Gesellschaft

Tourismus: Brüsseler trotzen"Belgium Bashing" 

Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2016

"Belgium Bashing" ist in Mode, seit Mitte November in Brüssel Alarmstufe 4 ausgerufen wurde und die Medien weltweit intensiv darüber berichteten. Die Einwohner der Hauptstadt kehrten schnell wieder zum Alltag zurück; dies gilt jedoch nicht für die Touristen, die Brüssel noch immer meiden. Kampagnen sollen diesen Trend aufhalten und das Image der Stadt aufpolieren.

Wie kann man nach dem Trauma der Anschläge sein gewohntes Leben wiederaufnehmen? Eine wahrhaft schwierige Frage, zumal die Ereignisse nicht nur Spuren in der Psyche hinterlassen haben, sondern sich auch wirtschaftlich auswirken. Es ist bekannt, dass Paris die finanziellen Folgen der Anschläge im November spürt und für die belgische Hauptstadt gilt das Gleiche: Zwischen den Attentätern von Paris und Brüssel konnten Verbindungen hergestellt werden. Die direkte Konsequenz: Wenige Tage nach den Anschlägen in Paris gilt in der Hauptstadt die höchste Terrorwarnstufe. Die Bilder von der Geisterstadt Brüssel gehen um die Welt.

Brüssel muss es ausbaden

Wir alle haben auf Bildern die vielen Soldaten auf der berühmten Grand-Place in Brüssel gesehen: leere Caféterrassen und gepanzerte Militärfahrzeuge in den Straßen. Brüssel wurde in der weltweiten Wahrnehmung zu einer gefährlichen Stadt und als Epizentrum galt das berüchtigte Viertel Molenbeek, das von der internationalen Presse wochenlang belagert wurde.

Aber Brüssel ist nicht nur die Hauptstadt Belgiens und der europäischen Institutionen, sondern auch ein beliebtes Ziel für Millionen von Touristen im Jahr (im Jahre 2014 waren es 3,4 Millionen). In diesem Zusammenhang kann man nicht abstreiten, dass die Stadt unter ihrem neuen Image gelitten hat, vor allem in den Augen der asiatischen und amerikanischen Besucher. Nehmen wir als Beispiel eine Kette von gehobenen Apartmenthotels, die in Brüssel gerade erst eröffnet wurden; innerhalb weniger Tage gingen zahlreiche E-Mails mit der Bitte um Stornierung ein. Aus den langen Nachrichten der Gäste spricht ihre Besorgnis: „Ich wollte mit meiner Familie den Brüsseler Weihnachtsmarkt besuchen [...] Ich habe noch nie einen Urlaub storniert, aber ich kann das Leben meiner Familie nicht riskieren. Der Weihnachtsmarkt ist vielleicht das erklärte Ziel dieser Fanatiker“, oder aber: „Es heißt, in Brüssel wird noch die ganze Woche lang die höchste Warnstufe gelten und das Außenministerium der USA hat den Bürgern des Landes davon abgeraten, Brüssel zu besuchen.“

Das Ergebnis ließ nicht auf sich warten: In dem zweiwöchigen Zeitraum zwischen dem 23. November und dem 7. Dezember hatte das Start-up ein Dutzend Stornierungen zu verzeichnen. Die Auslastung betrug bei ihnen im Monat Dezember, für den gewöhnlich die meisten Touristen buchen, nur 30% - mit 65% hatte man im November gerechnet.

Ruf mich an!

Mit der Hilfe der Bevölkerung will man diese Talfahrt aufhalten. Die Einwohner, die unterschiedlichen kulturellen Ursprungs sind, kennen Brüssel besser als jeder andere, wovon die ganze Welt profitieren kann. Aber wie sollte man vorgehen?

An drei Orten in der Region - auf dem Kunstberg, auf dem Gemeindeplatz von Molenbeek und auf der Place Flagey - wurden Telefonzellen aufgestellt, die es Menschen aus aller Welt ermöglichten, in Brüssel anzurufen. Auf der anderen Seite hatte jeder Passant die Möglichkeit, den Anruf anzunehmen und zu erzählen, wie es in der belgischen Hauptstadt gerade aussieht - die Aktion trug den Namen #CallBrussels.

In 5 Tagen gingen 12.688 Anrufe aus 154 verschiedenen Ländern ein. Jeder konnte über das Internet anrufen und live die von Kameras in der Nähe aufgenommenen Bilder sehen. In den Videos sieht man, wie gut sich die Menschen an beiden Enden der Leitung verstehen: Die Einwohner von Brüssel schaffen es, Touristen aus der ganzen Welt mit guten Nachrichten zu beruhigen. Die Anfang Januar durchgeführte Kampagne sorgte auch für ausführliche Berichte in den Medien und rückte Brüssel wieder in ein freundlicheres Licht.

Es besteht Grund zur Hoffnung, dass dank der Bemühungen und Werbemaßnahmen der Region die Angst abgeflaut ist und in den kommenden Monaten wieder mehr Besucher kommen. Vielleicht wird auch die Kampagne selbst fortgesetzt.

Brüssels Image aufpolieren - eine Herausforderung

Wenngleich es in anderen europäischen Hauptstädten (London, Kopenhagen und Paris) Anschläge gab, muss die Region Brüssel die Folgen einer ineffizienten Kooperationspolitik auf europäischer Ebene ausbaden, weil hier die Anschläge von Paris geplant wurden. Was im Laufe der Untersuchungen über die Täter und ihre Komplizen bekannt und von den Medien aufgegriffen wurde, hat das Image der belgischen und europäischen Hauptstadt sowie der dort angesiedelten Institutionen noch weiter getrübt.

Brüssel ist dabei nicht die einzige Stadt, die vor der Herausforderung steht, ihr Image aufzupolieren (wenngleich inzwischen noch mehr negative Berichte hinzukamen und selbst Aussagen von der anderen Seite des Atlantiks Schlagzeilen machen). In der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 stand Budapest als heillos überforderte Stadt da, angesichts der Ereignisse in der Silvesternacht stellt sich die Frage nach der Sicherheit der Besucher im bald stattfindenden Kölner Karneval und gerade erst wurde ein bewaffneter Mann in der Nähe vom Disneyland Paris festgenommen, was eine Gefahr für die neue Tourismussaison bedeutet.

Der Tourismus ist für die Wirtschaft von großer Bedeutung, schafft zahlreiche Arbeitsplätze und keine Stadt kann die negativen Auswirkungen des Terrors leugnen, der mit den Anschlägen von Paris nach Europa kam. Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass die Bemühungen um eine Verbesserung des Images die für Tourismus und Wirtschaft zuständigen Stellen in den Städten sowie die Mitarbeiter von PR-Agenturen beschäftigen werden. Ein Grund zur Freude, denn sie werden uns ganz neue Seiten an Brüssel und anderen europäischen Städten entdecken lassen.