Gesellschaft

Türkei-Putz: Fußball, Wettbetrug und Spielabsprachen

Artikel veröffentlicht am 19. September 2011
Artikel veröffentlicht am 19. September 2011
Was ist da bloß los in der Türkei? Seit über einem Monat wird am Bosporus mit voller Wucht aufgeräumt: im Fußball, in der Armee und in den Straßen Istanbuls. Von welchem „staubigen Image“ versucht man sich zu befreien? Angesichts der großen Säuberungsaktion der türkischen Behörden veröffentlicht cafebabel.com eine dreiteilige Serie zum Thema „Türkei - das große Putzen“.
Erstes Objekt der Reinigungsbegierde: der Fußball.

Säuberungsaktion im Fußballmilieu

3. Juli: Die Justiz offenbart, dass sie in einer Reihe von Fällen manipulierter Spiele ermittelt, die die angesehensten türkischen Fußballvereine involviert. Auf Lauschangriffe folgen Hausdurchsuchungen, mediatisierte Festnahmen, Verhöre und Inhaftierungen. 19 Spiele sollen unrechtmäßig vonstatten gegangen sein. Bisher wurden 80 Personen vorläufig festgenommen. Weitere 31 Personen sitzen in U-Haft.

Wohlwissend, dass Fußball für die Türken Religionscharakter hat, kann man sich gut vorstellen welche Schockwelle diese Ankündigung ausgelöst hat. Man munkelt sogar dass die politische Exekutive des Landes den Zeitpunkt der Enthüllung des Skandals verzögert habe, damit dieser nicht die Kampagne der im Juni stattfindenden Parlamentswahlen beeinflusse.

Gefühlswallungen der Ankara Demirspor-Fans

Wenngleich der Verein Fenerbahçe, amtierender türkischer Meister (dessen Vorsitzender Aziz Yıldırım am Tag der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens festgenommen wurde), augenscheinlich im Mittelpunkt des Skandals steht, hat die eifrige Justiz auch andere große Vereine im Visier, wie etwa Beşiktaş, fünftplatzierter bei den Meisterschaften und Sieger des türkischen Pokals, oder Trabzonspor.

Seitens Fenerbahçe hört man, dass hinter dieser noch nie gesehenen Aktion die Hand des „Polizeistaates“ zu erkennen sei, so der Vorsitzende der Geschäftsführung des Vereins. Eine unmittelbare Beschuldigung politischer Natur, die widersprüchliche und sogar verrückte Gerüchte in den Rängen der Fans nährt. Man würde versuchen den Vereinsvorsitzenden durch eine regierungsnahe Persönlichkeit zu ersetzen; oder der Premierminister Erdoğan, notorischer Fan der „Kanarienvögel“ [Benennung von Fenerbahçe nach seinen Trikotfarben; A.d.R.] und Mitglied der Vereinsversammlung, sei die wahre Zielscheibe des Betrugsskandals. Man merke nebenbei an, dass der türkische Premier den laufenden „Reinigungsprozess“ begrüßt hat.

Also, politische Manipulation oder wahrhaftiger Versuch jene Sportart zu entstauben, die bereits seit dem Wettskandal von letztem Jahr im Schatten steht? Die verblüffende abwartende Haltung des türkischen Fußballverbands ist kein gutes Zeichen. Außer der Entscheidung den Anpfiff der neuen Meisterschaft um einen Monat nach hinten zu verschieben, hat der Verband keinerlei Maßnahmen gegen die beschuldigten Persönlichkeiten oder die in der Akte benannten Vereine eingeleitet. Mehrere Sportseiten berichten, dass falls bewiesen werden würde, dass der türkische Verband bewusst zu nachgiebig gehandelt habe, die Nationalmannschaft von der Europameisterschaft 2012 ausgeschlossen werden könnte. In einer Mitteilung vom 12. Juli schließt die UEFA auch die Möglichkeit nicht aus, rückwirkend jene türkischen Vereine zu sperren, die bereits an europäischen Wettbewerben teilnehmen, sollte die türkische Justiz den Betrug bestätigen.

Zum letzten SaisonendeAm 24. August kommt es zum Paukenschlag. Zur allgemeinen Überraschung teilt der türkische Verband mit, dass Fenerbahçe aus der Champions League ausgesperrt wird. Solch eine Entscheidung, die einer stillschweigenden Anerkennung der Schuld des Vereins gleicht, lässt Zweifel aufkommen. Bisher hatte der Verein sich hinter der angeblich mangelnden Beweislast versteckt, um seine Untätigkeit zu begründen. Wie ist der Verband nun dazu gekommen solch eine radikale Maßnahme durchzusetzen? Die UEFA hat hier ihre Hand im Spiel. Nach dem unerwarteten Besuch des Chefs der Disziplinarkommission, Pierre Corno, in Istanbul hatte die UEFA ein klares Ultimatum gesetzt. Entweder zieht sich Fenerbahçe aus dem europäischen Wettbewerb zurück oder der türkische Fußballverband schließt ihn aus. Ansonsten würde die Organisation ein Disziplinarverfahren einleiten und den türkischen Verband sanktionieren. Werden die anderen Vereine, die durch diesen Skandal betroffen sind, auch den Preis der Null-Toleranz-Politik der UEFA hinsichtlich des Spielbetrugs zahlen müssen?

Angesichts des Ausmaßes der Säuberungsaktion, die sich auf das junge Gesetz zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität stützt, haben die Fans keine Zweifel daran, dass die Verurteilungen mit hoher Wahrscheinlichkeit verhängt werden. Ob aber nur die beschuldigten Persönlichkeiten und/oder auch die Vereine rechtlich geahndet werden, wird sich zeigen. Im ersten Fall, wie es Fußballamateure befürchten, wird die Machtvorstellung ihr erklärtes Ziel - Korruption auszurotten - verfehlt haben. So sieht dann wohl die Kunst aus, Dreck unter den Teppich zu kehren...

Fotos: Homepage (cc)ninja gecko/flickr; Stadion in Flammen (cc)travlr/flickr; (cc)dulk/flickr