Gesellschaft

The Bike Projekt: Gratis-Fahrräder für Flüchtlinge

Artikel veröffentlicht am 23. März 2016
Artikel veröffentlicht am 23. März 2016

Im vergangenen Jahr haben immer mehr Flüchtlinge ihr Heimatland gen Europa verlassen. Doch nach ihrer Ankunft ist die Odyssee längst nicht vorbei. Zwischen Aufnahmezentren und Bürokratie gibt es viele Hindernisse. The Bike Project in London soll Flüchtlingen zumindest bei einem Problem helfen: in einer der größten und teuersten Städte Europas von A nach B zu kommen.

Eines der größten Probleme für Asylbewerber in London - abgesehen von der ewigen Warterei auf eine Aufenthaltserlaubnis - ist der öffentliche Nahverkehr. London ist eine Metropole, die sich über eine Fläche von über 1.500 km² erstreckt: Von einem Stadtteil in den nächsten zu fahren, erfordert Zeit - und Geld.

Jeder Asylbewerber bekommt von der britischen Regierung 36 Pfund (ungefähr 46 Euro) pro Woche. Die Verwaltungsverfahren für Asylanträge können Jahre dauern. Während dieser Zeit dürfen Flüchtlinge aber nicht arbeiten. Mit so einem niedrigen Einkommen ist es praktisch unmöglich, die Kosten für öffentliche Verkehrsmittel zu tragen: Ein Wochenticket für den Bus (ohne Züge, Tram oder U-Bahn) kostet ungefähr 21 Pfund.

All das hat uns Jam erzählt. Er ist der Gründer von The Bike Project, einem Verein, der Asylbewerbern helfen will, sich in der englischen Hauptstadt fortzubewegen. Dazu stellen sie ein kostenloses Transportmittel zur Verfügung: das Fahrrad! In den nächsten fünf Jahren könnte Großbritannien bis zu 25.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen, sagt Jam: Mit diesem Projekt könnte jeder von ihnen 20 Pfund pro Woche sparen.

Außer der Geldfrage hat das Projekt noch andere positive Effekte: Mit Fahrrad fühlen sich die Flüchtlinge unabhängiger und selbstbewusster. Die sportliche Aktivität hilft gegen Depressionen, unter denen Flüchtlinge oft leiden, und Angst. Diese emotionalen Vorteile sind genauso wichtig wie die praktischen.

Die meisten Fahrräder gehören zu den 27.500 Rädern, die jedes Jahr in London stehengelassen werden. Es gibt aber auch Spenden von Privatpersonen, Firmen und Organisationen. The Bike Project gibt sie kostenlos an Asylbewerber und Flüchtlinge weiter. Allerdings muss bei jedem Fahrrad etwas repariert oder angepasst werden. Deshalb hat Jam sich entschlossen, in einer spezialisierten Fahrradwerkstatt zu lernen. Jetzt beschäftigt er ein Mechaniker-Team in Vollzeit, das immer hilfsbereit zur Seite steht.

Die Organisation hat ein paar Angestellte, ist jedoch vom Einsatz der Freiwilligen abhängig. Viele Freiwillige bringen sich in dem Projekt ein. Sie helfen bei der Annahme und Sortierung der Räder oder schrauben in der Fahrradwerkstatt. Das Projekt hilft Asylbewerbern nicht nur, es stellt sie auch ein. Einer der Teilzeitarbeiter kommt aus Eritrea: Er gehört mittlerweile zu den besten Mechanikern im Verein.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.