Gesellschaft

Web 2.0: Willkommen im Global Village

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2007
Mit Blogs, Podcasts, Wikis und anderen Plattformen, die angeblich der sozialen Vernetzung dienen, gibt das Web 2.0 jedem Benutzer die Möglichkeit, an der Gestaltung des Internets aktiv mitzuwirken. Web 2.0 - die virtuelle Version der Globalisierung?

Wer 'in' ist, der hat seinen eigenen 'Space' und teilt sein Privatleben und seine Hobbies mit den Einwohnern des 'Global Village'. Dieses Dorf kennt keine Grenzen und ist das virtuelle Zuhause von etwa 1,1 Milliarde Internetsurfern. (Totale) Transparenz dank Web 2.0 - ein Glücksfall für Online-Werber und die perfekte Orwellsche Fantasie.

Doch im World Wide Web kann man nicht nur ganz einfach seine eigene Homepage und andere personalisierte Seiten gestalten. Inzwischen werden mehr und mehr Transaktionen über das Internet ausgeführt. Die Sorge wächst, dass Behörden und Vater Staat persönliche Daten, die in einer Art digitalem (Finger)Abdruck im Netz hinterlassen werden, missbrauchen könnten. Web 2.0 als eine Art universelles und unfehlbares Gedächtnis? Der französische Journalist Yes Mamou fragt sich, "ob das Internet letztendlich zu Wege bringen wird, was den totalitaristischen Regimes des 20. Jahrhunderts nicht gelungen ist": die Kontrolle des Privatlebens.

Zugegeben: Die exponentielle Nutzung des Internet bestätigt diese Befürchtung. Eine Reihe an Affären lassen das Schreckgespenst Big Brother nicht zur Ruhe kommen. Vorfälle sind zwar selten, finden durch die Medien aber weite Verbreitung. Ein Beispiel ist der SWIFT-Skandal aus dem letzten Jahr: SWIFT, die internationale Genossenschaft der Geldinstitute für Finanztransaktionen mit Sitz in Brüssel, hatte zugegeben, der CIA Zugriff auf vertrauliche Daten gestattet zu haben. Das Paradoxe ist, dass öffentlichen Behörden vorenthalten wird, was sich private Unternehmen ganz selbstverständlich herausnehmen. So nimmt das so genannte virale Marketing und der Handel mit persönlichen Daten von Internetnutzern stetig zu.

Am 6. November hat Facebook verkündet, Werbekunden Zugang zu den Profilen seiner mehr als 50 Millionen Mitglieder zu gewähren (mit Angabe von Geschlecht, sexuellen Vorlieben, religiöser Überzeugung, politischer Einstellung usw). Um IT-Spionage zu betreiben, bedarf es keiner besonderen, hochentwickelten Technik: Gmail, der E-Mail-Dienst von Google, passt Werbeanzeigen auf den Inhalt von E-Mails an. Microsoft und Google sind dabei, Gesundheitsportale zu entwickeln, in denen die medizinischen Daten von mehr als 300 Millionen Amerikanern gespeichert werden sollen. Das Ziel: eine verbesserte Patientenbetreuung. Die Gefahr: die teilweise Offenlegung höchst privater Informationen. Internetmarketing ist umso effektiver, je stärker es auf die persönlichen Interessen und Vorlieben von Nutzern ausgerichtet ist und hat sich zu einer wahren Goldgrube entwickelt. Doch genau diese Einnahmen ermöglichen die kostenlose Nutzung (und daher Beliebtheit) vieler Websites...und dadurch die Sammlung und den möglichen Missbrauch persönlicher Daten.

Rechtssprechung im virtuellen Raum

Seit 1978 gibt es in Frankreich ein Gesetz zum Datenschutz und eine Kommission zur Überwachung der darin enthaltenen Vorgaben (Commission Nationale de l'Informatique et des Libertés, kurz: CNIL). Damit hat Frankreich das Problem jedoch lediglich in einem begrenzten, da nationalen Rahmen gelöst. Gegenüber nicht-französischen sozialen Netzwerken, wie beispielsweise den amerikanischen Giganten Facebook und MySpace, ist die CNIL absolut machtlos.

Vereinzelt aber gibt es Lichtblicke: Im Jahr 2000 wurde zwischen der Europäischen Union und den USA die Datenschutzvereinbarung 'Safe Harbour' geschlossen. Sie soll im Einklang mit der europäischen Richtlinie 95/46/EG vom 24. Oktober 1995 den freien Austausch von Daten unter Einhaltung bestimmter Vorgaben, die dem Schutz personenbezogener Daten dienen, gewährleisten. Der Inhalt dieser Vereinbarung ist innerhalb der EU in verschiedene nationale Gesetzgebungen eingeflossen. Jedoch stellt die Tatsache, dass verschiedene nationale Gesetze existieren, um ein internationales, virtuelles Phänomen zu regulieren, eine große Herausforderung dar. Thibaud Grouas vom 'Forum der Rechte im Internet', schlägt vor, Internetseiten so zu kennzeichnen, dass für den Benutzer sofort ersichtlichtlich ist, ob mit einer bestimmten Seite ein Datenschutzrisiko verbunden ist oder nicht.

Hauptsache vernetzt!

Die Vermarktung des eigenen Privatlebens im Internet ist nur schwer mit dem Wusch nach Schutz gegen 'äußere Angriffe' auf die so genannte E-Privacy zu vereinbaren. Es ist zum Massenphänomen geworden, das eigene Privatleben im Web 2.0 zur Schau zu stellen und wie Kapital zu behandeln, das im virtuellen Raum wachsen und sich irgendwann im realen Leben auszahlen soll.

Doch stärker noch als einzelne Gesetzgebungen ist die Community selbst in der Pflicht: Je größer sie wird, desto wichtiger ist es, Regeln zum Schutz der Rechte des Einzelnen festzulegen. Limore Tagil, Experte auf dem Gebiet neuer Kommunikationstechnologien, betont diesen Aspekt: "Die neuen Netzwerke, die durch das Internet geschaffen werden, machen eine neue Ethik erforderlich, die den einzelnen Nutzer als Individuum schützt."

Ob man sein Recht auf eine freie Meinung und freien Ausdruck im Web 2.0 nun wahrnehmen oder die Möglichkeiten einer virtuellen Präsenz nutzen möchte: der Preis dafür bleibt die Freigabe privater Informationen. Es sollte Aufgabe der Bildungseinrichtungen sein, vor allem jungen Menschen den Wert eines Privatlebens vor Augen zu führen - bevor sie mit dem Internet in Berührung kommen.

Sieh das Video 'The Machine is us/ing us' auf YouTube