Gesellschaft

Wahlen in Polen: Jaroslaw Kaczynski, der Hamster-Kandidat

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2010
Ein zweites Kaczynski-Mandat würde uns direkt zurück ins Mittelalter katapultieren, warnt Artur Kurasinski (35), Gründer der Internetberater-Firma Revolver Interactive, der 2005 die politische Satire-Webseite chomiks.com ins Leben rief, um Kampagne gegen die Kaczynski-Zwillinge zu machen. Pünktlich zu den Wahlen am 20.
Juni 2010 und nach dem Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam, erweckt Artur seine politisch inkorrekten Hamster wieder zu neuem Leben. Seine Zielscheibe: Kandidat Jaroslaw Kaczynski! Interview.

Artur, kannst Du Dich noch an Deinen ersten Hamster-Moment erinnern?

Der polnische Unternehmer (35) ist Co-Gründer von mindestens 4 Startup-Projekten in seinem LandArtur Kurasinski: Die Wahlen 2005 und die damit verbundene äußerst brutale Kampagne haben sich irgendwie anders angefühlt. Jeder sprach damals von Politik. Ich erinnere mich noch, wie wir mit Freunden gemeinsam zum Essen an einem Tisch saßen und jemand sagte, er würde PiS [die nationalkonservative Partei der Kaczynski-Zwillinge Recht und Gerechtigkeit; A.d.R.], wählen. Daraufhin wollte eine andere Person direkt den Tisch verlassen - es gab diese enorme Spaltung. 'Du bist Postkommunist und gibst Deine Stimme den Liberalen - dann bist Du der Teufel, und unterstützt Dein Land nicht' war damals die Meinung vieler Leute. Das war absoluter Wahnsinn! Alle dachten, nach den Wahlen würde es Krieg geben. Das Problem war damals, dass die PiS sowohl die Präsidentschafts- als auch die Parlamentswahlen gewonnen hat. Niemand hatte erwartet, dass die gleiche Partei zwei Schlüsselpositionen [Präsident und Premierminister alias Lech und Jaroslaw Kaczynski; A.d.R.] innehaben könnte.

Ich habe dann versucht auf diese traumatische Situation zu reagieren. Einer meiner Freunde sagte, dass einer der Kaczynski-Brüder ein Hamstergesicht habe. Und dann erlebten wir eine dieser typischen Monthy Python Situationen: Wir sagten uns, los, lass uns hinsetzen und ein paar Hamster zeichnen, um die Kaczynski-Zwillinge auf’s Korn zu nehmen. Das war zwei Tage nach den Wahlen. Als ich all diese überglücklichen PiS-Visagen im Fernsehen sah, habe ich mir gedacht ‚das geht echt gar nicht‘! Und dann, binnen eines Monats, zählte unsere Webseite chomiks.com [Polnisch "chomik" für Hamster; A.d.R.] bereits 100.000 Besucher. Ich habe täglich einen Hamster-Cartoon online gestellt, der hunderte von Kommentaren provozierte. Viele junge Leute verfolgten das Abenteuer monatelang, leider ist nie ein wahrhaftiger Dialog entstanden.

Nach der Schließung der Webseite 2007 hast Du Dich am 23. April 2010 dazu entschlossen, die Hamster zu neuem Leben zu erwecken: Warum?

Artur Kurasinski: 2005 vereinten die Kaczynskis extrem viel Macht, sie konnten quasi alles tun, indem sie sich gegenseitig den Rücken stärkten. Nach dem kürzlichen Flugzeugunglück von Smolensk [am 10. April 2010, A.d.R.] hätte ich mich als überlebender Bruder komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen [Jaroslaw Kaczynski ist Kandidat für die Präsidentschaftswahlen am 20. Juni]. Man kann doch aus solch einer Tragödie kein politisches Statement machen! Es ist einfach ekelhaft, Fotos von der Beerdigung des eigenen Bruders für seine Wahlkampagne zu nutzen.

Und dann gibt es auch noch diese Tendenz der Unantastbarkeit in den traditionellen Medien, die es aufgrund des Dramas von Smolensk nicht wagen Jaroslaw zu kritisieren. Die Wahlkampagne von Jaroslaw Kaczynski ist komplett auf die Vergangenheit ausgerichtet. Aber seien wir mal ehrlich, wir haben eine enorme Krise in Europa zu bewältigen und viele Probleme, zum Beispiel in unseren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Doch wie kann man aktiv Probleme angehen, wenn man in der Vergangenheit lebt? Unsere Hamster sind gerade deshalb so populär, sie sind cool und übernehmen keine väterliche Erzieherrolle. Andererseits versuche ich natürlich die Leute davon zu überzeugen, dass PiS nicht die richtige Wahl ist - auch nicht in 2010. Ich denke, dass wir etwas geschafft haben, nämlich dass junge Leute zur Wahl gehen - und darauf bin ich mächtig stolz.

Du nimmst besonders den aktuellen Präsidentschaftskandidaten Jaroslaw Kaczynski auf die Schippe. Was für ein Typ Hamster ist er?

Artur Kurasinski: Jaroslaw Kaczynskis Hamster denkt nur an sein eigenes Wohl und hat ein überdimensionales Ego. In der Vergangenheit wollte er sogar einmal eine deutsche Zeitung anzeigen [taz, A.d.R.], die ihn als eine Kartoffel bezeichnet hatte. Jaroslaw steht nicht gern in vorderster Linie, sondern flüstert gern aus dem Hintergrund zu. Er hält an Traditionen fest, stützt sich auf die Katholische Kirche und traditionelle Medien und hat Angst vor Wandel. Doch viele Leute haben vielleicht nie so richtig begriffen, dass er zu Lebzeiten seines Bruders Lech der eigentliche Fadenzieher aus dem Hintergrund war. Jetzt steht er im Rampenlicht.

Verblüffende Ähnlichkeit?!

Die Kaczynski-Zwillinge haben immer ihre Verbundenheit mit der polnischen Geschichte demonstriert: der Zweite Weltkrieg oder die Probleme mit den Deutschen waren Themen, die regelmäßig hochkochten. Das sind Argumente aus der Vergangenheit, doch wir wollen Ideen für die Zukunft! Ich würde zum Beispiel gern wissen, ob es möglich ist, ein Silicon Valley in Polen aufzubauen. Ich sehe junge Leute, die das Land verlassen, um anderswo für google zu arbeiten, weil sie dort gut bezahlt werden. Hier ist niemand daran interessiert, qualifizierte junge Menschen einzustellen. Aber hey - lasst uns doch weiterhin unsere Vergangenheit diskutieren - den Zweiten Weltkrieg oder die kommunistische Ära. Damit kann die PiS bei den heute 40- oder 50-Jährigen punkten.

Hat der vorübergehende Präsident seit dem Unglück von Smolensk und schärfste Konkurrent von Kaczynski, Bronislaw Komorowski (PO), auch ein Alterego auf chomiks.com?

'Because Poland is the most important'Artur Kurasinski: Bronislaw Komorowski hat noch keinen eigenen Hamster, aber ich denke darüber nach - er hat so ein knuffiges Gesicht und tritt in eine Menge Fettnäpfchen. Als kürzlich ein polnischer Soldat in Afghanistan ums Leben kam, schlug er vor, dass Polen aus der Nato austreten sollte - was am nächsten Tag natürlich eine Schlagzeile in allen großen Tageszeitungen nach sich rief. Sollte Komorowski am 20. Juni gewinnen, dann nur mit wenigen Punkten Vorsprung. Jaroslaw Kaczynski hat in den Umfragen mächtig aufholen können. Sollte er gewinnen, wäre das eine Rückkehr ins Mittelalter.

Deine persönliche politische Message für die Wahlen am 20. Juni?

Artur Kurasinski: Leute, geht wählen. Das ist unsere Pflicht! Und solltet ihr für Kaczynski stimmen, dann seid Euch darüber im Klaren, dass ihr das wirklich wolltet. Kommt nicht nach 2 oder 3 Jahren mit Beschwerden, dass nun alles schlimmer sei als vorher - denn dieser Fall wird hundertprozentig eintreten!