Gesellschaft

Terror in London: Keep Calm and Carry On

Artikel veröffentlicht am 23. März 2017
Artikel veröffentlicht am 23. März 2017

Londons Polizei identifizierte Khalid Masood als den Fahrer des Wagens, der am Mittwoch bei einem Anschlag vor dem Britischen Parlament in eine Menschenmenge raste, vier Menschen tötete und 40 verletzte. Nur 24 Stunden später versucht die Stadt ihren Alltag wiederzufinden. 

Am Mittwoch um 14 Uhr 40 Ortszeit wurde London Opfer eines Terroranschlages.

Es begann, wie es immer beginnt. Die Informationen sickerten langsam durch. Auf Twitter wurden Berichte über ein erhöhtes Polizeiaufkommen nahe Westminster gepostet. Andere berichteten, Schüsse gehört zu haben. Nach und nach tauchten Fotos auf. Diese waren zuerst unscharf, weil sie von Passanten mit Handykameras aufgenommen waren. Mit der Zeit machten die Amateuraufnahmen Platz für professionell aufgenommene Fotos. Ein ganzer Schwall von Informationen, manche widersprüchlich, die eine schreckliche und schrecklich familiäre Geschichte erzählten. 

„Wir waren mitten in einer Sitzung, als es passierte“, sagt Georgia Sanders, eine 26-jährige Editorin, die nahe der Tottenham Court Road arbeitet. „Als ich zurück in mein Büro kam, hatte ein Kollege bereits per Email einen Link zu den aktuellen Nachrichten herumgeschickt.“ Meine erste Reaktion war Wort für Wort: „Shit!“

Alex Fargier, ein französischer Journalismus-Student an der London Metropolitan University saß gerade im Unterricht, als sich die Nachrichten verbreiteten. „Als es hieß, dass die Polizei den Vorfall wie einen Terroranschlag behandle, sagte ich mir, 'das' ist nicht wirklich in London passiert ist - auch wenn es sich nur um einen Einzeltäter und nicht um einen großen koordinierten Anschlag handelte. Mir war sofort klar, dass der Vorfall die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen würde, denn es handelte sich um den ersten 'größeren' Terroranschlag in London seit dem Aufstieg des ISIS.“

Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Ankara und jetzt auch London - das ist nicht wirklich die Brüderschaft, der London beitreten sollte. Aber diesmal ist es anders. Während das europäische Festland traurigerweise bereits an diese Art von Anschlägen in den letzten Jahren gewöhnt ist, wurden die Briten auf der anderen Seite des Ärmelkanals bisher verschont. Der letzte größere Terroranschlag auf britischem Boden fand am 7. Juli 2005 statt, als Selbstmordattentäter 52 Menschen in den Tod rissen und mehr als 700 verletzten. 

Viral Shah erinnert sich noch gut an die Ereignisse vor 11 Jahren. Er  sagt, dass die Angst damals stärker war als heute. Das hätte vor allem daran gelegen, dass 9/11 noch so frisch war und Großbritannien an den Kriegen im Irak und in Afghanistan beteiligt war.

Heute, genau wie 2005, tut London alles dafür, seinem Motto „Keep Calm and Carry On“ treu zu bleiben. Beide Häuser des Parlaments tagten bereits am Donnerstag wieder wie geplant. Nachrichten der Hoffnung und des Trotzes wurden auf Tafeln der Metrostationen in der ganzen Stadt geschrieben. 

Aber was bei Interviews mit den Menschen wirklich auffiel, war das Gefühl der Müdigkeit. Nachdem 24-Stunden-Nachrichtensender jahrelang damit verbrachten, die Opfer zu zählen, sind die Menschen nun abgehärtet. Virals erste Worte, als er von dem Anschlag hörte, waren: „Oh nein, nicht schon wieder!“ Agata Zielinska, eine Doktorandin, verfolgte zwar die Geschehnisse auf Twitter, schaffte es aber dennoch den Artikel zu beenden, den sie bereits begonnen hatte zu lesen. 

Kacper Slolina, ein Freelance-Filmemacher, ist der Meinung, dass ein Teil der Reaktion daran liegt wie der Anschlag ausgeführt wurde: „Der Unterschied zwischen diesem Anschlag und dem, was in Paris, Nizza oder Berlin geschah ist, dass das was in London passierte, ständig überall passiert. Menschen werden in großen Städten nunmal andauernd erstochen und Autos überfahren Fußgänger. Es ist schrecklich, aber es passiert. Diesmal war es natürlich ein gezielter Anschlag, aber am Ende war der einzige Unterschied bei dem was in London passiert ist der Ort des Geschehens. Vor wenigen Wochen wurde jemand nicht weit von meiner Wohnung erschossen und die Medien interessierten sich kaum dafür.“

„Wenn der Anschlag größeren Ausmaßes gewesen wäre, koordiniert und vor allem an die Bevölkerung gerichtet, wäre die Angst sicher größer“, sagt Alex.

Dennoch hat Georgia das Gefühl, dass die eher gedrückte Reaktion nicht an der Desensibilisierung, sondern vielmehr an dem Trotzverhalten der Menschen liegt: „Es ist schrecklich, dass wir so gut vorbereitet sind, weil wir uns an solche Geschehnisse bereits gewöhnt haben. Aber genau das macht uns doch auch stärker. Wir ignorieren nicht das Leid oder die Tragödie mit der wir es zu tun haben, aber unsere unerschütterliche Haltung wird gestärkt. Wir machen einfach weiter wie bisher, als eine Form von Protest. Das ist unsere Art zu sagen 'Fuck you! Wir lassen uns nicht einschüchtern.' Es geht nicht um 'Business as usual' in dem Sinne, dass es uns egal ist.“

Der Anschlag wird nur wenig dazu beitragen, die Spannungen beizulegen, die bereits von vielen Ausländern aller Glaubensrichtungen in Großbritannien gespürt werden und sich seit dem Brexit-Referendum im letzten Sommer noch verstärkt haben. Aber Kacper, der selbst Pole ist, sagt, er fühle sich seit den Anschlägen nicht weniger sicher: „In London leben so viele Menschen aus verschiedenen Kulturen, dass ich mich hier nie wirklich unsicher gefühlt habe.“

„Im Zug spielte heute jemand Klavier“, sagt Alex. „Momentan kann ich nur daran denken, dass es ein ganz normaler Tag in London ist.“