Gesellschaft

Thalys Babies: Adoption in Hochgeschwindigkeit

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2007
Von der rigiden Gesetzgebung für Adoptionen im eigenen Land entmutigt, lassen sich immer mehr lesbische Paare in Belgien oder Holland künstlich befruchten.

"Thalys Babys" oder auch "Samen-Tourismus", Marie- Pierre kann es nicht mehr hören. Als lesbische Mutter ist sie der Meinung, dass diese Ausdrücke "dem einfachen Kinderwunsch und dem Bedürfnis als Paar eine Familie zu gründen Unrecht tun". Das Phänomen der Thalys Babys - nach dem Zug, der Paris mit Brüssel und Amsterdam verbindet, benannt - ist bisher noch wenig verbreitet. Es gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung. Immer mehr französische Lesben fahren nach Belgien oder Holland, um sich dort künstlich befruchten zu lassen.

Marie- Pierre und ihre Lebensgefährtin haben sich im Jahr 2000 entschieden. Damals wollten sie zunächst ein Kind adoptieren, doch die Prozedur erwies sich als zu kompliziert in Frankreich. Die französische Gesetzgebung verbietet Adoptionen durch homosexuelle Paare, auch wenn diese Gesetzgebung als unvereinbar mit den europäischen Bestimmungen gilt: Laut Artikel 13 des Vertrags von Amsterdam ist jede Art von Diskriminierung "aufgrund der sexuellen Orientierung" rechtswidrig.

Im Klartext heißt das: "Um ein Kind zu adoptieren, hätte sich eine von uns als alleinlebende Frau ausgeben und ihre Homosexualität bei den vorangehenden Untersuchungen geheimhalten müssen, um das Einverständnis der DDASS (Direktion für Gesundheits- und Sozialangelegenheiten auf Département-Ebene) zu bekommen", rechtfertigt sich Marie- Pierre.

Ein fruchtbares Phänomen

Wird ein Adoptionsantrag abgelehnt, bleibt nur eine Lösung: die künstliche Befruchtung. Aber in Frankreich steht dieses Verfahren nur heterosexuellen Paare, die unter Unfruchtbarkeit leiden, zur Verfügung. Viele Lesben entscheiden sich deshalb in die Niederlande oder nach Spanien zu gehen. Martine Gross, Forscherin im CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) und Autorin eines Buches über Homo-Elternschaft bestätigt, dass der Prozentsatz der Frauen, die sich zu diesem Schritt entschließen, stetig ansteigt. Während sich 2001 40 Prozent der homosexuellen Frauen auf diesem Weg ihren Kinderwunsch erfüllten, waren es 2005 schon 60 Prozent.

Die Methode wurde so populär, dass die belgischen Fruchtbarkeitskliniken sich gezwungen sahen, gesonderte Einrichtungen für lesbische Paare zu schaffen. 1998 verhalf das Universitätszentrum Erasme etwa 30 lesbischen Paaren zu einem Kind. Im Jahre 2000 gab es bereits 170 Dossiers. Auch Kampagnen, um zusätzliche Samenspender zu finden, wurden ins Leben gerufen. Aufgrund des Andrangs, musste das Krankenhaus 2002 eine Obergrenze von 600 Befruchtungen pro Jahr festlegen. Andere Institute entschieden sogar, spezielle Krankenhauszeiten im Jahr für französische Lesben zu reservieren.

Anne Delbaere, Ärztin im Erasme Institut, unterstreicht, dass die Methode der künstlichen Befruchtung "sowohl für die Frauen als auch für die Ärzte, die ihnen helfen wollen, frustrierend ist. Es wird Zeit, dass die französischen Politiker reagieren und den Tatsachen ins Auge sehen", erklärt sie.

Nach Schätzungen überqueren an die 600 "Thalys Babys" direkt nach ihrer Zeugung die belgisch-französische Grenze. In Spanien ist die künstliche Befruchtung ebenfalls möglich, wird aber nur in Privatkliniken angeboten. "Infolgedessen ist die Prozedur auch zwei bis dreimal so teuer wie in Belgien", präzisiert Franck Tanguy, Mitglied des Schwulen und Lesbischen Elternvereins (APGL- Association des Parents Gays et Lesbiens).

Latente Scheinheiligkeit

In Frankreich ist nur die biologische Mutter gesetzlich anerkannt. Im Gegensatz zu den Nachbarländern haben Homo-Eltern dort keinen offiziellen Status und können ihre Situation bei öffentlichen Volkszählungen nicht angeben. Laut Martine Gross haben zwischen 200.000 bis 300.000 Kinder in Frankreich homosexuelle Eltern. Nach einer Umfrage, die das französische Magazin Têtu 1997 durchgeführt hat, haben 11 Prozent aller Lesben und 7 Prozent aller Schwulen ein Kind. Es wird geschätzt, dass sich dieser Prozentsatz in 10 Jahren verdoppelt haben wird.

Tag für Tag leben homosexuelle Eltern in einer offiziell "illegalen" Situation. Die Lebensgefährtin von Marie-Pierre, die im Alltag drei Kinder großzieht, ist laut Gesetz eine Fremde. Sie kann im Klassenbuch nicht für ihre Kinder unterschreiben, an Elternabenden teilnehmen oder medizinische Entscheidungen treffen. Im Fall einer Trennung, behält der biologische Elternteil die Kinder. Der Partner hat keinen Anspruch auf das Sorge- oder Besuchsrecht. Im Todesfall kann er seinen Kindern nichts hinterlassen.

Marie-Pierre erzählt, dass "ironischerweise die französische Familienbeihilfskasse CAF (Caisse d’Allocation Familiale) ihren Haushalt anerkennt und ihre Lebensgefährtin sogar Elternurlaub gewährt wurde".

Im Alltag werden allerdings nur wenige Fälle von offensichtlicher Diskriminierung bei der APGL angezeigt und die Erziehung der Kinder erfolgt ohne größere Hindernisse. Die Namen beider Mütter oder Väter stehen auf der Krankenakte des Kindes und die Ärzte sehen sie als ein Elternpaar an.