Gesellschaft

Užupis-Präsident Romas Lileikis: „Der Mensch hat das Recht faul zu sein “

Artikel veröffentlicht am 5. August 2009
Artikel veröffentlicht am 5. August 2009
Romas Lileikis leitet mit Bravour seinen eigenen Mini-Stadtstaat, die Republik Užupis in Vilnius, die seit der Unabhängigkeitserklärung von 1997 auch das „litauische Montmartre“ genannt wird. Ein Treffen mit einem nicht alltäglichen Präsidenten.

Was gibt es seltsameres als eine selbsterklärte, unabhängige und rebellische Republik mitten in Vilnius, einer der zwei Kulturhauptstädte Europas 2009? Kaum aus dem Flugzeug ausgestiegen, sitze ich auch schon auf der Terrasse des Café Užupio, in dem der Staat am Flussufer gegründet wurde, wenige Meter von der Brücke entfernt, die den Eingang zum Viertel markiert. Mir gegenüber sitzt ihr untypischer Präsident. Dreitagebart, Lederjacke und durchdringender Blick: Romas Lileikis ist hier gut bekannt. Der aus Vilnius stammende Lileikis ist schließlich der Gründer der Republik Užupis. An einem Abend im Jahr 1997 habe er sie ins Leben gerufen, weil er diesen „zerstörten und verfallenen“ Ort leid gewesen sei.

Der initiatorische Impuls? Die Fassade eines Gebäudes auf dem Hauptplatz, die die sowjetische Inschrift „Straße des Todes“ trug. Ein Symbol, das Lileikis geprägt und ihn dazu gebracht hat, dem Tod etwas entgegen zu setzen. „Um den Tod zu überwinden, muss man kreativ sein,“ erklärt er mir. Die Republik möchte innovativ und antikonformistisch sein. Užupis, das „jenseits des Flusses“ bedeutet, stellt sich nach Aussagen meines Gesprächspartners zwei Dingen entgegen: Die Bewohner lehnen „Aggressionen, seien sie physisch oder mental“ sowie „mangelnde Offenheit des Geistes“ ab.

(Jordi Cohen)

Ein Held wie aus Kusturicas Filmen

Lileikis könnte der Held eines Filmes von Emir Kusturica sein. Dieser aus Bosnien stammende Filmemacher serbischer und französischer Nationalität hat die Gabe farbenfrohe, schelmische, aber meist auch ein wenig provozierende Figuren zu erschaffen. Die Geschichte dieses Staates ähnelt stark den komischen Drehbüchern des Regisseurs.

Užupis vereint alle Attribute einer Republik. Es gibt zum Beispiel eine Flagge in vier Farben, um den Wechsel der Jahreszeiten zu unterstreichen. Auch ein eigener Užupis-Kalender existiert. Die verschiedenen jährlichen Treffen, wie beispielsweise die Feier zum Unabhängigkeitstag von Užupis am 1. April, werden dort eingetragen. Und schließlich gibt es auch noch eine Hymne: „Das hilft uns zu erkennen, wo wir sind und wer wir sind,“ fährt Romas Lileikis fort.

(Jordi Cohen)Aber das ist nicht der einzige Vergleichspunkt zwischen ihm und Kusturica. Beide Männer sind auch Tausendsassas: Lileikis ist wie Kusturica Musiker und Filmemacher. Zu den Werken des Litauers zählen mindestens zwei Dokumentarfilme über seine Republik. Zwei Schwarzweißfilme voll Utopie, Poesie und Schönheit. Während der erste Film aus dem Jahre 2001 den Titel K+M+B trägt und die Geburt der Republik zeigt, zeichnet der zweite ein Porträt seiner Einwohner und beschreibt ihren Alltag.

„Užupis will keine Touristenhochburg sein“

Lileikis sieht sich aber als Antiheld. Er schätzt weder die plötzliche Berühmtheit seines Viertels, noch die Interviewanfragen und Vergleiche mit der Freistadt Christiania in Kopenhagen, einem rebellischen, selbst verwalteten Hippieviertel: „Diese Republik ist nicht für Touristen gemacht, aber sie empfängt trotzdem Reisende.“ Die Wahrheit liegt manchmal nur eine Nuance weit entfernt. Užupis wird in der Tat immer bekannter, vielleicht sogar zu bekannt. Auch hier sind die Yuppies omnipräsent. In den drei Tagen, die ich hier verbracht habe, konnte ich zahlreiche Touristengruppen beobachten, die die Brücke überquerten und in die vielen Kunstgalerien gingen. Mehrere junge Leute meinen sogar, dass das Viertel dabei ist, seinen Charme und seine Besonderheit zu verlieren: „Auch wenn der erste April immer noch eine recht nette Fete ist,“ vertraut mir Sasha, eine weißrussische Studentin an, die ich in einem Park in Vilnius getroffen habe.

Verfasste Utopien

(PA Canovas)In Užupis wartet auf den Besucher eine Überraschung nach der anderen. So kann man beispielsweise entdecken, dass der Dalai Lama Ehrenbürger der Republik ist, was Romas Lileikis, ebenso wie die über einhundert Botschafter Užupis‘, die über die ganze Welt verstreut sind, sehr stolz zu machen scheint. In Užupis selbst ist die Bevölkerung sehr heterogen. Hier lassen sich sowohl leitende Angestellten als auch bettelarme Künstler treffen: „Die Republik möchte paradox sein,“ sagt Lileikis, bevor er mir erklärt, dass jeder Bürger Verantwortung tragen muss, um hier leben zu können.

"Jeder Mensch in Užupis hat das Recht auf Glück"

Mein Glas ist leer und das Interview neigt sich dem Ende zu. Romas Lileikis ist einverstanden, mir einen Teil seiner Republik zu zeigen. Zuerst nimmt er mich mit zu der imposanten Engelsstatue, die auf dem Hauptplatz steht. „Das war auch eine Möglichkeit zu zeigen, das man mit guten Ideen etwas auf die Beine stellen kann und nicht nur mit Geld.“ Vor 12 Jahren wurde auch ein Tannenbaum aufgestellt, später kam ein Ei als Wachstumssymbol hinzu. Stolz erzählt mir Romas, dass er bei der Einweihung gerade einmal 25 Cent in der Tasche hatte und wohl auch deshalb sechs Jahre brauchte, um seine Skulptur zu errichten.

Danach zeigt Lileikis mir die berühmte Verfassung von Užupis, ein in mehrere Sprachen übersetztes Dokument mit einigen recht albernen Artikeln. So wird zum Beispiel proklamiert, dass „der Mensch das Recht habe, glücklich zu sein.“ Ein anderer sagt aus, dass „der Mensch das Recht habe, Fehler zu machen“, während ein dritter bekräftigt, dass „der Mensch das Recht hat faul zu sein oder überhaupt nichts zu tun.“ In Stein gehauene Wahrheiten? Oder die Proklamation der Unsterblichkeit einer Utopie? Es sei noch Platz auf der Mauer, meint der Präsident, bevor er sich lächelnd verabschiedet.