Gesellschaft

Vélib & Co.: Europas Drahtesel auf dem Vormarsch

Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 26. Oktober 2007
Während Paris seit dem Sommer der Vélib-Eifer gepackt hat, breitet sich das Phänomen der städtischen Fahrradverleihe in Europa weiter aus.

Eine Invasion. Eine Flutwelle. Am 15. Juli 2007 wurden mehr als 10.000 Fahrräder in den Straßen von Paris aufgestellt, die zuerst die Neugier und schließlich den Enthusiasmus der Pariser weckten. Und bereits einen Monat nach Beginn der Aktion feiert man schon den millionsten Benutzer. Die Bürgermeister freuen sich über den unerhofften Erfolg. Diese kleine Revolution des öffentlichen Verkehrs hängt vor allem mit dem (scheinbar) neuen Konzept von "Vélib" (Vélib - eine Kontraktion von 'Vélo' und 'Liberté') zusammen: Der Verleih ist praktisch gratis (es gibt ein symbolisches Abo von einem Euro pro Tag, 5 Euro für 7 Tage oder 29 Euro für ein ganzes Jahr). Fahrräder sind über die ganze Stadt auf 750 Stationen verteilt.

Von der Begeisterung der Nutzer überwältigt und in Hinblick auf die kommenden Kommunalwahlen beabsichtigt die Stadtverwaltung von Paris das System mit 20.000 Fahrrädern und 1450 Stationen auf lange Sicht zu erweitern. Nichtsdestotrotz konnte der Erfolg manche Misstöne nicht verhindern: Ein schwächelndes elektronisches Verleihsystem oder Staus an manchen Stationen in beliebten Vierteln sind keine Seltenheit.

Die vom französischen Unternehmen JC Decaux im Rahmen seines Systems 'Cyclocity' entwickelten Vélibs sprechen für die Entwicklung ökologischen Engagements: Aus dem Fahrrad ein öffentliches Verkehrsmittel zu machen, ist gut für die Umwelt und gesund für die Großstädter. "Die Initiative zeigt ein positives Bild", bemerkt Judith Perker in ihrem Blog. "Das Bild einer idealen Stadt - ausgestattet mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln."

Auch wenn der Medienhype um den ausleihbaren Drahtesel in Frankreich neu ist, die Idee ist schon älter als dreißig Jahre. Die Niederlande und die skandinavischen Länder sind die Pioniere in Sachen "Cyclomania". Seit Jahren gibt es in Amsterdam am Hauptbahnhof einen Parkplatz für Fahrräder, der sich über mehrere Etagen erstreckt und den Besuchern ermöglicht, Amsterdam auf 2 Rädern und mit viel Frischluft zu erkunden.

Stadtgangs

1998 startet die Firma Clear Channel in Rennes 'Vélo à la carte', den ersten informatisierten Fahrradverleih der Welt, ein Trend, der sich anschließend auf dem ganzen Kontinent ausbreitete.

Auch wenn die französischen Medien aus dem Vélib die Erfindung des Jahrhunderts machen wollten, existieren die Fahrradverleihe schon seit mehreren Monaten oder Jahren in den meisten europäischen Metropolen ('Citybike' in Wien, 'Cyclocity' in Brüssel, DB 'Call a bike' in mehreren deutschen Städten).

Die nur geringen Investitionen haben es sogar kleinen Gemeinden erlaubt, sich je nach Budget mit Fahrrädern auszustatten. So können Gijon in Asturien oder Mulhouse im Elsass nunmehr stolz darauf sein, ihren Bewohnern respektable 64 beziehungsweise 200 Fahrräder anbieten zu können. Eine kleine Mühe für große Städtetouren.

Zwei Anbieter machen sich den Markt strittig: die zwei Werbe- und Stadtmobiliargurus Clear Channel und JC Decaux. In Paris ist nämlich das Gratis-Angebot der Räder für die Stadtverwaltung trotz alledem mit Kosten verbunden: JC Decaux, für die Finanzierung zuständig, sorgt für die Bereitstellung und Instandhaltung der Vélibs und erhält im Gegenzug das Monopol auf die Anmietung von Werbetafeln der Stadt Paris.

Diese Win-Win-Vereinbarungen hat es übrigens in allen Städten, in denen der Fahrradverleih eingefüht wurde, gegeben. "Schade, dass gute Ideen oft aus Marketingstrategien entstehen", denken viele Nutzer, die dennoch vom neuen Transportmittel überzeugt sind. Aber der Fahrradverleih, der umweltfreundliche Stadtrundfahrten möglich macht, bringt paradoxerweise die Vervielfachung der Werbung 'intra muros' mit sich: eine andere Art der Umweltverschmutzung, visueller Natur.

Fahrrad, Arbeit und ins Bett

So rasant, wie sich der Fahrradtrend in den europäischen Städten entwickelt, könnte der gute alte Drahtesel zur geographischen Vereinigung in der EU beitragen. Die französischen Stadtverwaltungen denken schon über eine Vereinheitlichung der Verwaltungssysteme nach, damit ein einziger Beitritt den Fahrradtouristen alle Sattel im Hexagon zugänglich macht. Die Idee eines paneuropäischen Fahrradverleihs scheint in greifbare Nähe zu rücken.

Vielleicht favorisieren die europäischen Radfahrer auch das farbenfrohe Modell der Stadt Chaux-de-Fonds in der Schweiz: dort erwirbt man ein Abo oder Vorhängeschloss. Rosafarbene Fahrräder sind über die ganze Stadt verteilt und jeder kann den fahrbaren Untersatz, der sich hier und da am Wegesrand befindet, an einem sichtbaren Ort abstellen.

Mit einem Fahrrad durch Paris