Gesellschaft

Victorias Royal-Hochzeit lässt Schweden kalt

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2010
Victoria Bernadotte, die 32-jährige schwedische Thronfolgerin, hat am 19. Juni 2010 den bürgerlichen Fitnesstrainer Daniel Westling, 36, in Stockholm geheiratet.
Trotz der zweiwöchigen Feierlichkeiten und horrenden Ausgaben für die Royal-Hochzeit des Jahres, blieben sowohl die Begeisterung der schwedischen Bevölkerung für die Vermählung ihrer Prinzessin als auch der erwartete Touristenandrang aus - dafür mussten die schwedischen Steuerzahler tief in die Tasche greifen.

Die "Tora Uppstrøm Berg, tack för skattepengarna du besparat oss" Facebook-Gruppe mit 124 Mitgliedern dankt der englischen Studentin, die durch die Affäre mit Prinzessin Madeleines Verlobtem vielen Steuerzahlern ihr Geld erspart hat. Die Kulisse ist (beinahe) märchenhaft: Eine andauernde globale Finanzkrise, eine königliche Hochzeit, die im April wegen Untreue des Verlobten abgesagt wurde und die drei führenden nationalen Öl-Konzerne, die in einen Skandal verwickelt sind. Nichtsdestotrotz haben die königliche Familie und der schwedische Staat eine verschwenderische Feier organisiert. Sie haben versucht, den Enthusiasmus der Schweden und der Touristen mit zwei Wochen andauernden Festen in Stockholm herauf zu beschwören. Die Kosten für die ganzen hochzeitlichen Feierlichkeiten belaufen sich auf 20 Millionen Kronen (2.5 Millionen Euro), wobei die Hälfte von den schwedischen Steuerzahlern getragen wird. Den meisten ist zudem unbekannt, dass die Steuerzahler dem frischgebackenen Ehepaar sogar noch ein weiteres Geschenk machten: 1 000 Orrefors Gläser für sage und schreibe 300.000 Kronen (31.000 Euro). Die schwedischen Royals haben die horrenden Ausgaben verteidigt, indem sie behaupteten, dass es sich um ein Investment handle, das mit dem darauffolgenden Touristenstrom am Hochzeitswochenende Gewinn einbringen würde. 

Love Stockholm? Nicht am 19. Juni

Aber der Tourismus ist auch mit der starken Präsenz der Hochzeit in der Öffentlichkeit nicht merklich gestiegen. Tatsache ist, dass einige Reiseveranstalter die Extra-Busfahrten, die sie zwischen Provinzstädten und Hauptstadt eingeplant hatten, sogar abgeblasen haben. Die Züge zirkulierten halb leer. Der zwei Wochen lange Ausnahmezustand rund um die königliche Hochzeit ist die Frucht einer ausgeklügelten Kampagne mit dem Namen Love Stockholm. Es handelt sich dabei um eine Reihe Events, die die schwedische Kultur in allen ihren Facetten erfassen soll: Angefangen bei einer Ausstellung über Axel von Fersen, den ehebrecherischen Lover von Marie-Antoinette, über diverse Ballspiele bis hin zu Anti-Mobbing-Kampagnen. Während man in Schweden erwartete, dass Stockholm am Hochzeitswochenende von Menschenmassen überfallen werden würde, blieb der große Ansturm aus: Die Hotellerie in Stockholm konnte für die „Hochzeitsperiode“ nicht signifikant mehr Buchungen verzeichnen als sonst zu dieser Jahreszeit. So viel also zum königlichen Investment…

Doch die Realität ist, dass die meisten jungen Schweden sich überhaupt nicht für die Hochzeit interessierten. Viele Schweden haben die Hochzeit gar als Anlass dazu genommen, dass Land zu verlassen. „Ich habe Stockholm verlassen, nur um ein bisschen weg zu kommen und ich denke viele Leute tun das selbe“, erklärt Måns, der normalerweise in der Hauptstadt wohnt. „Ich habe mich dafür entschieden, als ich von Air France eine Einladung bekam, an einem Empfang teilzunehmen, um die bevorstehende Hochzeit zu feiern“, lästert er über die Kampagne Love Stockholm. Als schwedischer Auswanderer wird man seine Mühe gehabt haben, jemanden zu finden, der außerhalb formeller Institutionen - wie z.B. die schwedische Kirche in Paris oder die in ganz Europa verstreuten schwedischen Shops - erpicht darauf war, die königliche Hochzeit zu feiern. Sara, eine schwedische Studentin in Großbritannien, wusste bereits vor der Hochzeit, dass sie nicht feiern wird. “Ich kenne auch niemanden, der das tun würde. Wie die meisten Schweden meiner Generation ist diese Hochzeit für mich vollkommen nebensächlich.“ Gustaf, ein schwedischer Philosoph in Paris, ist noch unerbitterlicher: „Ich bin sehr froh, während der Feierlichkeiten in Paris zu sein. Mich kümmert der Fakt, dass der schwedische Staat so viele Steuergelder verschwendet und dass die königliche Familie es sich erlaubt hat, die Hochzeit so kurz vor den nächsten Wahlen zu veranstalten.“

Post-hochzeitliches politisches Nachspiel?

Die landesweiten Wahlen des Schwedischen Reichstags sind für den 19. September 2010 angesetzt und politische Ressentiments, welche die Hochzeit aufgewühlt hat, könnte sich in den Wahlergebnissen niederschlagen. Irgendetwas scheint sich verändert zu haben. Die königliche Hochzeit hat der Politik neuen Elan gegeben. Seit der Bekanntgabe der königlichen Vermählung hat sich die Mitgliederzahl der Swedish Republican Association (Schwedische Republikaner Vereinigung) auf 6000 Mitglieder verdoppelt. Unterstützend dazu steht eine Umfrage des SOM Instituts der Universität Göteborg vom April 2010, die ergab, dass noch 56% der schwedischen Bevölkerung die Monarchie unterstützen - eine beachtliche Abnahme zu den 68% im Jahr 2003. 

Agri hingegen, ein in London lebender Schwede mit kurdischem Ursprung, ist enttäuscht, dass die Dichter, die von der königlichen Familie vorgeladen waren, um feierliche Gedichte über das frischgebackene Ehepaar zu schreiben, dies abgelehnt haben. Die Medien häten das Event 'traurig' erscheinen lassen, bereut er. „Jedes kleine Detail wurde in der Tagespresse auseinander genommen. „Freunde und Familie“ wurden dafür bezahlt, Gerüchte in die Welt zu setzen. Wir haben etwas verloren, das nicht wieder gewonnen werden kann.“

Eine weitere Diskussion hielt bis Samstag an: Die Prinzessin hatte es abgelehnt am Arm ihres Verlobten zum Traualtar zu schreiten, wie es die schwedische Tradition verlangt. Der Gang zum Altar am Arm des zukünftigen Göttergatten soll nämlich die Gleichberechtigung des Paars in der Ehe symbolisieren. Victoria hatte es allerdings vorgezogen, von ihrem Vater zum Altar geführt zu werden. Das löste binnen kürzester Zeit eine Debatte über kulturelle Disloyalität aus. Das Oberhaupt der schwedischen Kirche, das die königliche Trauung vornahm, bezeichnete Victorias Verhalten als vulgäre „Amerikanisierung und „sexistisch“.

Als Britin habe ich Holunderblütensirup aus meinem schwedischen Souvenirbecher genippt, die 40.000 Blumen bewundert, die die kolumbianische Regierung dem schwedischen Paar zu deren Hochzeit gesendet hat und mich gefragt, wie ich wohl ein Stück der Hochzeitstorte erhaschen könnte…

Fotos: ©y Hessam Lavi/flickr/ 'Real Life Royal House' Hauptbild von 'Tora Uppstrøm Bergs Facebook-Fanpage;  'Robert Höglund/ lovestockholm2010.se; Video Ankündigung der Hochzeit ©ExpressenTV/ Youtube