Gesellschaft

Transparenz: Werde auch du zum Online-Aktivisten

Artikel veröffentlicht am 15. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 15. Juni 2011
In der Ukraine wurde der “Tag des Zorns” - eine Protestaktion gegen den Präsidenten - online organisiert. In Weißrussland ist das Internet die einzige Zuflucht vor der Regime-Propaganda. Die arabische Welt berichtete online über den politischen Umsturz.
Peter Ludlow, amerikanischer Online-Aktivist, Journalist und Schriftsteller, der sich mit dem Recht im Internet beschäftigt und als Philosophieprofessor an der Northwestern University in Illinois tätig ist, erklärt, dass Politik durch Bewegungen „von unten“ beeinflusst werden kann.

Cafebabel.com: Herr Ludlow, ist absolute Transparenz gefährlich für unser Vertrauen in das soziale Kapital?

Peter Ludlow: Die Menschen sind nicht unbedingt transparent auf facebook. Viele sind sehr um ihr Image bemüht und einige machen dies auf eine nicht besonders kluge Art und Weise – ohne zum Beispiel an potentielle Arbeitgeber zu denken. Die Nutzer entscheiden aber sehr sorgfältig, was sie der Öffentlichkeit preisgeben. Sie enthüllen allerdings dem falschen Publikum Einzelheiten aus ihrem Privatleben.

Cafebabel.com: Kann Transparenz auf politischer bzw. diplomatischer Ebene gefährlich werden?

Peter Ludlow: Transparenz muss nicht unbedingt gefährlich werden. Allerdings könnte man dagegen halten, dass Diplomatie bei zu viel Transparenz erschwert wird: Ohne Geheimhaltung bestimmter Tatsachen hätte die Kubakrise zu einem atomaren Krieg führen können. Fehlende Transparenz war in den damaligen Verhandlungen unabdingbar, nur so konnte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges eine Eskalation vermieden werden – die USA zogen die Raketen aus der Türkei ab und die Russen im Gegenzug die Raketen aus Kuba.

Cafebabel.com: Können soziale Netzwerke heutzutage als öffentlicher Raum angesehen werden?

Peter Ludlow: Wenn es einen Raum gibt, innerhalb dessen der Großteil unserer gesellschaftlichen und geschäftlichen Kommunikation stattfindet, dann sollte dieser als öffentlicher Raum angesehen werden. Ein Privatunternehmen sieht das vielleicht anders, aber wenn es die führenden Kommunikationskanäle kontrolliert, dann übernimmt es die Rolle eines Schirmherrn der freien Kommunikationskanäle. Es liegt dann in seiner Verantwortung diesen öffentlichen Raum zu verwalten.

Cafebabel.com: Können WikiLeaks und Co. politische Entscheidungen beeinflussen?

Peter Ludlow: Sie üben schon einen weitreichenden Einfluss aus – Enthüllungen auf WikiLeaks trugen ihren Teil dazu bei, die Revolution in Tunesien zu schüren. Ich denke, dass sich in Zukunft ähnliche Szenarien wiederholen werden.

Cafebabel.com: Sollten sich Journalisten oder Blogger als Online-Aktivisten engagieren?

Peter Ludlow: Das sollten wir alle. Objektivität zu wahren bedeutet nicht, politisch untätig zu sein – was übrigens eine sehr „politische“ Haltung ist, da man sich so mit dem bestehenden Zustand einverstanden erklärt. Niemand ist vollkommen objektiv und niemand, der über beobachtete Geschehnisse berichtet, hält sich vollkommen an die Wahrheit. Die Menschen sollten hinsichtlich ihrer politischen Überzeugung Transparenz zeigen und versuchen, so nah wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben.

Cafebabel.com: Welche Vorteile ergeben sich für konventionelle Medien durch Crowdsourcing?

Peter Ludlow: Die gleichen Vorteile wie durch andere Arten von Crowdsourcing. Die Masse ist klüger als das Individuum. Was die Medien betrifft, so stellt die Masse eine Vielzahl von Augen und Ohren dar und besteht aus einer Vielzahl von Menschen, die die Informationen auf den Wahrheitsgehalt überprüfen können. Crowdsourcing ist vielleicht nicht perfekt aber es erschließt wertvolle Ressourcen für konventionelle Medien.

Cafebabel.com: Auf welche Art und Weise sollten konventionelle und moderne Medien interagieren und kooperieren?

Peter Ludlow: Gibt es einen Grund, weshalb sie nicht grundsätzlich kooperieren sollten? Konventionelle Medien können als eine Art oberste Schutzschicht fungieren, die die durch moderne Medien gewonnenen Informationen analysiert und auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Es existiert eine wichtige Medienumwelt, in der sowohl konventionelle als auch moderne Medien eine entscheidende Rolle spielen. Beide werden durch die Existenz des Anderen optimiert.

Online-Aktivismus made in Ukraine, Weißrussland und Ägypten

Die Ukrainer haben genug von den illegalen Machtexzessen ihres Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Im Jahre 2004 hatte er Verfassungsänderungen annullieren lassen und erst kürzlich erlassene Reformen aufgehoben, die sozial schwache Gesellschaftsschichten benachteiligten. Am 14. Mai fand eine Protestaktion statt, die den Namen „Tag des Zorns“ erhielt und von der Bewegung „Gemeinsame Sache“ (Spilna Sprava; Спільна справа) organisiert wurde. Auf den Websites der populären sozialen Internetnetzwerke – Vkontakte und facebook – wurden entsprechende Gruppen gegründet.

Im benachbarten Belarus – dessen Regime scharf gegen oppositionelle Proteste vorgeht – ist das Internet das einzige Medium, das den Menschen Zugang zu Informationen gewährt, die nicht von der offiziellen Staatspropaganda beeinflusst werden. Ein Großteil der Regime-Anhänger, überwiegend die Landbevölkerung und ältere Menschen, gehören jedoch nicht zu den aktiven Internetnutzern, so dass ähnliche Szenarien schwer vorherzusehen sind.

Im Vergleich zu anderen Medien bietet das Internet noch mehr Wege, die Zensur eines jeden Regimes zu umgehen. Die Möglichkeit selbst Beiträge erstellen und Inhalte mit anderen teilen zu können ermutigt die Menschen und nimmt ihnen die Angst. Sogar als die Ägypter von Telefon und Internet abgeschnitten waren, schrieben die Menschen auf dem Tahrir-Platz weiterhin Nachrichten – eine Art Facebook-Statusmeldung in der Offline-Version. Journalisten werden zu Online-Aktivisten, während konventionelle Medien sich auf die Unterstützung durch moderne Medien verlassen: Der Fernsehsender Al Jazeera begann während der Revolution private Filmaufnahmen zu verwenden, wenn nicht auf andere Art und Weise an Informationen heranzukommen war.