Gesellschaft

Von wegen weg mit den Wiener Wagentruppen

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Dass Wien gar nicht so kleinkariert ist, wie immer vorgegeben wird, zeigt die Geschichte des Wagenplatzes AKW Lobau, lebendiger Beweis dafür, dass alternatives Leben in der österreichischen Hauptstadt seinen Platz hat. Stippvisite.

Es gibt Kaffee und Sojamilch. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht wirft Hans den alten Wasserschlauch in die Runde seiner Mitbewohner. Er hat gerade einen neuen 'lebensmittelechten' Wasserschlauch eingebaut. Die Anderen probieren das nun viel bekömmlichere Trinkwasser. Auch Modellgips und braune Farbe hat Hans eingekauft. Die Wohngemeinschaft des Wiener Wagenplatzes AKW Lobau will demnächst einen Eier-Wettbewerb starten. Die Aufgabe: Gips-Eier formen und anmalen. Denn die freilaufenden Hühner des Wagenplatzes legen zwar hier und da Eier, aber man weiß nie so genau wo. Die Hühner waren eine Idee von Harald, ein 23-jähriger Geografie-Student, der seit geraumer Zeit auf dem Platz lebt. „Harald der Hühnerhirte“, spötteln seine Kumpanen.

Angefangen hatte die Geschichte der Wiener Wagenplätze vor 5 Jahren, als Martin (35), Psychologieabsolvent und einer der Gründer des Wagenplatzes – und ein paar Freunde mit ihren Wohnmobilen einfach im Industriegebiet dauerparkten. Natürlich war der Stress vorprogrammiert, denn 'permanentes Wohnen' auf Grünflächen ist in Wien illegal. Sie mussten weg. Immer wieder umziehen. Bis die Stadt Wien ihnen vor einem Jahr das Grundstück in der Lobau vermietete – ganz legal. Heute stehen in dem Erholungsgebiet in den Donau-Auen im Osten der Stadt Wien ca. 20 Wagen, die so unterschiedlich sind wie ihre Bewohner. Miete wird ähnlich wie die Brote im bekannten Wiener Lokal Centimeter – nach 'Länge' des Wagens bezahlt. Ansonsten gibt es – außer dem Kloputzplan - keine Regeln. Jeder ist willkommen. Vor Jahren kam sogar mal ein Ire per Rad - und blieb.

©Anne Lore Mesnage

„Zusammenleben auf kleinstem gemeinsamen Nenner“

Die AKW Lobau ist eine Art Großraum-WG in freier Natur – ein bunt zusammengewürfelter Haufen junger Menschen, die nicht in den beengten und oft überteuerten Verhältnissen der Großstadt leben wollen. Für Harald ist es das „die Tür aufmachen und auf der Wiese stehen“ Gefühl. Dafür nimmt er auch die halbe Stunde Fahrrad bis zur Uni in Kauf. „Mitten in der Natur stehen und relativ wenig eingreifen“, begründet der KFZ-Mechaniker Patrick seine Entscheidung zum alternativen Leben hier auf dem Wagenplatz. Die Mitglieder der Wagentruppe bauen eigenes Gemüse an. Sie versuchen relativ Ressourcen-schonend zu leben, ohne dabei aber Öko-Ideologen zu sein. Hans hat sogar Solarzellen auf dem Dach seines Wagens am Eingang installiert, mit denen er zumindest im Sommer den nötigen Strom erzeugen kann.

Moritz kommt dazu und stellt krachend einen vollen Eimer Tomaten auf dem Holztisch im Freien ab. Die hat er aus den Abfällen des Supermarktes in der Nähe gefischt. Containering nennt sich das Ganze. Die noch brauchbaren Tomaten sind zum Verzehr bestimmt, der aussortierte Rest wird für eine Bloody Mary-Dusche für den Geburtstag des holländischen Mitbewohners James reserviert. „Auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner“ zusammenleben, das habe er hier gelernt, erklärt Patrick. Und den „Umgang mit Konflikten“, fügt Harald hinzu.

Bulldozer zum Frühstück 

Betrachtet der durchschnittliche Großstädter den kleinen Schlängelweg, der an den verschiedenen Wohnmobilen, am Trampolin oder am gemeinschaftlichen Badezimmer des Platzes vorbeiführt, ist die Idylle Wagenplatz perfekt. Nur Moritz‘ Schlagzeugbeats dröhnen aus dem Musikwagen. Ansonsten ist es am heutigen Freitag ziemlich ruhig. Die Hunde aalen sich in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Doch der Schein trügt. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine Großbaustelle. Die Stadt Wien will hier innerhalb von 3 Jahren einen Kanal bauen. Auch der Pachtvertrag der Wagentruppe für das Grundstück ist auf 3 Jahre ausgelegt. Logisch, dass man sich da über den Tisch gezogen fühlt. Eine tägliche Dosis Presslufthammer zum Frühstück – das hatte niemand erwartet. Immerhin bezahlt die Wagentruppe 10 000 Euro Miete jährlich.

Er ist der Pressesprecher des Wiener Wohnbaustadtrats Michael Ludwig (SPÖ), der für die Vergabe von Grundstücken in Wien verantwortlich ist und auf den die AKW Lobauer mächtig sauer sind.

Auch die Beschwerden der Anrainer, aufgeheizt von Lokalpolitikern der rechtspopulistischen FPÖ, häuften sich. Zumindest in den Medien. Von Anarchisten, die Lärm produzieren und die Umgebung verdrecken würden, war im Bezirksblatt zu lesen. Dabei sind die Toiletten auf dem Wagenplatz blitzeblank; sauberer, als die in so mancher Stadt-WG. Sogar ein Bidet gibt es. 

Mittlerweile sind die Informationen auf der FPÖ-Seite Wagenplatzstopp.at nicht mehr zugänglich. „Die stehen ja größtenteils in Gegenden, wo gar keine Anrainer sind“, kommentiert auch der Klubobmann der Wiener Grünen, David Ellensohn. „In deren Augen sind das Linksradikale, die wahrscheinlich Anschläge planen. Die FPÖ, das sind starke Männer, die Angst haben, wenn jemand ein Kopftuch trägt oder auf dem Wagenplatz lebt. Die fürchten sich vor allem, was anders ist.“

Doch Alternativkultur hat in einer oft als kleinkariert verschrieenen Stadt wie Wien mittlerweile einen unumstrittenen Stellenwert. Sicherlich auch seit die Grünen mit im Boot der Stadtregierung sitzen. „Die Wagenplatzleute sind“, laut Jutta Kleedorfer, die sich um kreative Mehrfachnutzung im Wiener Wohnraum kümmert, „zum Symbol für Freiheit geworden, für Leute die sich am Stadtbild beteiligen und sich irrsinnig für das Gemeinwesen einsetzen.“ Sogar Exkursionen zum Wagenplatz in der Lobau haben in der Vergangenheit stattgefunden.

©Anne Lore Mesnage

Der Wagenplatz als Aushängeschild einer Wiener Subkultur? 

„In Wien fehlt einfach der politische Wille“, bedauert Wagenplatzgründer Martin. Wagenplätze haben hier keine Tradition wie in Berlin oder Spanien. Die Grünen planen allerdings ein Gesetz für 2012, so Ellensohn, das eine temporäre Wohnnutzung ermöglichen soll. „Momentan arbeiten wir mit Notlösungen, wir müssen für die Zukunft besser absichern“, gibt der Politiker zu.

Heute Abend denkt auf dem Wagenplatz niemand an neue Gesetze aus dem fernen Wien. Wo morgens noch der Tisch stand, spielt jetzt eine HipHop Band. Auf dem ansonsten improvisierten Fußballfeld im hinteren Bereich des Platzes legt ein Electro-DJ auf. Die Bewohner haben zur Wagenplatz-Party geladen. Es gibt Bier aus der Wagenbar und selbstgemixte Cocktails. Auf einer alten Auto-Rückbank wird geraucht, in einer Tonne neben der Tanzfläche flackert ein Feuer.

Kleinkariert sieht anders aus. Aber ganz schön weit raus fahren muss man, um ein Stück Wiener Alternativkultur zu leben. „Wir haben uns die Ruhe erkauft“, sagt Patrick. Wie lange die Ruhe vor dem nächsten Platzverweis währt, ist schwer zu sagen. Die Kollegen von der Wiener Wagentruppe Treibstoff, die momentan auf einem Grundstück am Prater stehen, haben noch bis zum 31. August einen Vertrag. Dann droht wieder der Rausschmiss. Und geht der moderne Nomadismus der Wagenleute von vorne los, bis auch in Wien längerfristige Lösungen gefunden werden.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Green Europe on the ground 2010/ 2011.

Illustrationen: Vintage ©Katharina Kloss; Rest ©Anne Lore Mesnage; Video: (cc)haudraufundhauab/YouTube