Gesellschaft

Ukraine - Vom Mauerfall zum Leninfall

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2014

Die Demontage von Lenindenkmälern ist für die Ukraine das, was für Deutschland der Fall der Berliner Mauer war. Ein symbolischer Akt für die Freiheit. Allerdings dauerte das in der Ukraine 25 Jahre länger – zuletzt fiel der Lenin in Charkiw.

„Veränderungen fordern unsere Herzen!“

Das sang im Jahr 1986 der Mega-Star der sowjetischen Rockmusik, Wiktor Zoi. Ein paar Jahre später rollte die Welle der Samtenen Revolutionen durch Osteuropa, und endlich fiel die Berliner Mauer. Die „Veränderungen“ gingen über den Rahmen der geplanten Perestroika hinaus.

1989. Damals war ich 15 Jahre alt und Aktivist der „Volksbewegung der Ukraine für die Perestroika“. Die Veränderungen kamen über uns wie eine Lawine. In den Massenmedien kritisierte man die KPdSU, und die Tagungen der Volksdeputierten der UdSSR wurden zu Talkshows, in denen die kommunistischen Verbrechen enthüllt wurden.In einer Schulpause hörte ich die Liveübertragung einer solchen Tagung im Radio. Meine Freunde aus der „Volksbewegung“ und ich lauschten aufmerksam den Worten der neuen Volksidole. Obwohl unsere Organisation das Wort „Perestroika“ im Namen führte, wussten wir, dass unser Ziel keineswegs die Umgestaltung der UdSSR ist. Wir wollten eine unabhängige Ukraine. Wir stellten uns vor, wie in unseren Städten und Dörfern feierlich blau-gelbe Fahnen gehisst werden und wie Lenindenkmäler im Freudengeschrei der Menschen weggetragen werden – so, wie die Berliner Mauer abgerissen wurde. Wir glaubten, dass es ausreicht, den Menschen die Wahrheit über die kommunistischen Verbrechen zu erzählen, damit unser Land ehrlich und würdevoll existieren kann.Meine Freunde und ich lebten in unserer eigenen ausgedachten Welt. In der ganzen Stadt mit 300.000 Einwohnern gab es vielleicht 15 bis 20 Menschen wie uns und vielleicht 150 bis 200 ältere Aktivisten. Ich lebte in einem Arbeiterbezirk. Die Nachbarn aus unserem Hochhaus sympathisierten mit der „Volksbewegung“, denn sie hielten nichts von ihren kommunistischen Vorgesetzten. Doch im Prinzip war auch ihnen egal, was vor sich ging.

Bröckelndes Imperium, ernüchterte Menschen  

Zwei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Ukraine unabhängig. Die „Veränderungen“ setzten sich in atemberaubendem Tempo fort. Aber wir konnten die Gleichgültigen nicht auf unsere Seite ziehen. Am Tag der Verkündigung der Unabhängigkeit nahm ich mit anderen Aktivisten den Nachtzug aus Kiew nach Hause. Von allen Passagieren unterhielten sich vielleicht 20 Menschen die ganze Nacht angeregt, und sangen patriotische Lieder. Ich erinnere mich an die Ausrufe eines Mitreisenden, die in der Leere eines nächtlichen Bahnhofs verhallten: „Unabhängigkeit, Unabhängigkeit!“

Einige Jahre später verlor ich den Kontakt zu den meisten Aktivisten von damals. Und zwar nicht nur, weil ich zum Studieren nach Kiew ging: Die Unabhängigkeit stellte sich als ein hartes Los heraus. Wir alle, die von der „Volksbewegung“, die Gleichgültigen, unsere damaligen Gegner, waren wie Pflanzen, die in einem Gewächshaus hochgezogen worden waren. Nun entkamen wir der stickigen Luft, und es herrschte das Klima der Realität. Manche überlebten das, manche nicht. Vor ein paar Jahren traf ich meine Grundschullehrerin, die mir erzählte: „Die halbe Klasse ist wohl nicht mehr auf dieser Welt: XX starb an einer Überdosis, YY im Gefängnis.“ Vieler meiner Kollegen fingen an zu trinken, als ihr Betrieb geschlossen wurde. Und als sich das Leben wieder fügte und es wieder Arbeit gab, konnten sie nichts mehr. Sie saßen auf ihren Bänkchen mit schwarz gewordenen Gesichtern und beobachteten die Überlebenden, die sich nach und nach Autos und neue Möbel zulegten. Die 1990er, die ersten Jahre der Unabhängigkeit, waren wie ein schwarzes Loch, in dem kein Platz für Licht war.

Die gleichgültige Mehrheit stimmte vereint für die „Partei der Macht“, bestehend aus ehemaligen Kommunisten und freimütigen Mafiosi. Korruption, die sukzessive Verdrängung von gerade erst erkämpften demokratischen Freiheiten, die Gefahr des Verlustes der nationalen Identität und der Absorption durch Russland. Die 1990er-Jahre gebaren Oligarchen mit ihren handzahmen Parteien und einen korrupten und ineffizienten Staat. Die unabhängige Ukraine litt an sowjetischen Geschwüren, und es war niemand da, um sie zu behandeln. Unsere Vorbilder stellten sich als endlos naiv heraus. Unsere Träume waren in Wirklichkeit Kindheitsfantasien.

Über all dem wachen Lenindenkmäler

Im Jahr 2004 versuchten wir, diesem außerzeitlichen Loch zu entkommen. Drei Wochen heiteren Karnevals im Zentrum der Hauptstadt – und die Staatsmacht veränderte sich. Doch Lenin, unser symbolisches Pendant zur Berliner Mauer, blieb fest auf seinem Sockel. Die „Werte“, für die er eintrat, hatten Bestand: Die Mehrheit blickte immer noch sehnsüchtig auf das sowjetische Imperium zurück. Im Jahr 2013 wurde wieder viel Zoi im Radio gespielt. „Veränderungen fordern unsere Herzen“ – dieser Schlachtruf wurde so aktuell wie vor 25 Jahren. Am Jahresende begann der Euromaidan.

Der Zerfall der UdSSR und die Orangene Revolution sahen im Januar 2014 wie ein harmloser Spaziergang aus. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden auf den Straßen Kiews keine Menschen ermordet. Janukowitsch brachte etwas fertig, woran sich die intellektuelle Elite des Landes die Zähne ausgebissen hat: Diesmal gab es keine Partei der Gleichgültigen. Die Worte der Nationalhymne, die früher vielen bis zum Erbrechen formell erschienen, lösten plötzlich bei allen Tränen aus: von Schülern bis zu Rentnern. „Wir sind bereit, Seele und Körper für unsere Freiheit zu opfern“ – so beginnt unsere Hymne, und diese Aussicht war durchaus real in Kiew, Lwiw, Charkiw, Dnipropetrowsk oder Odessa.

Jeder gefallene Lenin ist ein Stückchen Freiheit 

In wenigen Wintertagen fielen die Denkmäler wie Dominosteine, im ganzen Land. Endlich fanden wir uns, unsere Identität und unseren Traum: ein Teil Europas zu sein, wo – unserem Verständnis nach – vor allen Dingen die Würde des Menschen geachtet wird. Nicht umsonst wurden diese Wintertage die „Revolution der Würde“ genannt.  Dann begann der Krieg. Russland verstand, dass es die Ukraine nicht mit „soft power“ bändigen kann, und beschloss, sich die Regionen zu holen, in denen Lenin noch stand. Oder das ganze Land, wenn es klappt. Die Kreml-Analysten wussten, dass unsere Armee nicht kampffähig ist. Aber sie wussten nicht, dass wir uns verändert hatten. In ein, zwei Monaten hatten selbstorganisierte Gruppen die Armee ausgestattet, und mutige Maidan-Aktivisten gingen als Freiwillige an die Front. Der russische Blitzkrieg fiel ins Wasser. Als ich diese Zeilen schrieb, wurde in der östlichen Millionenstadt Charkiw unter heiterem Gebrüll der Menge ein Lenindenkmal gestürzt. Ein weiteres Stück der sowjetischen Mauer, die physisch in Berlin und mental auf dem gesamten Territorium der UdSSR errichtet worden war, ist gefallen. Jetzt trennt uns nichts mehr von der freien Welt.

Ein Artikel von n-ost-Gastautor Roman Kultschinskij, Chefredakteur des unabhängigen Online-Portals Texty.org.ua.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit der Allianz Kulturstiftung und dem Osteuropamagazin ostpol für das Projekt 'Eastern Europe Outside/In entstanden.