Gesellschaft

Türkei-Tabu: Künstler im Kampf gegen Nationalismus

Artikel veröffentlicht am 30. August 2012
Artikel veröffentlicht am 30. August 2012
Die nationale Identität ist in der Türkei nach wie vor ein unüberwindliches Tabu. Der Begriff der "Verteidigung des Türkentums" hat jahrzehntelang zu einer Verdrängung der gegen das armenische Volk begangenen Grausamkeiten und einer Unterdrückung der zweiten nationalen Minderheit, der Kurden, geführt.
Einige Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und Akademiker versuchen jedoch sich vom offiziellen nationalistischen Diskurs zu distanzieren.

"Der Völkermord an den Armeniern ist eins der Themen, die mir am meisten am Herzen liegen," sagt Tayfun Serttas, während er in einem ruhigen Café in Beyoglu, einem Stadtteil von Istanbul auf der europäischen Seite der Stadt, seinen Tee trinkt. Tayfun ist dreißig Jahre alt und ein türkischer Künstler und Schriftsteller. Die Minderheiten und das kulturelle Erbe, das diese dem Land hinterlassen haben, tauchen in seinem Werk immer wieder auf. Serttas besticht durch seine Kühnheit. Wir befinden uns in der Türkei, wo es leicht passieren kann, dass man wegen Aussagen dieser Art vor ein Gericht gezerrt, des "Terrorismus" beschuldigt oder wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt wird.

Eine Verleumdung des "Türkentums" war nach Artikel 301 des Strafgesetzbuchs ein Vergehen. Es ist ein Artikel, auf den man sich seit Jahren beruft, um jeden zum Schweigen zu bringen, der es wagt, die Minderheitenfrage offen zu thematisieren oder die Regierung von Premierminister Recep Tayyip Erdogan zu kritisieren.

Obwohl befunden wurde, dass er gegen Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt und obwohl er 2008 nur formal geändert wurde (statt "Türkentum" heißt es nun "die türkische Nation") ist Artikel 301 nach wie vor in Kraft. Und er ist einigen Schriftstellern, Journalisten, Studenten, Bürgern und bekannten Persönlichkeiten zum Verhängnis geworden, darunter dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk.

Cover-FotoAber Tayfun interessiert es herzlich wenig, ob er sich in Gefahr begibt. "Ich wollte wissen, welche Künstler zu den ethnischen Minderheiten im Land gehören. Man weiß nichts von ihnen, weder in den Nachschlagewerken noch in den Museen findet man sie", erzählt er mir auf dem Weg zu Aras Yayınclık, dem armenischen Verlag (dem letzten, den es im ganzen Land noch gibt), der das Ergebnis seiner zweijährigen Forschungsarbeit und seiner Schatzsuche in den Archiven veröffentlicht hat.

"Schon ein Archiv an sich ist für die Behörden meines Landes ein Tabu."

Foto Galatasaray ist eine außergewöhnliche Sammlung von 1.000 Fotos, die ausschließlich Frauen zeigen; aufgenommen hat sie die armenische Fotografin Maryam Sahinyan in über 50 Jahren. "Schon ein Archiv an sich ist für die Behörden meines Landes ein Tabu", erklärt Tayfun. "Wer sich in Archiven auf die Suche begibt, wird nämlich eine Geschichte ans Tageslicht bringen, die dieses Land jahrzehntelang absichtlich verdreht und verdrängt hat. Aber die neuen Generationen sind bewusster und offener für den Dialog", sagt er. "Das Feuer der kulturellen Revolution wurde entzündet, da bin ich mir sicher."

Ein Film, der das Schweigen brechen soll

Çiğdem Mater ist weniger optimistisch. "Der Nationalismus stellt nach wie vor eine unüberwindliche Barriere dar. Die Türkei ist ein konservatives Land," bemerkt Mater scharf. Es ist ein schwüler Sommernachmittag im Istanbuler Viertel Elmadağ und sie ist eine der bekanntesten Aktivistinnen des Landes (auch wenn sie sich selbst nicht so bezeichnen möchte): "Ich bin nur eine Filmemacherin", korrigiert sie. Çiğdem Mater schreibt die Leitartikel für Bianet, eine unabhängige News-Plattform, moderiert eine Radiosendung über Frauenrechte auf Acik Radyo und hat auf Twitter über 19.000 Follower.

"Es hat eine Bewegung des Gewissens gegeben, die mit der Beerdigung von Hrant Dink entstand"

Aber Çiğdem Mater ist wie bereits erwähnt in erster Linie Regisseurin und Koproduzentin der Cinema Platform, einer türkisch-armenischen Kino-Produktionsfirma, wo die Sprache des Films dazu dient "Dinge zu sagen, die wir jahrzehntelang nicht sagen konnten und uns zu helfen, einander kennenzulernen." Seit ihrer Gründung 2008 unterstützt Cinema Platform die Arbeit junger Regisseure, die sich darum bemühen, den Dialog für eine Versöhnung der beiden Völker zu erleichtern.

"Ja, es stimmt, die Dinge haben sich in den letzten paar Jahren ein wenig geändert. Die neuen Generationen gehen auf die Straße und protestieren. Aber in Wahrheit ist der Taksim-Platz der einzige Ort in Istanbul, wo die Menschen demonstrieren. Es ist wie im Hyde Park, jeder hat sein Eckchen," kommentiert die Regisseurin ironisch. "Es hat eine Bewegung des Gewissens gegeben, die mit der Beerdigung von Hrant Dink losging" (der Journalist und Chefredakteur der auf Armenisch erscheinenden Wochenzeitung Agos wurde 2007 nach Erscheinen seiner Artikel über den Völkermord an den Armeniern von einem türkischen Nationalisten ermordet). Aber Çiğdem meint: "Dies bedeutet nicht, dass die über 100.000 Menschen, die damals (2007) bei der Beerdigung waren, heute bereit sind, den Völkermord an den Armeniern oder die Identität der Kurden anzuerkennen. Es ging nur darum, ihr Gewissen reinzuwaschen."

Frauenpower

Wird es jemals möglich sein, diese historische Kurzsichtigkeit hinter sich zu lassen und den Dialog zwischen den Völkern zu fördern? "Das versuchen wir, indem wir vom Leben und von den Schwierigkeiten erzählen, mit denen Frauen aus allen Kreisen in diesem Land zu kämpfen haben," erzählt mir Ayca Gunadin. Ayca ist kaum älter als zwanzig und gehört zusammen mit Burcu Tokat und Esra Asan zu der Frauengruppe, die hinter Feminist YaklasimlarKültür ve Siyasette (Feminist Approaches in Culture and Politics) steht, einer akademischen Zeitschrift, die Kultur und Literatur als Waffe benutzt, um eine Bresche in die Mauer aus Schweigen zu schlagen, die diese Themen jahrzehntelang umgeben hat.

"Künstler können sich zu Orten vorwagen, die für Politiker verschlossen bleiben," hat die Schriftstellerin Elif Shafak im vergangenen März eines Nachmittags in London zu mir gesagt. Auch sie hat das "Vergehen" begangen, die nationale Identität ihres Landes mit einem Satz aus ihrem sechsten Roman, Der Bastard von Istanbul, zu beleidigen. "Kunst und Literatur haben die Macht, Barrieren der Kultur und Identität hinter sich zu lassen. Denn nur die Kunst schafft es, dort Verbindungen zwischen den Menschen herzustellen, wo die Politik nur Trennungen schafft."

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II 2012. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Istanbul.

Illustrationen: Teaserbild (cc)CharlesFred/flickr; Im Text ©Maria Teresa Sette und Aras Yayınclık; Video (cc)SaltonlineIstanbul/YouTube