Gesellschaft

Von Guinea nach Ungarn: Marcelo auf Umwegen

Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2017
Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2017

Marcelo Cake-Baly spielt die Hauptrolle in dem Film Der Bürger, der im Januar 2017 in die ungarischen Kinos kam. Einst Kindersoldat in Guinea, heute Straßenbahnfahrer in Ungarn - zwischen zwei Kulturen stehend berichtet er von seinem Kampf um die ungarische Staatsangehörigkeit und seinen Platz in der ungarischen Gesellschaft.

Marcelos lächelt. Er ist elegant in seiner schwarz-weißen Dienstkleidung. Bereitwillig präsentiert er sein abgenutztes Büro, das im ersten Stock eines Gebäudes gegenüber der Haltestelle Mester Útca befindet. Seit 15 Jahren überwacht er von hier aus den Straßenbahnverkehr, wenn er nicht gerade eine der Bahnen steuert. Nur die Geräusche eines kleinen Fernsehers, den er sich gegen die Langeweile gekauft hat, füllen die Stille aus.

Vor geraumer Zeit hatte der Regisseur Vranik Roland Marcelo auf dem Heimweg angesprochen, erinnert er sich. „Er sagte mir, dass er mich für die Hauptrolle seines nächsten Films Der Bürger (Az allampolgar) engagieren wolle“, berichtet Marcelo. Der Film erzählt vom Kampf eines afrikanischen Einwanderers um den Erhalt der ungarischen Staatsangehörigkeit. Eine wie für ihn gemachte Rolle. „Als der Regisseur sich vorstellte, war ich verdutzt. Schlug er mir das wirklich vor - mir? Er erklärte mir, dass er sofort an seine Filmfigur gedacht habe, als er mich gesehen habe. Als ich das Drehbuch las, merkte ich, dass er ein gutes Gespür gehabt hatte. Ich sagte sofort zu“, erzählt Marcelo begeistert. Ob der Film Erfolg hatte, weiß Marcelo nicht so genau. Auch wenn die Filmplakate einige Zeit lang die Straßen Ungarns säumten. 

Kindersoldat in Guinea-Bissau

Es fällt Marcelo schwer, sich mitten in Budapest an seine Kindheit zu erinnern, an die Kämpfe in den Schützengräben Guineas. Und doch wuchs er dort, in diesem vom Krieg zerrissenen Afrika, auf. Aus seinem mit Verwaltungsunterlagen vollgestopften Wandschrank holt er ein altes illustriertes Buch mit dem Titel „Guinea-Bissau“ hervor. „Das war ich“, verrät er. Auf dem Foto marschiert ein nur mit einem Tarnanzug bekleideter Junge inmitten seiner Kameraden. Es ist Marcelo, 13 Jahre, der von der Armee für den Unabhängigkeitskrieg des Landes zwangsrekrutiert worden ist. Die eine Hälfte seiner Zeit verbringt er mit dem Lernen fürs Abitur, die andere an der Kriegsfront. Marcelo blättert in dem Buch, dessen Seiten Frauen in traditioneller Kleidung, Lieder, Tänze und farbenfrohe Speisen zeigen. Er lächelt wehmütig.

Mit 18 Jahren verläßt Marcelo Guinea. Er hat die Wahl: Entweder geht er zum Studium nach Ungarn, oder er er wartet, dass in Ostdeutschland ein Platz für ihn frei wird. Der Krieg laugt ihn aus, also geht er nach Ungarn. Bei seiner Ankunft ist alles ungewohnt, beinahe berauschend. „Die Sozialisten lehnten jede Form von Rassismus ab. Ich fühlte mich vollkommen akzeptiert“, erklärt Marcelo. In seinem Schlafsaal im zwölften Stock des Studentenheims freundet er sich rasch mit seiner ungarischen Mitbewohnerin an. Nach einem Jahr legt er erfolgreich eine Sprachprüfung ab, die ihm den Zugang zur Universität ermöglicht. Marcelo ist glücklich: Er beginnt ein Wirtschaftsstudium und verfolgt dieses mit Begeisterung.   

Ein steiniger Weg

Doch die anfängliche Begeisterung weicht schnell der Enttäuschung. „Ich wusste, dass ein in einem sozialistischen Land erworbener Studienabschluss damals nicht viel wert war“, bedauert er. Mit einem Master der Wirtschaftswissenschaften in der Tasche geht Marcelo zunächst nach Belgien, um einen besser angesehenen Abschluss zu erwerben. Doch das Leben dort stellt sich als schwierig heraus. Zwar ist er froh, einige Brocken Französisch zu lernen, aber er muss auch schwarz arbeiten gehen, um über die Runden zu kommen. Marcelo nimmt zahlreiche Hilfsjobs an, spült spät abends in den Restaurants das Geschirr und putzt bei Privatleuten. Er zuckt mit den Schultern. „Allmählich wurde ich wirklich müde. Meine Noten verschlechterten sich rapide“, erzählt er. Nach einem Jahr gibt er auf. Zurück in Ungarn, beginnt er ein Promotionsstudium der Wirtschaftswissenschaften und heiratet.     

Marcelo besitzt nur ein Ausweisdokument - eine Aufenthaltsgenehmigung für ausländische Studenten. Nach dem Ende seines Studiums findet er sich in der Illegalität wieder. Glücklicherweise findet er eine gute Anstellung in einer Bank. Das Glück ist auf seiner Seite: Er bezieht ein gutes Gehalt und kann seine Familie - er hat mittlerweile zwei Kinder - vernünftig versorgen. Aber es ist das Jahr 1989, der Eiserne Vorhang fällt. Unter den veränderten politischen Verhältnissen darf er ohne die ungarische Staatsangehörigkeit nicht mehr arbeiten. Ihm wird gekündigt.  

Nun beginnt ein langer und steiniger Weg bis zur Einbürgerung. „Ich habe Hunderte von Verwaltungspapieren ausgefüllt, Dutzende von Akten angelegt“, erläutert Marcelo. Doch es gibt ein Problem: Um Ungar zu werden, muss man eine Immobilie besitzen. Und um eine Immobilie zu besitzen, muss man Ungar sein. Eine aussichtslose Situation für ihn, zumal er mehrmals beim Staatsbürgerkundetest über die Geschichte und Verfassung Ungarns durchfällt. Er erklärt: „Ich wollte nach Guinea zurückkehren, um zu sehen, ob dort das Leben für meine Familie besser wäre.“ Die Reise war schnell zu Ende: In seinem Herkunftsland ist die Lage viel schlimmer.

Marcelos sonst so heitere Miene verfinstert sich: „Was hätte ich tun können? Ich habe also eine Arbeit gesucht, um uns durchzubringen“, ruft er aus. Er wird Angestellter der Kommune, arbeitet im Immobiliensektor, in allen Bereichen, in denen die ungarische Staatsangehörigkeit nicht verlangt wird. „Ich hatte nie eine gute Position inne. Es stand immer ein Weißer über mir, der mir Befehle erteilte“, bedauert er.

„Ich bin überall ein Fremder“

Drei Jahre. Drei Jahre dauerte es, bis er endlich das Stück Papier erhält, das bezeugt, dass er Ungar ist. Marcelo deutet ein Lächeln an: „Ich war froh für meine Familie, endlich hatten wir Anspruch auf Sozialleistungen“. Er sucht nun verstärkt einen Arbeitsplatz in der Wirtschaftsbranche. Jeden Tag verschickt er Lebensläufe, verfasst Bewerbungsschreiben. Und wird endlich auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Doch er wird erneut enttäuscht: „Als ich ankam, lachten sie mir ins Gesicht. Und sagten mir schließlich, dass es für mich keine Stelle gebe.“ Ein Personalausweis reicht nicht, um sich zu integrieren. „Für die anderen hatte sich nichts geändert. Meine Hautfarbe war immer noch dieselbe.“ Marcelo zuckt mit den Schultern. Und behauptet, dass in Ungarn auch heute noch kein einziger Afrikaner eine Beschäftigung innehabe, die seinen Qualifikationen entspreche.

Zwei Jahre lang wartet er verzweifelt, dass das Blatt sich wendet. Aber kein einziger Arbeitgeber meldet sich bei ihm. Mit Bedauern erzählt er: „Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen: Ich würde niemals eine Arbeit haben, die ich mag. Weil ich schwarz bin.“ Schweren Herzens akzeptiert Marcelo die Situation. „Ich habe eine Ausbildung zum Straßenbahnfahrer gemacht. Und da bin ich jetzt!“, empört er sich und zeigt mit einer ausladenden Armbewegung auf das, was ihn seit 2004 umgibt. Auf die Schalttafeln, wo er von Zeit zu Zeit einen Knopf drückt. Auf die Überwachungsmonitore, auf denen seine Augen ruhen. Auf das Telefon, das klingelt, wenn eine Bahn nicht anspringt. „Ich habe mit meinem Schicksal Frieden geschlossen, es angenommen. Ich weiß, dass es nicht an mir liegt, sondern an den Umständen“, erklärt Marcelo.

Und auch heute noch staunen die Leute, wenn er seinen Personalausweis zeigt, dass er Ungar ist. Im vergangenen Jahr besuchte er seinen kleinen Bruder in Guinea. Und Ironie des Schicksals - am Flughafen hielten ihn die Zollbeamten für einen Touristen. Marcelo nimmt es mit einem Lächeln: „Ich bin überall ein Fremder. Aber meine Kinder, die sind Ungarn. Ich habe sie in dieser Idee erzogen. Nur in einer Situation sind sie Guineer: Wenn ich mit meinen Freunden zusammenkomme und wir die würzigen Speisen unserer Kindheit kochen.“

Bis auf ein zusätzliches Wort in seinem Personalausweis hat sich für Marcelo heute nichts geändert. Er weiß, dass er als schwarzer Schauspieler in der ungarischen Filmbranche keine Zukunft hat. Aber er hegt Hoffnungen auf eine internationale Rolle. Seine gute Laune kehrt zurück, er lacht laut, als er an den Moment denkt, in dem er sich - er saß gerade am Steuer seiner Straßenbahn - das erste Mal auf einem Filmplakat sah. „Ich bin stolz, diese Herausforderung angenommen zu haben. Ich, der vorher noch nie geschauspielert hatte.“ Auch seine Frau ist sehr stolz. Wenn er ebenso gut in einem zweiten Film spiele, so verspricht sie, werde sie ihn nie wieder Marcelo rufen. Sondern „Herr Künstler“.