Gesellschaft

WANTED: Praktikum im Europäischen Parlament

Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2006
Viele junge Europäer träumen von einem Praktikum in Brüssel. Sie suchen Erfahrung, Qualifikation – und vor allem gute Kontakte.

Das Europäische Parlament in Brüssel ist einer der beliebtesten Praktikumsplätze. Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2001 gingen etwa 2000 Bewerbungen beim Praktikumsbüro des Europäischen Parlaments ein. 2005 waren es schon fast 6500. Verfügbare Stellen gibt es ungefähr 600. Wer also wird ausgewählt?

„Keine Bezahlung? – ich mach’s trotzdem!“

„Ich hatte überhaupt keine Kontakte und habe meine Bewerbung einfach per E-Mail geschickt. Aber ich wurde genommen. Natürlich hab’ ich bemerkt, dass das nicht immer so leicht geht“, verrät Julian Böcker aus Deutschland. Er ist 23 und macht gerade ein Praktikum bei der Europäischen Volkspartei.

Die Europaabgeordneten können die Auswahl und die Anzahl ihrer Assistenten und Praktikanten selbst bestimmen. Im Gegensatz zu den festgelegten Verfahren bei der Europäischen Kommission haben die Parlamentarier aber auch bei der Bezahlung freie Hand. „Ich bekam eine monatliche Vergütung, die gerade reicht, um die Miete und ein bisschen mehr zu bezahlen“, bestätigt Jens Jonatan Stehen, dänischer Praktikant bei der Partei der Europäischen Sozialisten. Er fordert daher: „Das Europäische Parlament müsste allgemeine Standards einführen, um die Stellung der Praktikanten zu regeln.“

Maria Formisano macht gerade ihr erstes Praktikum in der Fraktion der Sozialisten. Die Italienerin studiert am Institut für Politikwissenschaften in Paris. „Ich werde überhaupt nicht bezahlt“, berichtet sie. „Aber ich mach’s trotzdem, denn der Einsatz lohnt sich. Ich habe Zugriff auf wertvolle Informationen und kann mich völlig frei über Themen informieren, die mich interessieren. Außerdem komme ich mit wichtigen Leuten in Kontakt.“

Kontakte pflastern den Karriereweg

Es geht also um Kontakte. Wer einige Monate in den kühlen Korridoren des Europa-Parlaments zubringt, kann die richtigen Personen für das zukünftige Arbeitsleben kennenlernen. Das Praktikum liegt damit auf dem Weg zu einer späteren Anstellung oder zu einem weiteren Praktikum in einer europäischen Institution oder einer Nichtregierungsorganisation.

Doch jedes Praktikum ist nach drei oder maximal sechs Monaten wieder vorbei. „Ich würde liebend gerne bleiben, aber es gibt keine freien Stellen“ erzählt Barbara Renna, Praktikantin bei der konservativen Europaabgeordneten Adriana Poli Bortone. „Wenn der aktuelle Assistent des Europaabgeordneten gerade sein Mandat beendet, übernehmen oft ehemalige Praktikanten seinen Platz.“

Auch ehemalige Praktikanten sollten sich daher gut informieren und weiterhin versuchen, „zum inneren Kreis zu gehören“. Genau aus diesem Grund hat sich schon 1966 die Adek International gegründet, die Vereinigung ehemaliger Praktikanten der EU. Ihr Ziel: Den Kontakt zwischen den ehemaligen Praktikanten und den EU-Institutionen zu fördern“.

Im Elfenbeinturm

„Meine Beziehung zu Brüssel geht gegen Null. Ich hab noch nicht mal den Eindruck, in Belgien zu leben“, bekennt der Däne Jens Jonatan. Jens teilt sich seine Wohnung mit acht weiteren Dänen und kommt aus diesem heimatlichen Umfeld kaum raus. „Ich hätte gerne mehr europäische oder internationale Bekannte außerhalb der Arbeit. Aber dafür bleibt keine Zeit.“

Auch Stella Duzhar und Christoph Kopp, beide ungarische Praktikanten bei der Europäischen Volkspartei, fühlen sich vom Leben vor Ort ausgeschlossen: „Wir beschränken uns darauf, am Wochenende ein bisschen Tourismus zu machen. Außerdem ist Brüssel sehr teuer, vor allem für uns Ungarn.“ Ein weiteres Problem ist für Stella, dass die Belgier gerne mit den Mietpreisen spekulieren: „Als ich hier ankam, hatte ich keine Ahnung von den Preisen. Übers Internet habe ich eine Unterkunft gefunden. Sie kostet 1300 Euro im Monat. Und erst seit ich hier bin, weiß ich, wie sehr ich über’s Ohr gehauen wurde.“

Um den unzähligen Praktikanten zu helfen, die jeden Monat aus ganz Europa nach Brüssel kommen, hat sich jetzt der Verein Trainees in Bruxelles gegründet. Er bemüht sich darum, unterschiedliche Wohnmöglichkeiten anzubieten: in einem WG-Zimmer, im Hotel oder in einer Gastfamilie.

Die Mieten in der belgischen Hauptstadt sind aber noch längst nicht so hoch wie in anderen europäischen Großstädten. Zu den Spitzenreitern gehören Städte wie Mailand oder Paris. Jerome Boniface kommt aus der französischen Hauptstadt und ist gerade für eine Woche in Brüssel. Er will hier nach Arbeit suchen. Seine italienische Freundin ist bei der Europäischen Kommission angestellt. Jerome ist 28 und hat einen Master des Warschauer Europa-Kollegs in der Tasche. „Die Situation ist schwierig. An jeder Straßenecke triffst du jemanden mit vier Abschlüssen und acht Fremdsprachen. Die Konkurrenz ist enorm. Ich frage Freunde und suche übers Internet. Wenn gar nichts klappt, werde ich es auch mit einem Praktikum versuchen.“