Gesellschaft

Torino Film Festival: "In Fabbrica" zeigt uns, wer wir waren

Artikel veröffentlicht am 25. November 2015
Artikel veröffentlicht am 25. November 2015

Für unsere Kooperation Mov(i)e To Berlin mit Cafébabel Berlin und vor allem als Hommage an unser Turin haben wir den Dokumentarfilm In Fabbrica aus der Sektion Festa Mobile rezensiert.

In Fabbrica (In der Fabrik) ist ein Dokumentarfilm von Francesca Comencini aus dem Jahr 2007, der auf dem 25. Torino Film Festival den Cipputi-Preis und die Auszeichnung Bester Film über die Arbeitswelt gewann. In diesen Tagen wird er erneut auf dem Festival gezeigt. Die Idee, ihn noch einmal auf der Kinoleinwand zu sehen, obwohl er in den letzten Jahren im italienischen Fernsehen lief, entsteht aus dem Bedürfnis heraus, das kulturelle und soziale Gefüge nicht zu vergessen, dass das Leben in der Stadt, wie wir es heute kennen, ermöglicht hat. Gleichzeitig möchten wir von den Bedingungen erzählen, die die Vergangenheit von uns allen gekennzeichnet haben.

Von der Hoffnung über den Kampf bis zur stillen Resignation

Die Regisseurin stützt sich auf Material aus den Archiven des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Rai und der demokratischen Arbeiterbewegung Aamond, um sich in wenig mehr als einer Stunde Film auf eine Reise durch die italienische Geschichte des Fabriklebens von den fünfziger Jahren bis heute zu begeben. Dabei erzählt sie in einem wunderbaren Mosaik aus Berichten und Gesichtern, die unsicher in die Kamera schauen, jene intensiven Jahre, die unsere Modernität geformt haben.

Protagonisten und Erzähler sind die Arbeiter. Die Erlebnisse, die sie erzählen, haben ihren Ursprung in der großen Migrationsbewegung von Süditalien in den italienischen und europäischen Norden. Ihre Stimmen bringen eine der größten Lebensgeschichten unseres Landes mit sich, die sich im Laufe der Jahrzehnte weiter entwickelte und sich in ihren Aspekten und Intentionen verändert hat. Sie begann mit der Hoffnung auf eine stabilere Beschäftigungssituation, die sich in den Entscheidungen der Italiener, aber auch in denen des ganzen Landes wiederspiegelte, das sich der Industrie und einer neuen Identität anvertraute. Es sind die Jahre des großen Zukunftsenthusiasmus, der sich innerhalb weniger Zeit veränderte und eine andere Richtung einschlug. Ende der sechziger Jahre war nicht mehr der Arbeitsplatz die Priorität, sondern das Bedürfnis nach einem nie dagewesenen menschlichen Respekt. Inzwischen waren die Bedingungen ohne jegliche Sicherheiten in den Fabriken untragbar geworden. Diese Situation trug dazu bei, die Bindung zwischen Menschen und Klassen zu stärken. Francesca Comencini zeigt uns die Veränderungen im Wesen der Arbeit und den Beginn einer Zeit, die von Streiks gezeichnet war. Diese ging in jenen Jahren zu Ende, in denen Enrico Berlinguer von der kommunistischen Partei zu den Massen in Turin sprach und die Arbeitervereinigung langsam ihre Geschlossenheit zu verlieren begann.

Die letzten Aufnahmen zeigen eine Fabrik unserer Tage, deren Protagonisten die Kinder einer neuen Denkweise und eines neuen Umgangs mit der Zukunft sind. Die traditionelle Familie gibt es nicht mehr und manche Arbeiter sind sich darüber bewusst , dass sie eine wesentliche Rolle für das Funktionieren der Wirtschaft und der Gesellschaft spielen. Andere hingegen trauern den Tagen des Arbeitskampfes nach, in denen es normal war, für die eigenen Rechte zu demonstrieren und sich während der Arbeits- und der Freizeit neben die Kameraden zu setzen. Die letzten Berichte stammen von Arbeitern, die von sehr viel weiter her als Süditalien kommen und uns erklären, dass das Phänomen der Migration und der Veränderung in der Natur des Menschen liegt und Teil der Weltgeschichte ist.

Die Wiederentdeckung unserer Geschichte, um zu verstehen, wer wir sind

Francesca Comencinis Absicht ist von Beginn an klar: Sie möchte von den Arbeitern erzählen in einer Zeit, in der über sie normalerweise nur in Bezug auf tödliche Arbeitsunfälle berichtet wird und somit ihre Stimmen für alle hörbar machen. Dass der Film acht Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. Er hat nichts von seiner Aktualität verloren und die Entscheidung, ihn noch einmal anzuschauen, lässt ein gemeinschaftliches Bewusstsein zutage treten, dass oft zugunsten anderer Empfindungen unterdrück wird. Es ist richtig, unsere Vergangenheit zu kennen und von dem Gefühl berührt zu sein, diese Wurzeln zu teilen, die ein wesentlicher Motor unserer Zeit sind.

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Dieser Artikel stammt von unserem Team Cafébabel Torino.

Im Februar 2016 wird das Team von Cafébabel Torino in Berlin bei der Berlinale zu Gast sein und direkt von dort berichten. Stay tuned!