Gesellschaft

Tierluxus - hundeelend

Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2007
Das Haustier ist in der Gesellschaft fest etabliert und auch in Europa boomt der Markt für Hunde- und Katzen-Accessoires.

"Unser Haus ist seit 30 Jahren für Hunde da!" Jacques Palombo zeigt auf seine T-Shirt-Kollektion entlang der rosafarbenen Wände seines Geschäfts und ist stolz auf seine Marke. Denn 'Chez Toutou' in Brüssel ist nicht einfach nur ein Hundesalon, sondern eine Institution in der Tiermodewelt. Das Familienunternehmen, das sein Vater gegründet hat, ist heute eine internationale Kette, die bereits ein zweites 'Toutou' in Alicante in Spanien eröffnet hat und in Kürze auch in der belgischen Hauptstadt expandieren wird: mit einer Filiale für Luxusartikel.

Dog sitting und Pauschalurlaub 'für Hundchen'

Nach den Vereinigten Staaten und Japan hat die 'Haustiermanie' auch Europa erreicht. Früher nur der gesellige Begleiter, erfüllt das Haustier nun die Aufgaben eines sozialen Vermittlers, der die emotionalen Bedürfnisse der Menschen kompensiert. Heute ist es an den Katzen und Hunden, die Vereinzelung in der Großstadtgesellschaft wieder humaner zu gestalten. So kommt es zu Phänomenen wie dem 'Modetier', das als Statussymbol herumgereicht wird.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Wochenmagazins Business Week bestätigt, dass der Markt rund ums Haustier mit annähernd 29 Milliarden Dollar Jahresumsatz bereits den der Kulturausgaben übersteigt: 60 Prozent fließen allein in den Dienstleistungssektor. Hier deutet sich eine Entwicklung an: die Haustiermarotte – auch das Marketing hat sie mittlerweile für sich entdeckt - ist überall in Europa auf dem Vormarsch. Umfragewerte des INSEE (Institut National de la Statistique et des Études) im Jahr 2001 zeigen Frankreich als einen der Spitzenreiter unter den Haustierbesitzern in Europa. Der Jahresumsatz des Tiermarkts wurde schon damals auf 4,4 Milliarden Francs (in etwa 600 Millionen Euro) geschätzt. In mehr als der Hälfte der französischen Haushalte lebt mindestens ein Haustier.

Das Phänomen ist zu einem lukrativen Geschäft geworden, vor allem im Bereich der Luxusartikel. Internetfernsehen für Hunde oder Infoportale für Haustiere, wie 'monfideleami.com'(dt. mein treuer Freund), Tierpsychiatrie und Angebote für 'dog-sitting' (LINK: http://www.dogsitting.asso.fr/) – für unsere pelzigen Freunde ist nur das Beste gut genug. Tierpaläste machen Pauschalangebote 'Wellness und Entspannung für ihren lieben Kleinen', Leibwächter werden gebucht und Erbschaften gemacht; das Haustier ist König. In seinem Gucci-Fressnapf landen keine banalen Hundekuchen mehr. Die Hersteller von Tiernahrung wie Royal Canin oder Felix überbieten sich mit neuen Kreationen: Traubenzucker, Vitamin C oder Pastetchen gegen Fettleibigkeit oder Herzprobleme werden dort entwickelt. Auf Wunsch des werten Hundes liefert die Pariser Konditorei 'Mon Bon Chien' auch Kekse auf Bestellung, garantiert zuckerfrei und ohne Konservierungsstoffe. Absurd?

'Desperate Housedog'

In der Boutique von Jacques Palombo türmt sich jeder nur erdenkliche Schnickschnack in den Regalen. "Als Paris Hilton ihren Chihuahua eingekleidet hat, kam die halbe Welt in den Laden gestürmt, um dasselbe T-Shirt zu kaufen", erzählt Palombo.

In seinem Katalog finden sich schicke kleine Fleecemäntel für den Vierbeiner, außerdem kleine Faltenröcke, schwarze Jeans mit Goldgürtel, Blümchenkleider für den Sonntagsspaziergang im Grünen oder ein sexy Leopardenhemd für die heiße Nacht mit der läufigen Hündin. "Diese Saison sind militärische Tarnmuster sehr angesagt", erläutert der Verkäufer. Schirmmützen, Brillen, Halstücher gehen ohnehin immer. Der Verkaufsschlager des letzten Sommers ist dagegen das T-Shirt mit dem Aufdruck 'Desperate Housedogs' gewesen. Und keiner hält das für ein Zeichen?

Die Brüsseler Modeszene hat dabei einen schweren Stand im Konkurrenzkampf mit den europäischen Metropolen, wo die aufgedonnerten Schoßhündchen Gefahr laufen, sich neben ihren Kollegen aus Mailand oder dem Pariser Marais als armselige Provinzgrößen fühlen zu müssen. Dort geht keiner ohne seinen Burberry-Kragen, vor allem, wenn er passend zu dem seines Herrn ausgesucht ist. "Der letzte Schrei in Paris sind Spezialhalsband und Leine von einer schwedischen Firma, die den Eingeweihten signalisiert, dass das Herrchen Single ist", erklärt die Chefredakteurin der Zeitschrift Fashion pets.

'Chez Toutou' führt zwar perlengefasste Fressnäpfe, diverse Schönheitsprodukte und ein breites biologisches Nahrungssortiment, "aber keine Möbel". Keine Minigarderoben und kleine Himmelbetten, die endlich den ordinären Hundekorb ersetzen könnten. Aber die Wägelchen im Schaufenster "gehen weg wie warme Semmeln! Vorne ist sogar eine kleine Tasche für den Ausweis drin". Dafür kostet die Neurose dann extra.