöhten Steuern, entschließen sich viele junge Menschen, Neuland jenseits ihrer Heimatgrenzen zu erkunden. Die Neugier treibt sie. Und manch einer bleibt, weil er sich – ganz unerwartet – in der Kultur anderer Breitengrade eingelebt hat.

Wer zum ersten Mal seine Heimat verlässt, ist meist von unbändiger Neugier getrieben. Es geht darum, die eigene Kraft spüren zu wollen, die Herausforderung der Fremde zu erfahren. Darum darf es in Europa und Amerika nicht darum gehen, jene, die schon weg sind, mit allen Mitteln zurückzulocken. Sondern darum, Neuankömmlingen das Gefühl zu geben: Hier seid ihr willkommen. Egal, woher ihr kommt.

Fotos: Homepage (cc)Mait Jüriado/flickr; Buenos Aires (cc)micmol/flickr