Gesellschaft

Visa-Liberalisierung: Droht der EU eine Bosnierschwemme?

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2010
Die Nachricht macht am frühen Nachmittag des 8. November 2010 die Runde: Albanien und Bosnien erhalten grünes Licht von Europa für die visafreie Einreise in die Schengenzone ab Mitte Dezember. Diese Entscheidung brachte das Leuchten in viele bosnische Augen zurück, besonders für alle jene, die des Wartens vor den Türen der Botschaften müde geworden sind.

Es ist der Abend des 15. Jahrestages des Abkommens von Dayton, das am 14. Dezember 1995 unterzeichnet wurde. Der Vertrag besiegelte offiziell das Ende eines Krieges, der mein Land zwischen 1992 und 1995 verwüstete und teilte. Die kürzliche Nachricht über die Einreise ohne Visa nach Europa für bosnische und albanische Staatsbürger wird 15 Jahre später freudig aufgenommen. „ Ich freue mich über die Visa-Liberalisierung“, sagt die 30-jährige Juristin Amira Turkovic aus Sarajevo. „ Wir waren isoliert und wurden zu lange als 'zweitklassige Bürger' behandelt. Die Visaprozedur war in der Vergangenheit viel zu kompliziert und manchmal erniedrigend.“

Visa aus der Mode

“Ein Touristenvisum zu bekommen war ein langes und teures Prozedere“, erklärt Bojana Ilic 31 Jahre. “Man musste eine nicht enden wollende Liste an Dokumenten vorlegen. Einige von uns wussten nicht einmal, woher sie diese bekommen oder an wen sie sich diesbezüglich wenden sollten. Mal abgesehen von den endlosen Schlangen vor den Botschaften bei Regen, Schnee oder brennend heißer Sonne, wurde der Visumsantrag manchmal abgelehnt. Heute weht ein Wind der Freiheit für Bosnier.“

Demoralisiert durch das komplizierte Antragsverfahren für ein Visum versuchten viele junge Bosnier es nicht einmal, das Jenseits ihrer Landesgrenzen zu erkunden. Dies ist für Gleichaltrige, die in Ländern der Europäischen Union geboren wurden, kaum vorstellbar. Der 27-jährige Grafiker Davor Miljevic will seinen nächsten Urlaub irgendwo in der EU verbringen. Wo weiß er noch nicht so recht. In jedem Fall wird er seinen biometrischen Pass bekommen, noch bevor er einige der lokalen Reiseagenturen betritt. Aber nicht jeder denkt so wie Davor. Während viele Reisebüros mehr Kunden für europäische Reiseziele erwarten, ziehen es viele Bosnier vor, ihre Familien mit dem Auto zu besuchen.

Trotz der Visaliberalisierung sind viele Angebote der Agenturen für den gewöhnlichen Bürger kaum erschwinglich. „Nichts wird sich ändern, mit oder ohne Visum“, beklagt die 29-jährige Studentin Natasa Lazic.“Leute, die Geld hatten, sind gereist und werden es weiter tun. Während andere nun lediglich die Möglichkeit dazu haben und das Gefühl, dass wir nicht länger in einem Ghetto leben.“

Ab Mitte Dezember können Bosnier und Albaner für 30 tage mit einem Touristenvisum in die EU reisen

Bedingte Freiheit

Seit der Verkündung am 8. November beantragten viele Bürger ihre biometrischen Pässe auf den lokalen Polizeibehörden. Ein unerlässliches Werkzeug, um frei in der Schengenzone reisen zu können. Die Nachfrage hat sich in der letzten Zeit verdoppelt. Die Schlangen wurden so lang, dass die Polizei eingreifen musste. Außer in dringlichen Fällen baten sie dem „Heiligen Gral“ doch für einige Zeit zu entsagen.

Nun hängt es von den Bosniern ab, sowohl die Vorrausetzungen für die Visaliberalisierung als auch ausreichend Agenturangebote zu schaffen. Das könnte jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass Frankreich, Deutschland und die Niederlande einen größtmöglichen Ansturm von Asylsuchenden vermeiden wollen, wie es im Dezember 2009 geschah, kritisch werden. Damals trat die Visaliberalisierung der Serben und Mazedonier in Kraft.

"Europa kann für eine Weile warten"...Informationskampagnen für die Bürger wurden gestartet. Mit der Liberalisierung öffnetet die EU ihre Türen für einen maximalen Aufenthalt von 90 Tagen mit einen Touristenvisum. Das ist keine Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis. Auch weiterhin muss eine bestimmte Summe auf dem Konto nachgewiesen werden. Die EU-Grenzen bleiben für alle Bosnier mit leeren Taschen geschlossen. „Dieses nahezu erpresserische Verhalten seitens Europa ist heuchlerisch“, sagt der Chefredakteur des bosnischen WebmagazinsBukaAleksandar Trifunovic. “Bosnien Herzegowina ist ein sehr kleines Land mit einer armen Bevölkerung. Da widerspricht die Annahme, dass es zu einer großen Einwanderungswelle kommen wird, jeder Logik. In jedem Fall werden die Gesetzte und Bestimmungen der EU für Einwanderung immer strenger.“

„Alle die gehen wollten, sind schon weg“

“Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum die EU soviel Angst vor uns hat”, sagt die 29-jährige Beamtin Radmila Kelecevic. „Wir haben eine Gesamtbevölkerung von vier Millionen Menschen in diesem Land. All jene, die gehen wollten, sind irgendwie an ein Visum gekommen. Andere haben ihr Leben und ihre Familien hier. Ich selbst habe nicht die Absicht nach Europa zu fahren, auch nicht für eine Reise. Ich habe einen Job. Ich bekomme nicht so viel Urlaub, dass ich irgendwohin fahren könnte. Zudem gehe ich wieder zur Universität. Auch einen biometrischen Pass besitze ich nicht. Europa kann für eine Weile warten. Ich habe hier genug zu tun."

Fotos: (cc)jaumedurgell/flickr; (cc)extractor2000/flickr; (cc)Samuel Röonqvist/flickr ; (cc)Worldbank/flickr