Gesellschaft

Ustica und Rammstein: Wir wollen die Wahrheit wissen

Artikel veröffentlicht am 8. März 2012
Artikel veröffentlicht am 8. März 2012
Am Abend des 27. Juni 1980 verschwindet ein italienisches Zivilflugzeug plötzlich von den Radarschirmen. Es stürzte ins Meer, ohne zuvor einen Notruf abgesendet zu haben. Acht Jahre später sterben Dutzende Menschen bei einer Flugschau auf dem US-amerikanischen Fliegerhorst in Ramstein, als drei Flugzeuge der Frecce Tricolori, der Kunstflugstaffel der italienischen Luftwaffe, kollidieren.
Zwei der italienischen Piloten, die in Ramstein zu Tode kamen, gehörten zu den letzten, die das Zivilflugzeug an jedem Abend im Juni 1980 am Himmel gesehen hatten. Elisabetta Lachina, deren Eltern beim Absturz des Passagierflugzeuges ums Leben kamen, erinnert sich. Seit dreizig Jahren wartet sie darauf, die Wahrheit über den Flugzeugabsturz zu erfahren.

Die Passagiermaschine vom Typ DC-9 der Fluggesellschaft Itavia, die am besagten Abend von Bologna auf dem Weg nach Palermo war, stürzte nur wenige Seemeilen vor der nördlich von Sizilien gelegenen Insel Ustica ins Meer. Die Trümmer der Maschine, die noch aus den Tiefen des Meeres geborgen werden konnten, wurden auf dem italienischen Militärflughafen Pratica di Mare zusammengesetzt.

Später wurden die einzelnen Trümmerteile in einem Konvoi quer durch Italien nach Bologna transportiert, wo sie in einem Museum zum Gedenken an das Unglück  seit einigen Jahren ausgestellt werden. In Bologna, dem Abflugort der DC-9, ist das Flugzeug in einer Installation des Pariser Künstler Christian Boltanski zu sehen. An Bord der Maschine befanden sich damals 64 Erwachsene, 11 Jugendliche, 2 Kinder und 4 Besatzungsmitglieder. Die Flugzeugtrümmer sind von 81 Lampen umgeben, die im Rhythmus des menschlichen Herzens an- und ausgehen, während aus verborgenen Lautsprechern leise Stimmen zu vernehmen sind – die geheimen Gedanken jener, die beim Absturz ums Leben kamen.

Das italienische Verteidigungs- und das Transportministerium wurden 2011 dazu verurteilt Schadensersatzzahlungen in Höhe von 100 Millionen Euro an die Hinterbliebenen der Opfer zu zahlen. verurteilt, weil sie durch Fahrlässigkeit und Unterlassungen den Absturz mitverursacht und die Ermittlungen jahrelange behindert hätten. „Kein Geld der Welt kann mir meine Eltern zurückgeben und noch viel weniger den inneren Frieden, den ich in diesen langen 32 Jahren verloren habe,“ sagte Elisabetta Lachina, deren Eltern an Bord des abgestürzten Flugzeugs waren.  „Dieses Urteil hat zum ersten Mal Licht ins Dunkel gebracht. Seht euch doch nur einmal die Höhe der Entschädigungszahlung an. Man muss wirklich betonen, dass dieses Urteil Beispielcharakter hat." Wenn man direkt von dieser Katastrophe betroffen sei, habe man das Gefühl, als trüge man einen zu engen Anzug, der einem die Luft abschnüre, sagte Lachina weiter. "Sie haben mir diesen Anzug auf den Leib geschneidert, ohne dass ich danach gefragt hätte." Sie verbringe die Tage, die Monate, die Jahre damit zu warten. Darauf, endlich die Wahrheit über diesen Abend zu erfahren. "Ich lebe mit der Illusion und der Hoffnung, dass diejenigen, die die Wahrheit kennen, sie endlich preisgeben.“

Luftkampf über dem Meer

Laut eines 1999 veröffentlichten Untersuchungsbericht geriet das Zivilflugzeug in einen Luftkampf zwischen Militärflugzeugen der Nato, die eine Division in Neapel unterhält, und eines libyschen Militärflugzeugs. Die Trümmer der Maschine wurden drei Wochen später in den Bergen von Kalabrien gefunden.

Die Ermittler sprechen von libyschen Militärflugzeugen, die zwischen Jugoslawien und Libyen hin- und herpendelten. Um auf den Radarschirmen unerkannt zu bleiben, sollen sie häufig in direkter Nähe von Zivilflugzeugen geflogen sein. An jenem Abend ging dieses Manöver jedoch schief. Eine F-104 der italienischen Luftwaffe, die von den Piloten Ivo Nutarelli und Mario Naldini gesteuert wurde, flog einige Minuten in Höhe der Toskana neben dem Zivilflugzeug her und schlug Alarm.

Die beiden Flieger, die damals den Alarm ausgelöst hatten, kamen jedoch am 28. August 1988 bei einer Flugschau auf dem US-amerikanischen Fliegerhorst im deutschen Ramstein ums Leben, wenige Tage bevor sie beim Prozess zum Unglück von Ustica hätten aussagen sollen. Als sie mit den Frecce Tricolori , der Kunstflugstaffel der italienischen Luftwaffe, die komplexe Flugfigur des „durchstoßenen Herzens“ vorführen wollten, kollidierten drei der zehn beteiligten Flugzeuge. Der Unfall kostete einen weiteren Piloten und 67 Zuschauern, die die Flugschau vom Boden verfolgten, das Leben. Eine Untersuchung deutscher Gutachter ergab, dass Nutarelli kurz vor dem Aufprall das Fahrwerk seines Flugzeuges ausgefahren hatte, um es schnell abzubremsen. Hat er ein Problem bemerkt? Oder wurde das Flugzeug sogar manipuliert? 

Heute geht man davon aus, dass das Nato-Flugzeug die Passagiermaschine abgeschossen hat. Die Rakete hätte vermutlich das lybische Militärflugzeug treffen sollen, das von den beiden in Ramstein verunglückten Piloten entdeckt worden war. Die DC-9 soll sich demnach auf der Flugkurve der Rakete befunden haben, mit der der „Eindringling“, das libysche Militärflugzeug, abgeschossen werden sollte. Diese Hypothese, die auch die jüngsten Gerichtsurteilen bestätigten, wurde aber immer wieder von hochrangigen Militärs, Politikern und Funktionären in Zweifel gezogen.

So wurden über die Jahre hinweg andere Thesen aufgestellt. Da hieß es zum einen, dass sich eine Bombe an Bord des Passagierflugzeuges befunden hätte, denn zu dieser Zeit war politisch motivierter Terrorisms in Italien durchaus gefürchtet. Dann wurde gemutmaßt, das Flugzeug sei auseinander gebrochen. Sieht man sich aber die Trümmer des Flugzeugwracks im Museum in Bologna an, kommt man zu einem anderen Schluss. Der riesige Riss hinter dem Cockpit der linken Flugzeugseite, deutet darauf hin, dass das Flugzeug abgeschossen. Auch der Untersuchungsrichter Rosario Priore kam zu diesem Schluss.

ist das Flugzeug völlig zerfetzt.

„Die Wahrheit ist: uns wurde befohlen, den Mund zu halten.“

Über die Jahre kamen die Untersuchungen zum Unglück von Ustica und seine Verbindungen zum jenen von Ramstein nur langsam voran. In manchen Fällen wurden die Untersuchungen durch das Schweigegebot der Omertà, durch falsche Verdächtigungen und durch die Manipulation von Beweisen behindert. So verschwanden die militärischen Radaraufzeichnungen des besagten Abends spurlos aus den Archiven, Radartechniker wurden zum Schweigen gebracht und sogar ermordet. Während einer Folge des in Italien bekannten Fernsehprogramms Telefono Giallo, das sich ähnlich wie Aktenzeichen XY im deutschsprachigen Raum unaufgeklärten Kriminalfällen annimmt, meldete sich ein Flieger der Luftwaffe, der am Abend des Unglücks Dienst tat, zu Wort: „Die Wahrheit ist folgende: uns wurde befohlen, den Mund zu halten.“

„Wie lange muss ich noch warten, bis ich die Namen der Mörder kenne? Ich bitte sie,“ schließt Elisabetta, „lassen sie die DC-9 mit all ihren 81 Passagieren endlich landen. Wir müssen unsere Liebsten endlich würdevoll begraben.“

Fotos: Titelbild: truthout/flickr; im Text: Museo per la Memoria di Ustica, Bologna, © Sandro Capati; Mit freundlicher Genehmigung des Verbandes der Hinterbliebenen von Ustica, © Linda Lachina;