Gesellschaft

"Tiere essen" oder Europa vegetarisch

Artikel veröffentlicht am 24. August 2010
Artikel veröffentlicht am 24. August 2010
Gerade ist Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen auf Deutsch erschienen und der Autor wird in der Bundesrepublik als neuer vegetarischer Messias gefeiert. Lauch statt Leberwurst, Tomaten statt Töten: Gefühlt begeben sich immer mehr Europäer auf den Pfad der fleischlosen Erleuchtung.

Der Zeitpunkt der deutschen Veröffentlichung von Foers Bestseller hätte nicht besser gewählt sein können: In Dortmund und Stuttgart feierte am 14. August der Veggie Street Day Besucher-Rekorde, die Gammelfleisch-Skandale der letzten Jahre lassen das Steak auf dem Teller nicht mehr ganz so appetitlich wirken … Das vegetarische Erdbeben ist das allerdings nicht, auch wenn eine Flut von Presseberichten anderes suggeriert. Zwar hat es Tiere essen in die Top 3 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Aber: Nur 1.3 Millionen Deutsche ernähren sich tatsächlich vegetarisch, das sind schlappe 1.6 Prozent der Bevölkerung.

Eine Million Vegetarier soll es in Frankreich schon geben. Und das in einer Nation, wo gestopfte Gänseleber (foie gras) als Delikatesse gilt. Was französische Vegetarier eint ist eine „refuznik“-Einstellung (frei übersetzt „Verweigerer“) gegenüber der modernen Gesellschaft.

Melone ohne Parmaschinken? Geht doch!

Bei anderen Lebensmitteln war das bisher nicht immer klar gekennzeichnetSpitzenreiter, was die Anzahl fleischlos (glücklich) lebender Menschen angeht, ist Großbritannien. Drei Millionen Briten verzichten auf Schnitzel und Co – einer Studie von Nielsen und EURISPES (European Institute of Political, Economical and Social Studies) zufolge könnten sie jedoch bis Ende des Jahres von den Italienern überholt werden - 7 Millionen italienische Vegetarier soll es dann geben, 30 Millionen im Jahr 2050. Ja, genau die Italiener, die ihre Melone ohne Parmaschinken überhaupt nicht herunterbekommen! Italienische Ärzte beäugen den neuen Trend skeptisch, denn unter den Neu-Bekehrten finden sich besonders viele minderjährige Mädchen, die aufgrund ihrer vegetarischen Ernährung an Eisen- und Kalziummangel leiden.

Die „Vegetarierfreundlichste Stadt Europas“ befindet sich in Gent: Seit 2009 gibt es dort einen fleischfreien Tag pro Woche („Donderdag Veggiedag“ - Donnerstag Vegetariertag). In Zürich speist man im ältesten vegetarischen Restaurant Europas. Seit dem 16. Juni haben Vegetarier auf europäischer Ebene außerdem mehr Rechte: Das Europäische Parlament beschloss das neue Lebensmittelinformationsgesetz, die Begriffe „vegetarisch“ und „vegan“ dürfen nicht mehr für Lebensmittel verwendet werden dürfen, die Produkte getöteter Tiere enthalten.

Eine Mehrheit sind Vegetarier in Europa nicht - aber anscheinend eine einflussreiche Minderheit. Noch.

Das Buch: Tiere essen von Jonathan Safran Foer

„Sobald wir unsere Gabel heben, beziehen wir Position“ - und genau das tut Jonathan Safran Foer in seinem 2009 in den USA erschienenen Buch. Dabei ist der Romanautor („Alles ist erleuchtet“, „Extrem laut und unglaublich nah“) keiner von denen, der beim Essen pikiert auf den Teller des Nachbarn starrt („Weißt du eigentlich, was du da isst?“) oder der schon immer ein überzeugter Vegetarier war. Im Gegenteil: Erst die Geburt seines Sohnes bringt Foer zum Nachdenken. Er will wissen, was genau auf den Tellern seiner Familie landet und begibt sich auf Recherchereise. An deren Ende steht die Erkenntnis, dass Foer selbst nicht mehr guten Gewissens Fleisch essen kann.

Den Leser erwarten in Tiere essen viele Zahlen und Statistiken - aber auch Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, von der Tierrechtsaktivistin, die nachts in Legebatterien einsteigt bis hin zum Schlachter, der den Tieren einen würdigen Tot ermöglichen möchte. Dabei wird Foer nie dogmatisch, er verdichtet die Informationen, Statistiken und persönlichen Berichte zu einer Collage, die den Leser nicht kalt lassen kann: Dort eine Begriffsdefinition, hier die Stellungnahme eines Rinderfarmers, dazu wissenschaftliche Erkenntnisse über Umweltverschmutzung durch Massentierhaltung und die Ähnlichkeiten zwischen Tieren und Menschen. Denn tatsächlich gibt es bei letzteren mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Und so erspart Foer seinen Lesern dann auch nicht die Erkenntnis, dass das, was da auf unseren Tellern liegt, Kadaver sind. Vielleicht wird nicht jeder durch die Lektüre des Buchs zum Vegetarier. Um ein Überdenken der eigenen Ernährungsgewohnheiten kommt man jedoch nicht herum.

Fotos: Artikellogo ©Phil Dowsing/eco-photography/flickr; ©katerha/flickr; Video ©trailerjack111222/YouTube