Gesellschaft

Universität der Zukunft: Tallinn spannt sein Hightech-Netz

Artikel veröffentlicht am 7. November 2007
Artikel veröffentlicht am 7. November 2007
Schluss mit undurchsichtigen Strukturen! Die Universität in Tallinn bricht zu neuen Ufern auf: per Internet öffnet sich der Campus der Welt, mit einem neuen Europastudiengang visiert er den Kontinent an.

Nur wenige Schritte vom historischen Zentrum und dem Park im Viertel Kadriorg, ehemalige Zarenresidenz und "Flaniergarten" des aktuellen estnischen Präsidenten Toomas Hendrik Ilves, erhebt sich mitten auf der Narva-Allee der Uni-Campus. In Anbetracht seiner strengen Fassade ist die Vorstellung, dass im Inneren dieses Blockes aus Stahl und Glas ein dynamisches Universitätsleben mit neuesten technischen Standards vor sich geht, unvorstellbar.

Schluss mit streikenden Computern und unbequemen Holzstühlen. Wer die Pforten des neuen Masterstudienganges "Europastudien" einmal passiert hat, kann sich nicht mehr wegdenken. In den Vorlesungssälen hat jeder Student seinen eigens vorgesehenen Sitzplatz mit Anschlüssen für den Laptop. Der Geräuschpegel in den Amphitheatern beschränkt sich auf die leise tippenden Finger auf den Tastaturen.

Vorlesung per Mausklick

Der Europastudiengang, der im Rahmen des Gemeinschaftlichen Hilfsprogramms für Länder in Mittel- und Osteuropa (Phare) in Hinblick auf ihren EU-Beitritt ins Leben gerufen wurde, pflegt eine Partnerschaft mit der Universität im finnischen Tampere. Jeden Tag eine Fähre von Finnland nach Estland zu nehmen oder umgekehrt wäre jedoch eine Zumutung für die Studenten. Doch hier kommt der technische Fortschritt zu Hilfe: der Professor steht nicht mehr an seinem altbewährten Rednerpult, sondern liest die Vorlesung über den Bildschirm. Wenn Skype – 100 Prozent estnisch – die Entfernungen zwischen Freunden auf der ganzen Welt aufhebt, warum nicht auch Vorlesungen über eine Webcam halten? Kinderleicht: Studenten loggen sich auf dem Uni-Server ein und folgen der Liveübertragung des Kurses im Internet.

Die Nutzung dieser technischen Hilfsmittel ist symptomatisch für den gesellschaftlichen Fortschritt Estlands. In Tallinn regiert das Internet - weshalb man im Englischen auch gern von 'E-stonia' spricht. Das Zukunftsprojekt Universität 2.0 liegt in den Startlöchern.

Hinter diesem brillanten Bild zeichnet sich der Ehrgeiz des Landes im hohen Norden ab: in ganz Europa möchte es mit gutem Vorbild vorangehen. Jetzt, da Estland EU-Mitglied ist, versucht es eine Elite auszubilden, die über den nationalen Tellerrand hinausschaut. Daraus wurde schlussendlich der auf den Namen "Europeanisation of Governance and Politics" getaufte Studiengang geboren. Dieser ausschließlich in englischer Sprache angebotene Master konzentriert sich auf die grundsätzlichen Triebwerke der EU-Politik.

Partnerschaften rund um den Globus

Das neue Diplom hat demnach alle Zutaten, um ein europaweiter Erfolg zu werden. Die Spitze eines riesigen Eisberges an Modernisierungsinitiativen, die durch die Intelligentia des Landes auf den Weg gebracht wurden. Am 18. März 2005 wurde die Tallinna Ülikool - die Universität in Tallinn – gegründet, um das verstaubte Unisystem wieder auf Vordermann zu bringen. Diese neue Bildungseinrichtung hat kleinere Institute, wie die Tallinn Pedagogical University und die Estonian Academic Library, zusammengeschlossen. Somit konnte die Konkurrenz zwischen den Instituten aufgehoben werden.

Die Tlu will sich zudem einen weltweit guten Ruf erarbeiten und hat mehrere Partnerschaften mit renommierten Universitäten im Ausland abgeschlossen. Heute finden bereits Austauschprogramme mit 25 Universitäten in Europa, den USA, Japan und Russland statt. In diesen multinationalen Kursen der Partnerunis gibt es jedoch einen Unterschied: hier finden Prüfungen noch im klassischen Sinn statt: mit Stift und Papier.

Fotos: (Giovanni Angioni); (niallkennedy/flickr)