Gesellschaft

Warme Brüder in kalten Zeiten: Schwules Leben im kommunistischen Ungarn

Artikel veröffentlicht am 14. September 2015
Artikel veröffentlicht am 14. September 2015

Am 16. August lief auf dem Sziget Festival in Budapest ein Film. Es ging um ein gesellschaftliches Thema, das in Europa immer mehr in den Vordergrund rückt, in Ungarn jedoch wenig Beachtung findet: die Frage der Anerkennung von LGBT-Rechten. Ein abendfüllender Dokumentarfilm versucht, ihren Kampf anhand eines Dialogs verschiedener Generationen von Aktivisten nachzuzeichnen.

Sonntag, letzter offizieller Sziget-Tag. Ab morgen werden die meisten Festivalteilnehmer ihre Sachen packen und den kurzen oder langen Heimweg antreten. Es sind 40 Grad und am Himmel zieht ein Gewitter auf. Im Zelt von Magic Mirror, das Verbänden und Veranstaltungen rund um LGBT-Kultur und LGBT-Rechte gewidmet ist, laufen drei Ventilatoren auf vollen Touren. Man wünscht sich fast einen Schal. In dieser Riesenjurte, einer Oase der Ruhe mitten im Gewühl, hat es während des gesamten Festivals Vorführungen und Vorträge gegeben, darunter einen von zwei Mitgliedern von Pussy Riot, der viel Publikum anzog.

Vor relativ wenigen Zuschauern wird nun der Dokumentarfilm "Meleg ferfiák, hideg diktaruták" gezeigt, wörtlich "Warme Männer, kalte Diktaturen" (meleg bedeutet im Ungarischen sowohl "warm" als auch "schwul"). Es folgt eine Diskussion mit der Regieassistentin Timar Magdi Cilin und zwei der porträtierten Personen, Balász Pálfi und Péter Hanzli.

Den Dialog zwischen Generationen filmen

Die Planung des im Jahre 2014 von der Regisseurin Mária Takács und ihrem Team fertiggestellten Projekts war nicht leicht und die Umsetzung noch weniger. Den Anstoß gab der Aktivist Milán Banach Nagy - es ging darum, die wenigen Rechte, die der LGBT-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) in Ungarn zugestandenen werden, zu analysieren. Durch das Filmen eines Dialogs zwischen zwei Generationen wird ihre Entwicklung seit den 50er-Jahren untersucht. So stellten drei junge Aktivisten des neuen Jahrtausends, Milán, Gábor und Péter, unter anderem den Kontakt zu László, Balász, Attila, Zoltán, Ferenc und István her,  befragten sie und tauschten Erfahrungen aus. Sie alle sind homosexuell, in den 40er- oder 50er-Jahren geboren, teils politisch aktiv und haben versucht, ihr Leben und ihre Sexualität in politisch noch viel düstereren Zeiten in Einklang zu bringen. Im Film schauen sie zurück und in die Zukunft, die von denen gestaltet wird, die heute kämpfen.

Ausgangspunkt des Films ist der Gay Pride 2008. Es war die erste Demonstration in Budapest, die unter großem Polizeiaufgebot stattfand, um die Teilnehmenden vor Angriffen von Rechtsextremen zu schützen. Diese bewarfen sie nämlich mit Geschossen und beschimpften sie. Milán erzählt, er habe an diesem Tag geahnt, dass die damalige Regierung lieber die Demonstrationsfreiheit der LGBT-Aktivisten beschneiden würde, als etwas gegen die gewalttätigen Bekundungen von Intoleranz zu tun. Seitdem ist von Jahr zu Jahr immer mehr Polizei vor Ort.

Englischer Trailer des Films.

Diese Situation und die daraus entstehenden Risiken sind durchaus beunruhigend. Doch die älteren Personen, die den ganzen Film über zu Wort kommen, ändern das Bild. Sie erzählen, was sich seit den 50er-Jahren verändert hat. "Für euch ist es normaler, euer Coming Out zu haben, als zu schweigen und zu hoffen, dass niemand je etwas erfahren wird. Im Jahre 1980 war die erste Möglichkeit noch überhaupt nicht denkbar", sagt eine Person im Film.

Sie erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass die damaligen kommunistischen Machthaber das Leben der Bürger von der Geburt bis zum Tod im Detail vorausplanten. Sie hatten natürlich auch ein Wörtchen mitzureden, was das Beziehungsleben und die Gründung von Familien betraf, "was den meisten Menschen ganz recht war und auch mir hätte recht sein können, wenn ich in das Schema gepasst hätte", seufzt einer der Protagonisten. Für diejenigen, die gegen die Norm verstießen, waren Haftstrafen und andere Formen der Folter vorgesehen. An diesen Wunsch nach Kontrolle erinnert der Zusatzartikel zur Familie des Premierministers Viktór Orbán aus dem Jahr 2013: Laut der ungarischen Verfassung kann eine Familie nunmehr ausnahmslos aus einem Mann und einer Frau bestehen. Zahlreiche NGOs, darunter Amnesty International, haben diese enge Definition kritisiert.

Die eigene Geschichte überdenken

"Warme Männer, kalte Diktaturen" ist der Nachfolger eines anderen Films der Regisseurin Mária Takács, der 2009 erschien: Er heißt "The Secret Years" und ist ähnlich aufgebaut, zeigt aber unterschiedliche Lebenswege lesbischer Frauen während der kommunistischen Diktatur. Parallel zum Film ist jeweils ein Buch entstanden, das das Leben der verschiedenen Protagonisten noch genauer nachzeichnet und mehr Anekdoten liefert. Für das Team war es sehr wichtig, nicht nur den Geschichten derer, die diese Zeit erlebt haben, nachzuspüren. Sie erforschten auch die offiziellen Anfänge einer organisierten Bewegung für LGBT-Rechte. Erzählt wird von der Gründung des ersten Homosexuellenverbands Homeros und vom Magazin Mások, das auch nach dem Beginn der AIDS-Epidemie eine wichtige Rolle spielte. Informationen zu Prävention konnten auf diese Weise viele Menschen erreichen.

Während des ganzen Dokumentarfilms sieht man die Protagonisten der alten sowie der neuen Garde durch Budapest laufen. Sie folgen den Spuren der symbolträchtigen Orte der Schwulenkultur vor 1989, wie dem legendären Géllert-Bad mit seinen Terrassen, das damals noch nach Geschlechtern trennte und als verrucht galt. Oder dem ebenfalls legendären Universitätscafé, zu dem eine unterirdische Geheimtür führte und das heute nicht mehr existiert. Die Protagonisten reisen sogar bis an die Strände Kroatiens und erinnern sich an einstige Urlaubsreisen, auf denen sie sich ein wenig frei fühlen konnten. Laut der Regieassistentin Timar Magdi Cilin dienten diese Spaziergänge und Reisen dazu, jene wenig bekannte Zeit greifbarer zu machen. Ebenso sollten sie die Protagonisten der alten Generation zum "Überdenken ihrer eigenen Geschichte" anregen.

Die Finanzierung, von den Aufnahmen über die Postproduktion bis hin zur Ausstrahlung, gestaltete sich schwierig. Wie schon bei The Secret Years waren alle Anträge auf Finanzierung bei ungarischen Fernsehsendern oder Produzenten erfolglos. Aber das Team konnte von Anfang an auf die finanzielle Unterstützung mehrerer internationaler Organisationen und auf eine Finanzierung über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo zählen, über die sie 8065 US-Dollar (über 7000 €) sammelten. Der Film lief darauf im Juli 2015 für einen Monat in mehreren Budapester Kinos sowie beim Sziget Festival und bekam in einschlägigen Zeitschriften überwiegend gute Kritiken.

Auf die Frage an Balász Pálfi und Péter Hanzli, die beiden im Magic Mirror anwesenden Protagonisten, ob die Dreharbeiten ihr Leben verändert hätten, erklärt Péter, der Jüngere: „Mir ist bewusst geworden, wie wichtig ein echter Dialog zwischen verschiedenen Generationen von Aktivisten ist, und ich profitiere noch immer von diesem Austausch.“ Für den älteren Balász, er ist eine bekannte Persönlichkeit des LGBT-Aktivismus in Budapest, bedeutete diese Erfahrung die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. Außerdem habe er festgestellt, dass es zwar noch sehr viel zu tun gibt, die Diskriminierung aber nach und nach zurückgeht. Ebenfalls werden zahlreiche neue Vereine gegründet, die Menschen helfen und für mehr Rechte kämpfen, weswegen er nicht verzweifeln darf. Persönlich ist er durch den Film "noch älter und noch bekannter geworden", sagt er mit einem breiten Lächeln.

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Ein Dank an Judit Gyarfas für ihre wertvolle Hilfe.