Gesellschaft

Ungarn wird “EUtopisch”, wenn es seine Vergangenheit hinter sich lässt

Artikel veröffentlicht am 23. März 2013
Artikel veröffentlicht am 23. März 2013
Ungarn wird in seiner postsozialistischen Entwicklungsphase steckenbleiben. Das liegt nicht nur am Aufstieg des rechten politischen Flügels, sondern auch an all den nicht enden wollenden Konflikten und düsteren Betrachtungen der Vergangenheit, mit denen das Land konfrontiert ist.

Budapest lebt rund um die Uhr: In der ungarischen Hauptstadt gibt es viele Orte, die einen Besuch wert sind, von der durchschnittlichen ungarischen Taverne namens Söröző bis zu den beliebtesten Diskotheken, in denen man locker Tausende Forint ausgeben kann. Wofür du dich auch entscheidest – am frühen Morgen läßt sich ein Kater am besten mit einem guten Kebab auszukurieren. Diese kleine Imbissbuden gibt es überall. Normalerweise werden sie von Immigranten betrieben. Wenn ich die Besitzer frage, wie sie sich in Ungarn fühlen, antworten die meisten, dass es ihnen ‚früher‘ besser ging. „Im letzten Jahrzehnt haben die Ungarn Ausländer nicht wirklich gemocht.“, erzählt einer und bezieht sich dabei auf den Aufstieg des rechtsextremen Flügels. Dieser erreichte 2010 seinen Höhepunkt, als die rechtsextreme ParteiJobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) 43 Sitze im Parlament gewann. Im Wahlkampf hatten sie vor allem die ‚nicht-privilegierten‘ Roma und die ‚privilegierten‘ Juden ins Visier genommen.

Ungarns Fehler

„Die Menschen wollen einen wirklichen Wandel.“ Dieser Satz steht auf der englischen Website des Kommunikationszentrums X (XKK). Das Zentrum möchte „moderne Kommunikationsmethoden nutzen, um positiven Wandel in sozialen oder ethnischen Bereichen und in Fragen der Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen.“ Die Geschehnisse unter Viktor Orbans rechtsstehender Regierung deuten jedoch keinerlei positiven Wandel an, der etwas an der alltäglichen Unzufriedenheit der Ungarn ändern würde. Istvan Villas, ein Student aus Szeged im Süden des Landes, zählt eine ganze Liste von Gründen dafür auf. „Ungarn ist immer noch in den Top Ten der Länder mit den höchsten Selbstmordraten der Welt vertreten, die Arbeitslosigkeit ist ziemlich hoch [um die 11 %, was in etwa dem EU-Durchschnitt entspricht, A.d.R.], die Menschen haben kein Vertrauen in die Regierung und nun verlieren sie auch noch ihren Glauben an die Demokratie.“ Istvan möchte auswandern, sobald es ihm möglich ist.

Warum ist die ungarische Linke so schwach? „Linke gibt es in Ungarn praktisch nicht.“, erklärt die Direktorin Szilvia Varró, früher Journalistin beim liberalen Wochenmagazin Magyar Narancs und Pulitzer-Preisträgerin 2010. „Die sozialistische Oppositionspartei hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, als sie das Land regierte (2002 bis 2010). Der stärkste Widerstand kommt von den Studierendenprotesten gegen die umstrittenen Bildungspläne der Regierung. Das größte Problem Ungarns ist, dass es sich seiner Vergangenheit nicht stellt. Wir haben immer das Opfer gespielt, von der Besetzung durch die Nazis über das Leben unter sowjetischem Einfluss bis heute. Als erstes europäisches Land haben wir antijüdische Gesetze beschlossen - noch bevor antisemitische Gesetze in den frühen 1920ern die Regel wurden. Und wir hatten auch jede Menge Spione, die für den kommunistischen ungarischen Staat arbeiteten.“

Bildergalerie auf cafebabel.com: "Armut in Europa: Böses Erwachen in Budapest"

Iulia Notars, Expat mit ungarischen Wurzeln, genießt das Leben in Budapest. Sie stellt fest: „Es ist nicht das gleiche, ob du ein gutes Gehalt hast [das ungarische Durchschnittsgehalt beträgt 140.000 Forint oder etwas über 450 Euro nach Abzug der Steuern, A.d.R.] oder ob du aus einem Land kommst, das niedrigere Standards hat.“ Iulia glaubt, der Hauptgrund für den Aufstieg des rechten Flügels sei, dass die Ungarn immer noch in der Vergangenheit leben. „Sie sollten im Jetzt leben. Sie könnten tatsächlich eine große Nation sein, wenn sie nur aufhören würden, von ihren verlorenen Gebieten in den Nachbarländern zu träumen. Dieses Land werden sie niemals zurückbekommen.“

Bahnhöfe - nichts wie weg für Ungarns Jugend?

Roma - Minderheit auf verlorenem Posten

Ein weiteres Problem ist die offensichtliche Spaltung zwischen Ungarns Minderheiten, die allesamt keine gute Position innehaben, meint Iulia. „Es ist immer leichter, einer Minderheit die Schuld zu geben, als über die eigenen Fehler nachzudenken.“ Die Roma, welche ungefähr 5 % der ungarischen Bevölkerung stellen, sind nicht gerade in der besten Position, besonders nach dem Aufstieg von Jobbik und Premierminister Orban. Szilvia Varró denkt ähnlich:„2014 haben wir wieder Wahlen. Die Führer von Jobbik haben schon jetzt damit begonnen, von ‚Zigeuner-Kriminalität‘ zu sprechen. Sie versuchen die Spannungen zwischen Ungarn und Roma zu verschärfen. In der Vergangenheit gab es Serienmorde an Roma, viele weitere wurden schwer verletzt. Wir konnten bereits sehen, wohin Hassrede und Hass dieses Land führen.“ sagt Varró.

„Lieber einer Minderheit die Schuld geben, als über eigene Fehler nachdenken.“

Natürlich gibt es auch positive Geschichten über Roma. Mit Unterstützung der Open Society Stiftung (engl. OSF) stellt die Organisation Romani Platni freiwillige Bildungsprojekten für Roma auf die Beine und versucht, Ungarn und ungarische Roma zusammenzubringen. Stereotype und Vorurteile sollen auf die einfachste Weise gebrochen werden – durch gutes Essen. Mitte 2011 öffnete Romani Platni ein Restaurant, um Essen, Musik und andere Traditionen der Roma zu teilen. „Diese Frauen hatten keinerlei Erfahrungen mit Catering.“, erzählt Krisztina Nagy, eine der Projektkoordinatorinnen. „Sie lernten sechs Monate und nun haben wir all das hier.“ Hat je irgendein Mitglied der aktuellen Regierung Romani Platni besucht? „Nein, aber wir planen, sie einzuladen. Wir wollen eine Debatte zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen entfachen, um richtig über das Problem der Roma sprechen zu können. Angehörige des rechten Flügels gehören da sicher dazu.“

Auf den Straßen Budapests ist die allseitige Enttäuschung sichtbar. Die eigentlich schöne Stadt wirkt düster, pessimistisch und hoffnungslos. Viele Ältere wollen den Kommunismus zurück, denn damals fühlten sie sich sicherer als heute. Die Jungen wollen das Land verlassen, die Obdachlosen wollen einen Platz zum Wohnen, die Roma wollen nicht ausgegrenzt werden - und alle möchten eine bessere Zukunft.

Wenn man bedenkt, daß ein Drittel der jungen Universitätsabsolventen Jobbik wählen wollen, wird sich diese Situation jedoch nicht so schnell ändern, meint Varró. „Diese Zahlen sind äußerst besorgniserregend. Aber noch schlimmer ist, dass fast gar keine jungen Menschen in Ungarn bleiben wollen.“ Iulia Notaros betont, dass Ungarn nur glücklich werden könne, wenn es in die Zukunft blickt. Ich stelle ihr und meinen anderen Interviewpartern dieselbe Frage – „Nenne mir einige positive Dinge über Ungarn!“. Sie alle machen dicht. „Die Stadt ist nett“, sagt Varró, nach einer halben Minute. Nun bereite ich mich schon darauf vor, Ungarn wieder zu verlassen. Ich hoffe jedenfalls, irgendwann in glücklicheren Tagen zurück zu kommen, denn dieses Land verdient sie!

Dieser Artikel ist Teil der ersten Ausgabe unserer Reportagereihe ‘EUtopia on the ground’, die uns jeden Monat in einer anderen Stadt von einem „besseren Europa“ träumen lassen wird. Dieses Projekt wird durch die Unterstützung der Europäischen Kommission/französisches Außenministerium, der HippocrèneStiftung und der Charles Léopold Mayer-Stiftung ermöglicht.

Illustrationen: alle Fotos ©Mirza Softić  für 'EUtopia on the ground', Budapest (Februar 2013); außer: Foto Szilvia Varró: mit freundlicher Genehmigung ihrer ©offiziellen Facebookseite